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Freier Fall: „Wir haben uns lieb”

Max Riemelt und Hanno Koffler im Interview

Max Riemelt und Hanno Koffler spielen in „Freier Fall“ zwei Polizisten, die sich in der deutschen Provinz ineinander verlieben. MÄNNER traf die beiden in der deutschen Hauptstadt zu einem Gespräch über schwule Identität und Sexszenen unter Freunden

Hanno Koffler und Max Riemelt sind ein schönes Paar. Im Kino jedenfalls. Im wahren Leben sitzen die beiden Schauspieler an einem für alle Beteiligten unangenehm frühen Donnerstag Morgen leicht abgepudert nebeneinander auf der Couch des Fotografen Bernhard Musil, der sie wenig später für das Cover der MÄNNER ablichten wird und gucken sehr zufrieden.

Dazu haben sie allen Grund. „Freier Fall“, der Streifen wegen dem wir alle hier sind, ist der vielleicht beste Film mit schwulen Figuren, den es seit „Sommersturm“, immerhin neun Jahre alt, im deutschen Kino zu sehen gibt. Und trägt seinen beiden Stars, seit er im Februar auf der Berlinale die „Perspektive Deutsches Kino“ eröffnet hat, viel Ruhm und Ehre ein.
Damit war nicht unbedingt zu rechnen. „Freier Fall“ ist der erste Spielfilm von Regisseur Stephan Lacant und das erste Drehbuch von Autor Karsten Dahlem, hatte ein eher übersichtliches Budget und erzählt die Geschichte zweier Polizisten die sich in einer kleinen, nicht näher bezeichneten Stadt irgendwo in Deutschland ineinander verlieben. Ganz ohne Kitsch und ohne die Story sexuell fürs heterosexuelle Publikum zu entschärfen oder inhaltlich zu vereinfachen.
Sie geht so: Marc (Hanno Koffler), Anfang 30 erwartet mit seiner Freundin Bettina (Katharina Schüttler) ein Kind und ist gerade in einen Flachbau mit kleinem Garten gezogen, direkt neben dem Haus seiner Eltern. Als er auf einer Fortbildung den jüngeren Kollegen Kay (Max Riemelt) kennenlernt. Der kifft, fährt einen Jeep und will „Das System von innen unterwandern“. Bei einem gemeinsamen Lauftraining kommt es zu einem ersten, versehentlichen Kuss, den Marc „Was soll die Scheiße?“ findet und Kay als „nur ein Spaß“ abtut. Mehr war erst mal nicht. Marc fährt nach Hause, schläft mit seiner Freundin und denkt ab und zu an Kay.

Am Ende des Films ist niemand mehr, wer er am Anfang war

In der zweiten Runde der Fortbildung treffen die beiden Männer wieder aufeinander und dieses Mal passiert tief im Wald mehr als nur ein Kuss, wovor Marc sprichwörtlich Reißaus nimmt.
Das könnte es gewesen sein, würde sich Kay nicht wenig später in Marcs Einheit versetzen lassen und einfach nur abwarten, bis Marc endlich soweit ist. Dann beginnt etwas, dass das Leben aller Menschen die es betrifft verändert, zum Guten oder Schlechten, am Ende des Films ist niemand mehr, wer er am Anfang war. Es gibt ein Happy End, aber kein Konventionelles. Trotzdem ist man als schwuler Kinozuschauer nach 100 Minuten sehr glücklich.
Denn „Freier Fall“ ist ein kleines Wunder: ein deutscher Film, in dem zwei hervorragende Schauspieler ein ganz und gar glaubwürdiges männliches Liebespaar abbilden, inklusive völlig unverschämter, beängstigend intimer Sexszenen, die es so noch nie zu sehen gab und die Koffler und Riemelt nicht nur bei Kerlen die auf Kerle stehen endgültig zu Sexsymbolen machen werden.
Der Film ist bis auf die kleinsten Nebenrollen wunderbar gespielt und glänzt mit hübschen Einfällen, wie dem, die offen lesbische Maren Kroymann als Marcs homophobe Mutter zu besetzen. Das Drehbuch verschwendet nicht ein einziges Wort, sondern vertraut ganz zu Recht auf Darsteller und Regisseur Lacant. Der empfiehlt sich mit „Freier Fall“ für sehr viel Größeres. Subtil, gekonnt aber nicht gekünstelt, baut er um seine Darsteller eine kleine, aber komplett realistische Welt, in der hinter den Türen deutscher Provinzbehausungen Homophobie und Spießigkeit genauso lauern wie Verständnis und die Sehnsucht danach ein größerer Mensch zu sein, als man ist. „Wir haben nur ein echtes Arschloch im Film, den homophoben Kollegen. Und der war nötig, um zu zeigen, dass es die gibt.“, erklärt Koffler. Der Rest sind 50 Graustufen Liebe, zwischen denen Marc und Kay sich finden müssen, ohne zu wissen wie.

