Frei gesprochen
Max Riemelt und Hanno Koffler spielen in „Freier Fall“ zwei Polizisten, die sich in der deutschen Provinz ineinander verlieben. MÄNNER traf die beiden in der deutschen Hauptstadt zu einem Gespräch über schwule Identität und Sexszenen unter Freunden
Text und Interview: Paul Schulz
Fotos: Bernhard Musil
Grooming: Anna Neugebauer – Bigoudi
Hanno Koffler und Max Riemelt sind ein schönes Paar. Im Kino jedenfalls. Im wahren Leben sitzen die beiden Schauspieler an einem für alle Beteiligten unangenehm frühen Donnerstag Morgen leicht abgepudert nebeneinander auf der Couch des Fotografen Bernhard Musil, der sie wenig später für das Cover der MÄNNER ablichten wird und gucken sehr zufrieden.
Dazu haben sie allen Grund. „Freier Fall“, der Streifen wegen dem wir alle hier sind, ist der vielleicht beste Film mit schwulen Figuren, den es seit „Sommersturm“, immerhin neun Jahre alt, im deutschen Kino zu sehen gibt. Und trägt seinen beiden Stars, seit er im Februar auf der Berlinale die „Perspektive Deutsches Kino“ eröffnet hat, viel Ruhm und Ehre ein.
Damit war nicht unbedingt zu rechnen. „Freier Fall“ ist der erste Spielfilm von Regisseur Stephan Lacant und das erste Drehbuch von Autor Karsten Dahlem, hatte ein eher übersichtliches Budget und erzählt die Geschichte zweier Polizisten die sich in einer kleinen, nicht näher bezeichneten Stadt irgendwo in Deutschland ineinander verlieben. Ganz ohne Kitsch und ohne die Story sexuell fürs heterosexuelle Publikum zu entschärfen oder inhaltlich zu vereinfachen.
Sie geht so: Marc (Hanno Koffler), Anfang 30 erwartet mit seiner Freundin Bettina (Katharina Schüttler) ein Kind und ist gerade in einen Flachbau mit kleinem Garten gezogen, direkt neben dem Haus seiner Eltern. Als er auf einer Fortbildung den jüngeren Kollegen Kay (Max Riemelt) kennenlernt. Der kifft, fährt einen Jeep und will „Das System von innen unterwandern“. Bei einem gemeinsamen Lauftraining kommt es zu einem ersten, versehentlichen Kuss, den Marc „Was soll die Scheiße?“ findet und Kay als „nur ein Spaß“ abtut. Mehr war erst mal nicht. Marc fährt nach Hause, schläft mit seiner Freundin und denkt ab und zu an Kay.
In der zweiten Runde der Fortbildung treffen die beiden Männer wieder aufeinander und dieses Mal passiert tief im Wald mehr als nur ein Kuss, wovor Marc sprichwörtlich Reißaus nimmt.
Das könnte es gewesen sein, würde sich Kay nicht wenig später in Marcs Einheit versetzen lassen und einfach nur abwarten, bis Marc endlich soweit ist. Dann beginnt etwas, dass das Leben aller Menschen die es betrifft verändert, zum Guten oder Schlechten, am Ende des Films ist niemand mehr, wer er am Anfang war. Es gibt ein Happy End, aber kein Konventionelles. Trotzdem ist man als schwuler Kinozuschauer nach 100 Minuten sehr glücklich.
Denn „Freier Fall“ ist ein kleines Wunder: ein deutscher Film, in dem zwei hervorragende Schauspieler ein ganz und gar glaubwürdiges männliches Liebespaar abbilden, inklusive völlig unverschämter, beängstigend intimer Sexszenen, die es so noch nie zu sehen gab und die Koffler und Riemelt nicht nur bei Kerlen die auf Kerle stehen endgültig zu Sexsymbolen machen werden.