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Eröffnungsfrage, Jungs, habt ihr euch lieb?
(beide lachen)
Koffler: Haben wir uns was?
Riemelt: Ob wir uns lieb haben.
Koffler: Schon, ja.
Riemelt: Das kann man so sagen.

Und ihr kennt euch seit zehn Jahren, richtig?
Riemelt: Ja, da haben wir „Hallesche Kometen“ zusammen gedreht.

Aber befreundet seit ihr noch nicht so lange, oder?
Riemelt: Nein, so richtig Freunde sind wir erst, seit wir vor zwei Jahren zusammen in Marokko „Auslandseinsatz“ gedreht haben, einen Film über junge Soldaten. Das war hart, nicht nur körperlich, aber die Atmosphäre am Set war auch ein bisschen wie im Ferienlager und es hat echt Spaß gemacht, mit Hanno Zeit zu verbringen. Beim Drehen, aber auch einfach so, wenn man zusammen Freizeit hatte und Marrakesch kennengelernt hat. Und da finden sich dann halt Freunde fürs Leben.
Koffler: Aber wir kannten uns vorher, hatten Respekt vor der Arbeit des anderen und konnten uns gut leiden.

War es für die Dreharbeiten zu „Freier Fall“ gut oder schlecht, dass ihr befreundet seit?
Koffler: Im Nachhinein hätte es fast eine Bedingung sein müssen, weil es für mich nicht mehr vorstellbar ist, das mit irgendjemand anderem zu spielen. Das war schon ideal.
Riemelt: Für mich gäb’s da auch keine Alternative zu Hanno. Natürlich könnte man das auch mit einem anderen Kollegen spielen, rein technisch, aber um Verliebtheit glaubhaft rüber zu bringen, bedarf es schon einer gewissen Form von Vertrautheit, die man nicht so von jetzt auf gleich herstellen kann.

Findet ihr euch schön?
Koffler: Naja, Max ist ein sehr gut aussehender Kollege, ein schöner Mann.
Riemelt: Und Hanno hat keinen Mundgeruch.

Ist das die Vorraussetzung für glaubhafte schwule Liebesszenen: keinen Mundgeruch haben?
Riemelt: Man muss da ganz praktisch denken. (grinst)

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Hanno, hattest du nach „Sommersturm“, wo du einen sehr selbstbewussten Schwulen gespielt hast, Angst, wieder eine schwule Rolle anzunehmen, weil du vielleicht nicht festgelegt werden wolltest?

Koffler: Ach Quatsch. Erstmal ist „Sommersturm“ inzwischen wirklich eine Weile her und zweitens guck ich mir schon zuerst an, wie interessant der Stoff und die Rolle sind, wie gut das Buch ist und wie weit ich mich da einbringen kann. Und bei „Freier Fall“ fand ich die Geschichte einfach toll. Da ist jemand, der sich in Frage stellt, komplett, sich neu erfährt, auch mit neuer, erst erwachender Sexualität, erste Erfahrungen in der Richtung macht, und sich daraufhin Fragen nach der eigenen Identität stellt. Mit welchen Körperteilen er dabei konkret zu tun hat, war mir dabei aber egal. Ich fand das Buch großartig, die Geschichte toll, die Dreieckskonstellation die da entsteht unheimlich spannend, habe mir aber keinerlei Sorgen gemacht, weil das jetzt vielleicht schon wieder eine schwule Geschichte ist. Darum geht es nicht.

Max, du hast während der Dreharbeiten in einem anderen Interview gesagt: „Ich spiele gerade einen schwulen Bullen, so richtig mit ficken, total toll.“ War’s toll?
Riemelt: Sowas sagt man natürlich auch, um zu provozieren. Aber es war schon auch toll, ja. Ich wollte schon länger einen Schwulen spielen.