Der Film ist bis auf die kleinsten Nebenrollen wunderbar gespielt und glänzt mit hübschen Einfällen, wie dem, die offen lesbische Maren Kroymann als Marcs homophobe Mutter zu besetzen. Das Drehbuch verschwendet nicht ein einziges Wort, sondern vertraut ganz zu Recht auf Darsteller und Regisseur Lacant. Der empfiehlt sich mit „Freier Fall“ für sehr viel Größeres. Subtil, gekonnt aber nicht gekünstelt, baut er um seine Darsteller eine kleine, aber komplett realistische Welt, in der hinter den Türen deutscher Provinzbehausungen Homophobie und Spießigkeit genauso lauern wie Verständnis und die Sehnsucht danach ein größerer Mensch zu sein, als man ist. „Wir haben nur ein echtes Arschloch im Film, den homophoben Kollegen. Und der war nötig, um zu zeigen, dass es die gibt.“, erklärt Koffler. Der Rest sind 50 Graustufen Liebe, zwischen denen Marc und Kay sich finden müssen, ohne zu wissen wie.
Eröffnungsfrage, Jungs, habt ihr euch lieb?
(beide lachen)
Koffler: Haben wir uns was?
Riemelt: Ob wir uns lieb haben.
Koffler: Schon, ja.
Riemelt: Das kann man so sagen.
Und ihr kennt euch seit zehn Jahren, richtig?
Riemelt: Ja, da haben wir „Hallesche Kometen“ zusammen gedreht.
Aber befreundet seit ihr noch nicht so lange, oder?
Riemelt: Nein, so richtig Freunde sind wir erst, seit wir vor zwei Jahren zusammen in Marokko „Auslandseinsatz“ gedreht haben, einen Film über junge Soldaten. Das war hart, nicht nur körperlich, aber die Atmosphäre am Set war auch ein bisschen wie im Ferienlager und es hat echt Spaß gemacht, mit Hanno Zeit zu verbringen. Beim Drehen, aber auch einfach so, wenn man zusammen Freizeit hatte und Marrakesch kennengelernt hat. Und da finden sich dann halt Freunde fürs Leben.
Koffler: Aber wir kannten uns vorher, hatten Respekt vor der Arbeit des anderen und konnten uns gut leiden.
War es für die Dreharbeiten zu „Freier Fall“ gut oder schlecht, dass ihr befreundet seit?
Koffler: Im Nachhinein hätte es fast eine Bedingung sein müssen, weil es für mich nicht mehr vorstellbar ist, das mit irgendjemand anderem zu spielen. Das war schon ideal.
Riemelt: Für mich gäb’s da auch keine Alternative zu Hanno. Natürlich könnte man das auch mit einem anderen Kollegen spielen, rein technisch, aber um Verliebtheit glaubhaft rüber zu bringen, bedarf es schon einer gewissen Form von Vertrautheit, die man nicht so von jetzt auf gleich herstellen kann.
Findet ihr euch schön?
Koffler: Naja, Max ist ein sehr gut aussehender Kollege, ein schöner Mann.
Riemelt: Und Hanno hat keinen Mundgeruch.
Ist das die Vorraussetzung für glaubhafte schwule Liebesszenen: keinen Mundgeruch haben?
Riemelt: Man muss da ganz praktisch denken. (grinst)
Hanno, hattest du nach „Sommersturm“, wo du einen sehr selbstbewussten Schwulen gespielt hast, Angst, wieder eine schwule Rolle anzunehmen, weil du vielleicht nicht festgelegt werden wolltest?
Koffler: Ach Quatsch. Erstmal ist „Sommersturm“ inzwischen wirklich eine Weile her und zweitens guck ich mir schon zuerst an, wie interessant der Stoff und die Rolle sind, wie gut das Buch ist und wie weit ich mich da einbringen kann. Und bei „Freier Fall“ fand ich die Geschichte einfach toll. Da ist jemand, der sich in Frage stellt, komplett, sich neu erfährt, auch mit neuer, erst erwachender Sexualität, erste Erfahrungen in der Richtung macht, und sich daraufhin Fragen nach der eigenen Identität stellt. Mit welchen Körperteilen er dabei konkret zu tun hat, war mir dabei aber egal. Ich fand das Buch großartig, die Geschichte toll, die Dreieckskonstellation die da entsteht unheimlich spannend, habe mir aber keinerlei Sorgen gemacht, weil das jetzt vielleicht schon wieder eine schwule Geschichte ist. Darum geht es nicht.
Max, du hast während der Dreharbeiten in einem anderen Interview gesagt, ich zitiere: „Ich spiele gerade einen schwulen Bullen, so richtig mit ficken, total toll.“ War’s toll?
Riemelt: Sowas sagt man natürlich auch, um zu provozieren. Aber es war schon auch toll, ja. Ich wollte schon länger einen Schwulen spielen.
Warum?
Riemelt: Nicht, „um mal einen Schwulen zu spielen“. Sondern um in so eine Figur einzusteigen und das glaubhaft rüberzubringen, aus mir heraus. Auch um meine Palette zu erweitern und weil es darum geht, als Schauspieler in jeder Figur zuhause sein zu können, das ist klar. Man will ja nicht auf den Frauenhelden festgelegt werden. Aber ich habe auch nicht auf Biegen und Brechen nach einer schwulen Rolle gesucht, sondern das hat schon länger gedauert, bis da was gepasst hat. Weil, ich wollte keine Figur spielen, die ein tuckiges Klischee ist und dem Publikum alle fünf Minuten durch irgendeine bescheuerte Aktion, beweisen muss, dass sie schwul ist. Ich wollte eine Figur, die diese Sexualität hat, aber in der ich mich trotzdem wiederfinden kann. Und als ich das Drehbuch zu „Freier Fall“ zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mich an vielen Stellen in Kay wiedererkannt.
Wo denn genau?
Riemelt: In der Frotzelei mit Marc, den er halt aufzieht, weil er ihn mag. In Kays Art, die relativ ruhig und gelassen scheint, wo es aber innerlich abgeht. Da ist viel von mir drin.
Die Sexszenen im Film sind sehr gelungen und total glaubwürdig, was ganz selten ist in Filmen mit schwulen Figuren. Wie kommt das?
Koffler: Wir haben da viel ausprobiert, obwohl wir ja von Kamera- und Licht, wegen der fast Dogma-artigen Bedingungen, nicht ganz soviel Freiheit hatten. Es sollte alles ganz natürlich sein.
Riemelt: Aber letztendlich entsteht ein Film auch am Schneidetisch und da war es hier glaube ich sehr wichtig, dass den Film mit Monika Schindler jemand geschnitten hat, der es so macht, das es für beide Geschlechter funktioniert, weil es eben nicht schwul oder hetero ist, sondern einfach schön und intim.
Findet ihr diesen Szenen selber erotisch, wenn ihr sie anguckt?
Riemelt: Ich finde sie sehr ästhetisch und auf dieser Ebene echt schön, aber nicht erotisch. Ich stehe nicht auf die Körper anderer Jungs, weil ich nun mal hetero bin, kann aber trotzdem ganz gut erkennen, ob die Interaktion zwischen den männlichen Körpern da vor mir funktioniert. Und das tut sie.
War es merkwürdig das zu spielen, gerade weil ihr gut befreundet seid?
Koffler: Im Gegenteil. Es war auch hier sehr wichtig, dass wir uns gut kennen. Weil du dich so viel besser fallenlassen kannst, während du spielst, weil du dich einfach sehr sicher fühlst. Nicht nur bei den Liebesszenen ist es so, dass wir beide beim Arbeiten nicht gerne Kompromisse eingehen. Und da war es gut, dass wir uns vertrauen konnten, aber auch unserem Regisseur Stephan Lacant.
Max, hat es dich eigentlich gestört, dass deine Figur, diejenige ist, die beim Sex immer der Passive ist?
Riemelt: Das sehe ich gar nicht so. Ich habe das mit dem Regisseur besprochen und wir sind dabei rausgekommen, dass ich da schon etwas zulasse, aber gleichzeitig auch die Kontrolle habe, weil ich ja der Erfahrene von den beiden bin. Für Marc ist das ja alles neu, es ist ja nicht so das der da einfach drauflos … Kay führt den ja auch ein in das was die beiden zusammen machen … er sagt wo es langgeht, weil er ist ja …
Das Wort nachdem du suchst heißt „Powerbottom“?
Koffler: Ich wusste immer, dass du sowas bist. Wie war das Wort?
Riemelt: Powerbutton.
Bottom.