Warum?
Riemelt: Nicht, „um mal einen Schwulen zu spielen“. Sondern um in so eine Figur einzusteigen und das glaubhaft rüberzubringen, aus mir heraus. Auch um meine Palette zu erweitern und weil es darum geht, als Schauspieler in jeder Figur zuhause sein zu können, das ist klar. Man will ja nicht auf den Frauenhelden festgelegt werden. Aber ich habe auch nicht auf Biegen und Brechen nach einer schwulen Rolle gesucht, sondern das hat schon länger gedauert, bis da was gepasst hat. Weil, ich wollte keine Figur spielen, die ein tuckiges Klischee ist und dem Publikum alle fünf Minuten durch irgendeine bescheuerte Aktion, beweisen muss, dass sie schwul ist. Ich wollte eine Figur, die diese Sexualität hat, aber in der ich mich trotzdem wiederfinden kann. Und als ich das Drehbuch zu „Freier Fall“ zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mich an vielen Stellen in Kay wiedererkannt.

Wo denn genau?
Riemelt: In der Frotzelei mit Marc, den er halt aufzieht, weil er ihn mag. In Kays Art, die relativ ruhig und gelassen scheint, wo es aber innerlich abgeht. Da ist viel von mir drin.

Die Sexszenen im Film sind sehr gelungen und total glaubwürdig, was ganz selten ist in Filmen mit schwulen Figuren. Wie kommt das?
Koffler: Wir haben da viel ausprobiert, obwohl wir ja von Kamera- und Licht, wegen der fast Dogma-artigen Bedingungen, nicht ganz soviel Freiheit hatten. Es sollte alles ganz natürlich sein.
Riemelt: Aber letztendlich entsteht ein Film auch am Schneidetisch und da war es hier glaube ich sehr wichtig, dass den Film mit Monika Schindler jemand geschnitten hat, der es so macht, das es für beide Geschlechter funktioniert, weil es eben nicht schwul oder hetero ist, sondern einfach schön und intim.

Findet ihr diesen Szenen selber erotisch, wenn ihr sie anguckt?
Riemelt: Ich finde sie sehr ästhetisch und auf dieser Ebene echt schön, aber nicht erotisch. Ich stehe nicht auf die Körper anderer Jungs, weil ich nun mal hetero bin, kann aber trotzdem ganz gut erkennen, ob die Interaktion zwischen den männlichen Körpern da vor mir funktioniert. Und das tut sie.

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War es merkwürdig das zu spielen, gerade weil ihr gut befreundet seid?
Koffler: Im Gegenteil. Es war auch hier sehr wichtig, dass wir uns gut kennen. Weil du dich so viel besser fallenlassen kannst, während du spielst, weil du dich einfach sehr sicher fühlst. Nicht nur bei den Liebesszenen ist es so, dass wir beide beim Arbeiten nicht gerne Kompromisse eingehen. Und da war es gut, dass wir uns vertrauen konnten, aber auch unserem Regisseur Stephan Lacant.

Max, hat es dich eigentlich gestört, dass deine Figur, diejenige ist, die beim Sex immer der Passive ist?
Riemelt: Das sehe ich gar nicht so. Ich habe das mit dem Regisseur besprochen und wir sind dabei rausgekommen, dass ich da schon etwas zulasse, aber gleichzeitig auch die Kontrolle habe, weil ich ja der Erfahrene von den beiden bin. Für Marc ist das ja alles neu, es ist ja nicht so das der da einfach drauflos … Kay führt den ja auch ein in das was die beiden zusammen machen … er sagt wo es langgeht, weil er ist ja …

Das Wort nachdem du suchst heißt „Powerbottom“?
Koffler: Ich wusste immer, dass du sowas bist. Wie war das Wort?
Riemelt: Powerbutton.

Bottom.
Riemelt (lacht): Powerbottom. Wieder was gelernt. Das kannte ich noch nicht.

Würde ich falsch liegen, wenn ich sagen würde, dass Kay derjenige ist, der Marc zuerst will, aber Marc derjenige ist, der sich zuerst in Kay verliebt?
Riemelt: Wenn du das so sehen willst, klar kann das so sein.