Riemelt (lacht): Powerbottom. Wieder was gelernt. Das kannte ich noch nicht.
Würde ich falsch liegen, wenn ich sagen würde, dass Kay derjenige ist, der Marc zuerst will, aber Marc derjenige ist, der sich zuerst in Kay verliebt?
Riemelt: Wenn du das so sehen willst, klar kann das so sein.
Wie habt ihr diese emotionale Kurve denn gespielt?
Riemelt: Du weißt doch hinterher sowieso nicht, was am Schneidetisch entschieden wird, da kannst du dir schönsten Gedanken machen, im Schnitt wird neu gewürfelt und du bist raus.
Koffler (lacht): Da möchte ich dem Kollegen Riemelt widersprechen. Man legt Rollen schon irgendwie an.
Riemelt: Ja, klar. Trotzdem ist es so, dass im Schnitt entschieden wird, welche Blicke stehengelassen werden und welche nicht und das ist dann schon manchmal entscheidend dafür, wie Charaktere so wirken und welcher Fokus in einer bestimmten Szene plötzlich ganz woanders liegt, als du dachtest.
Koffler: Das stimmt.
Verführt Kay Marc eigentlich?
Riemelt: Klar, tut er. Aber nicht wirklich bewusst oder platt. Das ist einfach ein Programm was abläuft, gepaart mit ganz echtem Interesse an dem Menschen und einer wahnsinnigen sexuellen Anziehung. Liebe kommt später, aber der Übergang ist fließend..
Koffler: Sexualität und Liebe kann man sowieso nicht teilen.
Da würden dir jetzt viele schwule Männer widersprechen.
Koffler: Ich glaube nicht, dass sich das trennen lässt.
Schlaft ihr also nur mit Frauen, die ihr liebt?
Koffler: Na, in dem Moment schon.
Riemelt: Aha. (lacht).
Koffler: Es gibt ja viele Spielarten und Varianten, sowohl von Liebe wie von Sexualität. Ich würde das aber trotzdem nicht trennen wollen.
Ob man das trennen will, ist eine andere Frage.
Koffler: Aber ich glaube wirklich nicht, dass sich das trennen lässt.
Riemelt: Ich finde es wichtig, dass da ein Geheimnis bleibt. Ich kann das nicht so runterrationalisieren, es enträtseln. Für mich spielen da ganz viele Faktoren eine Rolle, die ich so gar nicht entwirren möchte, weil dabei vielleicht etwas verloren geht..
Warum hat die Geschichte in „Freier Fall“ kein Happy End?
Koffler: Hat sie das nicht?
Riemelt: Ist doch Ansichtssache, ich finde es gut, dass die Frage nicht eindeutig beantwortet. Das macht den Film doch erst so spannend.
Koffler: So ist es doch einfach im Leben: Die großen Krisen tun weh, aber in denen liegt auch die entscheidende Persönlichkeitsentwicklung verborgen. Willkommen und Abschied. So ist das im Film auch. Marc muss sich von ein paar Sachen, Vorstellungen, Gewohnheiten verabschieden, muss Dinge hinterfragen, aber dadurch erweitert er seinen ja eigentlich extrem beschränkten Horizont doch enorm. Der sagt nach der Geschichte mit Kay nicht mehr so einfach: „Du gehörst in die Schublade und du in die.“
Ich habe mich während des gesamten Films gefragt, ob die Figur eigentlich schwul ist.
Koffler: Ist das so wichtig? Ich mag es gerade, dass das nicht eindeutig ist.
Riemelt: Das ist ja der Ansatz des Films. Kann oder will man das immer so eindeutig sagen, gibt es da nicht hundert Graustufen, ist es eigentlich nicht viel differenzierter? Sind Gefühle und Sexualität nicht viel komplexer als: „Du hast jetzt mit dem und dem geschlafen, also ist das deine Neigung, also bist du jetzt das und das.“ Diese eindeutigen Schlüsse und Bezeichnungen sind etwas, mit dem ich Probleme habe.
Koffler: Ich finde es gut, dass der Film das mal aufweicht und es anders behandelt.
Ist es auch deswegen wichtig, dass erst weit in der zweiten Stunde des Films Marc überhaupt mal jemand, die Frage stellt, ob er schwul ist?
Koffler: Die Frage ist wichtig, wegen der daraus erwachsenden Konsequenz. Das Publikum stellt sich hoffentlich die Frage: Was wäre wenn er es wäre? Was würde das für sein Leben, seine Beziehung, sein Vatersein bedeuten? Geht nur das eine? Kann alles andere dann nicht mehr stattfinden? Wenn es ein paar dieser Fragen mit aus dem Kino nimmt und sich selber neu beantwortet, ist das doch schon mal was.
MÄNNER präsentiert:
„Freier Fall“ in der gayFilmnacht
vom 6.Mai an bundesweit.
Alle Spielstätten und Termine unter:
www.gay-filmnacht.de
Kinostart: 23. Mai
www.freierfall-film.de
Alle Kinos und Termine gibt’s hier:
http://www.salzgeber.de/delicatessen/termine_freierfall.html
Nackte Jungs Angucken
Der Journalist Craig Seymour hat jahrelang als Stripper gearbeitet. Jetzt erscheint seine Autobiografie “Nackte Tatsachen”. Ein Gespräch über Sex, Politik und schöne Männer
Interview: Paul Schulz /Fotos: Craig Seymour

Craig, in deiner Autobiografie geht es ziemlich zur Sache. Hat deine Mutter das Buch schon gelesen?
(lacht) Ja, meine Eltern haben das Manuskript beide zu lesen bekommen, bevor das Buch in den USA erschien. Schon, weil sie darin auch als Figuren vorkommen. Allerdings hatte ich eine Bedingung: Sie mussten es erst zu Ende lesen, bevor sie etwas dazu sagen durften.
Warum wolltest du das?
Weil das Buch ganz gut erklärt, wieso ich als 22-Jähriger Doktorant in Washington überhaupt angefangen habe zu strippen und darüber auch meine Doktorarbeit geschrieben habe.
Und das war so, weil …?
Für mich war das Ganze eine Herausforderung und vielleicht der letzte Schritt zum Erwachsenwerden. Ich war ein schüchternes, braves Kind, und mich mit Anfang Zwanzig auf eine Bühne zu stellen, mir die Kleider vom Leib zu reißen und mich dann von anderen Männern überall anfassen zu lassen, war ein so großer Gegensatz zu dem Leben, was ich bis dahin geführt hatte, dass es schlagartig alles veränderte. Bücherschreiben, unterrichten, Fotograf sein, ich hätte nichts von dem getan, wenn ich nicht vorher Stripper gewesen wäre. Seine Angst über Bord zu werfen und Dinge einfach zu tun, von denen man nie dachte, dass man sie einmal tun würde, das war eine ganz grundlegende Erfahrung für mich.
Wie kam es denn überhaupt zu all dem?
Stripclubs waren der erste Ort auf der Welt, wo ich ganz ohne Angst andere Jungs angucken konnte, sie waren ein wichtiger Teil meines Coming-outs. Ich habe mich dort als schwuler Mann zum ersten Mal komplett sicher und zuhause gefühlt. Und das ist heute noch so. Ich war also Fan, bevor ich Akteur wurde (lacht).
Ist es ein gutes Gefühl, nur in Socken von 50 anderen Männern angesehen und begehrt zu werden?
Wer sagt dir denn, dass die einen immer begehren? Die Chance, von 50 Jungs gleichzeitig offen zurückgewiesen zu werden, weil dir niemand Trinkgeld gibt oder dich niemand anfassen will, ist groß. Deswegen ist es besser, wenn du dein Selbstbewusstsein aus etwas anderem als deinem Körper beziehst. Aber Strippen ist auch viel mehr als nur, sich auszuziehen.
Was denn?
Mit vielen der Stammkunden baut man als Stripper eine wirklich enge Bindung auf.
Deren Grundlage der Austausch von Bargeld ist.
Ja, aber das heißt ja für die Qualität der Bindung erst einmal nichts. Du kannst trotzdem mit vielen deiner Kunden ein freundschaftliches Verhältnis haben. Wenn jemand dir so zeigt, was er wirklich geil findet und dich sein Begehren sehen und spüren lässt, dann ist das sehr intim, sehr ehrlich und deswegen nicht die schlechteste Grundlage für eine Freundschaft. Der Körperkontakt zwischen Stripper und Gast ist ja etwas streng Reguliertes, die Regeln stehen fest.