Wie habt ihr diese emotionale Kurve denn gespielt?
Riemelt: Du weißt doch hinterher sowieso nicht, was am Schneidetisch entschieden wird, da kannst du dir schönsten Gedanken machen, im Schnitt wird neu gewürfelt und du bist raus.
Koffler (lacht): Da möchte ich dem Kollegen Riemelt widersprechen. Man legt Rollen schon irgendwie an.
Riemelt: Ja, klar. Trotzdem ist es so, dass im Schnitt entschieden wird, welche Blicke stehengelassen werden und welche nicht und das ist dann schon manchmal entscheidend dafür, wie Charaktere so wirken und welcher Fokus in einer bestimmten Szene plötzlich ganz woanders liegt, als du dachtest.
Koffler: Das stimmt.

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Verführt Kay Marc eigentlich?
Riemelt: Klar, tut er. Aber nicht wirklich bewusst oder platt. Das ist einfach ein Programm was abläuft, gepaart mit ganz echtem Interesse an dem Menschen und einer wahnsinnigen sexuellen Anziehung. Liebe kommt später, aber der Übergang ist fließend..
Koffler: Sexualität und Liebe kann man sowieso nicht teilen.

Da würden dir jetzt viele schwule Männer widersprechen.
Koffler: Ich glaube nicht, dass sich das trennen lässt.

Schlaft ihr also nur mit Frauen, die ihr liebt?
Koffler: Na, in dem Moment schon.
Riemelt: Aha. (lacht).
Koffler: Es gibt ja viele Spielarten und Varianten, sowohl von Liebe wie von Sexualität. Ich würde das aber trotzdem nicht trennen wollen.

Ob man das trennen will, ist eine andere Frage.
Koffler: Aber ich glaube wirklich nicht, dass sich das trennen lässt.
Riemelt: Ich finde es wichtig, dass da ein Geheimnis bleibt. Ich kann das nicht so runterrationalisieren, es enträtseln. Für mich spielen da ganz viele Faktoren eine Rolle, die ich so gar nicht entwirren möchte, weil dabei vielleicht etwas verloren geht..

Warum hat die Geschichte in „Freier Fall“ kein Happy End?
Koffler: Hat sie das nicht?
Riemelt: Ist doch Ansichtssache, ich finde es gut, dass die Frage nicht eindeutig beantwortet. Das macht den Film doch erst so spannend.
Koffler: So ist es doch einfach im Leben: Die großen Krisen tun weh, aber in denen liegt auch die entscheidende Persönlichkeitsentwicklung verborgen. Willkommen und Abschied. So ist das im Film auch. Marc muss sich von ein paar Sachen, Vorstellungen, Gewohnheiten verabschieden, muss Dinge hinterfragen, aber dadurch erweitert er seinen ja eigentlich extrem beschränkten Horizont doch enorm. Der sagt nach der Geschichte mit Kay nicht mehr so einfach: „Du gehörst in die Schublade und du in die.“

Ich habe mich während des gesamten Films gefragt, ob die Figur eigentlich schwul ist.
Koffler: Ist das so wichtig? Ich mag es gerade, dass das nicht eindeutig ist.
Riemelt: Das ist ja der Ansatz des Films. Kann oder will man das immer so eindeutig sagen, gibt es da nicht hundert Graustufen, ist es eigentlich nicht viel differenzierter? Sind Gefühle und Sexualität nicht viel komplexer als: „Du hast jetzt mit dem und dem geschlafen, also ist das deine Neigung, also bist du jetzt das und das.“ Diese eindeutigen Schlüsse und Bezeichnungen sind etwas, mit dem ich Probleme habe.
Koffler: Ich finde es gut, dass der Film das mal aufweicht und es anders behandelt.

Ist es auch deswegen wichtig, dass erst weit in der zweiten Stunde des Films Marc überhaupt mal jemand, die Frage stellt, ob er schwul ist?
Koffler: Die Frage ist wichtig, wegen der daraus erwachsenden Konsequenz. Das Publikum stellt sich hoffentlich die Frage: Was wäre wenn er es wäre? Was würde das für sein Leben, seine Beziehung, sein Vatersein bedeuten? Geht nur das eine? Kann alles andere dann nicht mehr stattfinden? Wenn es ein paar dieser Fragen mit aus dem Kino nimmt und sich selber neu beantwortet, ist das doch schon mal was.

Fotos: Edition Salzgeber/Kurhaus Produktion

 


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