In deinem Fall erlaubten die Regeln, dass die Gäste dich an den steifen Schwanz fassen und dir den Arsch streicheln. Ist das keine sexuelle Dienstleistung?
Klar ist es das. Und? Einer der großen Mythen über Stripper ist, dass die meisten ihren Job machen, weil sie in irgendeiner Zwangslage sind. Oder dumm. Oder beides. Das ist Quatsch. Viele der Jungs haben einen Heidenspaß bei der Arbeit und werden hervorragend bezahlt.
Hat der Job also keinerlei Nachteile?
Doch, sogar einige. Aber die haben oft wenig mit der Arbeit selbst zu tun. Dass du den wenigsten Menschen erzählen kannst, dass du Sexwork machst, ohne misstrauisch beäugt zu werden, ist ein immenser Nachteil. Ich erzähle ja im Buch ausführlich davon, dass ich immer Angst davor hatte, einer meiner Kollegen aus der Uni oder einer meiner Studenten könnte mich sehen. Es brauchte eine Weile, bis ich das Selbstbewusstsein entwickelt hatte, da drüberzustehen.
War das auch der Grund dafür, das Buch zu schreiben?
Nein, der war wirklich „historisch”. Die Washingtoner Clubs, in denen ich gearbeitet hatte, sind vor gut zehn Jahren abgerissen worden. Da habe ich längst erfolgreich als Journalist gearbeitet, war aber natürlich am Abend, bevor die Bagger anrückten, noch einmal da, um diesem Teil meiner Jugend Lebwohl zu sagen. Und da ging mir auf: „Das hier ist Geschichte, schwule Geschichte,
die verloren geht, wenn sie niemand aufschreibt.” Also habe ich das getan. An den Stripclubs und ihren Besuchern lässt sich die gesamte Geschichte der Schwulenbewegung nachvollziehen, aber auch viel über sich verändernde Sexualmoral ablesen.
Früher war mehr los, oder?
(lacht) So kann man das zusammenfassen. Mit dem Streben nach Gleichberechtigung ging auch die Herausbildung eines schwulen Mainstreams einher, der von heterosexuellen Wünschen und Träumen heute kaum noch zu unterscheiden ist. Viele Schwule wollen heiraten und Kinder bekommen. Was sie auch alle können sollen. Aber das darf nicht bedeuten, dass das Sprechen oder Nachdenken über schwule Sexualität unterbunden oder erschwert wird oder die Orte, an denen Sexualität abgebildet wird, geschlossen werden.
Verschwindet schwule Sexualität aus der Öffentlichkeit?
Sie ist viel weniger sichtbar als zu der Zeit, zu der ich gestrippt habe. Da waren die schmutzigen kleinen Randbezirke, in denen das stattfand, ein Fixpunkt in der schwulen Szene, der natürlich auch politisch besetzt war und wurde, ein körperlicher, aber natürlicher auch ein geistiger Spielraum, in dem man experimentieren und Dinge ausprobieren konnte.
Haben schwule Männer also inzwischen Angst vor ihrer eigenen Sexualität und verstecken sie?
Ich kann nicht für alle sprechen, aber die Anzahl der Orte, an denen Sexualität noch öffentlich passiert, hat sich sehr verkleinert. Was auch mit HIV zu tun hat und paradox ist, weil mir die Clubs erst beigebracht haben, dass schwule Sexualität auch etwas ist, was man feiern kann, statt sich ständig nur davor zu fürchten. Ich glaube, so geht es vielen in meiner Generation.
Wenn du heute in Stripclubs gehst, erzählst du den Tänzern, dass du das früher auch gemacht hast?
Nicht von mir aus. Ich bin ja nach wie vor auch da, um mir schöne nackte Jungs anzugucken, und will das in Ruhe tun können. Aber oft erkennt mich auch irgendwer und kommt dann zu mir rüber und sagt, “Bist du nicht der Typ, der dieses Buch geschrieben hat?” Was merkwürdig ist, weil dadurch die garantierte Anonymität, die ein Besuch in den Clubs für mich auch bedeutet hat, verlorengegangen ist. Aber es ist viel lustiger, mit Menschen über schwule Geschichte zu sprechen, während über dir jemand seine Kleider abwirft. (lacht)
Die Fotos auf dieser und den nächsten Seiten sind alle von dir. Warum fotografierst du Stripper? Kannst du dich immer noch nicht vom Thema lösen?
Ich will gar nicht. Ich möchte das dokumentieren, die Lebensfreude abbilden, die man hier auf der Bühne und vor der Bühne erleben kann, die Clubs als Ort von Freiheit und Sexualität darstellen und so für die Nachwelt festhalten. Ich bin auf der Suche nach einer bestimmten Energie, die ich ursprünglich schwul und ganz und gar einzigartig finde und die auf den Fotos hoffentlich rüberkommt. Es geht mir darum, mein und damit vielleicht auch unser Begehren für die Nachwelt festzuhalten.
Nackte Tatsachen, Bruno Gmünder, 240 Seiten, 16,95 Euro
Mehr zu Craig und seine Fotos: http://www.craigseymourphotography.com/
Die Liebe in Gedanken
Andrey ist 23, Student, gelegentlich poetisch, liebt Berlin und den neuen Nahen Osten, hat eine Sushi-Obsession und hält Vertrauen für die Grundvoraussetzung in einer Beziehung. Er ist im März unser Single des Monats
Warum bist Du Single?
Leider gab es bis jetzt keine Männer, bei denen meine Schmetterlinge geflogen sind. (lacht)
Was ist die beste Eigenschaft eines Mannes?
Die beste Eigenschaft eines Mannes ist die Ehrlichkeit, denn eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge.
Wo trifft man Dich im Sommer?
Im Sommer trifft man mich an der Cote d‘Azur.
Warum bist Du bei der Aktion dabei?
Ich bin bei der Aktion dabei, weil es einen interessanten Eindruck auf mich macht.
Was erwartest Du von einer Partnerschaft?
Eine Partnerschaft ist von vornherein eine positiv empfundene Verbindung zwischen zwei Menschen, die sich sympathisch finden und einander vertrauen. Eine Beziehung kann nicht ohne Vertrauen funktionieren. Vertrauen ist wie eine zarte Pflanze. Ist es zerstört, so kommt es bald nie wieder. Jetzt werde ich poetisch. (lacht)
Wie soll Dein Partner sein?
Unabhängig, redegewandt, selbstironisch.
Was ist Dein Lieblingsessen?
Ich bin ein großer Fan der japanischen Küche. Sushi-Obsession!
An welche Reise erinnerst Du Dich besonders gerne und weshalb?
1. Die Reise nach NYC. Auf der halben Strecke wurde ich Zeuge eines Heiratsantrages.
2. Die Reise in die Russische Föderation. Moskau ist das Herz Russlands, eine Stadt mit vielen Gesichtern. Das Highlight dieser Reise war der Besuch des Bolschoi Theaters nach der Rekonstruktion. Atemberaubend!!
3. Die Reise in die Vereinigten Arabische Emirate. Der „Neue Nahe Osten“ hat mich immer fasziniert. Der Mix aus Moderne und Antike, die islamische Kultur mit ihren gastfreundlichen Menschen sind einmalig.
Was ist Dein Lieblingsfilm?
„Was nützt die Liebe in Gedanken“
Was ist Deine Lieblingsstadt und warum?
Ich liebe Berlin. Weil man Individualist sein kann, ohne ein Wunderling zu sein, es so vielseitig ist und weil es für solche Singles wie mich eine Vielzahl von Unterhaltungsmöglichkeiten gibt
MACH MIT UND GEWINNE: Wir stellen zusammen mit gay.PASHIP.de/maenner jeden Monat einen Single vor. Um Single des Monats zu werden, könnt ihr euch unter der E-Mail-Adresse maenner@gay-parship.com bewerben. Jeder, der Single des Monats wird, bekommt bei gayPARSHIP.de einen Premium-Account für ein halbes Jahr












