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Sister Act für den guten Zweck

Gespräch mit einem der Gründer des Ordens der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz

Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz (SPI) gehören zu den buntesten Aktivisten der schwulen Szene – und das rund um die Welt. Männer Redakteur Dirk Baumgartl traf sich in San Francisco mit Kenneth Bunch. Der 62-Jährige gehört als Sister Vicious Power Hungry Bitch und Oberste Mutter zu den vier Ordensgründern.

Ken, so ganz ohne Habit erkennt man dich gar nicht. Wie oft verwandelst du dich noch in Sister Vicious?
Wir nennen das Manifestation. Nach über 34 Jahren ist das inzwischen ein ziemlicher Aufwand für mich. Ich manifestiere mich immer dann, wenn mir gerade danach ist oder ein Event wie etwa unsere Obdachlosenspeisung zu Thanksgiving oder das Project Nunway ansteht.

Project Nunway?
Ja, das ist eine große Benefizmodenschau, bei der unsere Nonnen aus Recyclingmaterial geschneiderte Kleider tragen. Ein großer Spaß.

Was unterscheidet Kenneth von Sister Vicious?
Sister Vicious Power Hungry Bitch ist viel netter (lacht).

Woher kommt dein Engagement für die schwule Szene?
Ich hatte mein Coming-out mit 22 oder so in Iowa City, wo ich damals lebte, und war sehr zornig über die Erfahrungen, die ich als Schwuler dort machen musste. Meine Wut hat sich dabei in Kreativität ausgedrückt. Ich habe mich durch das Tragen von Kleidern und Make-up in etwas Positives verwandelt, wobei mein Drag-Stil eher in die Richtung Gender Fuck ging und für die Leute etwas Furchteinflößendes hatte. Ich war deutlich als Kerl zu erkennen. Wenn ich die Straße runter lief waren die Leute schockiert. Das war meine Art der Rache für all das, was ich dort erlebte. Fred Brungard, später bekannt als Sister Missionary Position, lebte ebenfalls in Iowa City. 1974 gab es im Mittleren Westen nur ein paar Homobars und an der Universität eine Gruppe der Gay Liberation Front. Das war’s. Wir wollten das ändern und organisierten zwischen 1974 und 1976 die ersten Gay Pride Konferenzen in Iowa City, damit sich Schwule und Lesben austauschen konnten.

Wie hat die Öffentlichkeit reagiert?
Für die waren wir gar nicht existent. 1976 kannten die Leute im Mittleren Westen noch nicht einmal das Wort „gay“. Sichtbarkeit war ein großes Problem. Wir wollten das ändern. Wir wollten zeigen, dass Schwule nicht nur alte, eklige Männer sind, die Jungs belästigen.

Und wie habt ihr das angestellt?
Ich bin mit einem Freund in die Hauptstadt Des Moines gefahren, und wir haben dort eine Heiratslizenz beantragt. Wir schafften es damit sogar auf die Titelseite der größten Zeitung in Iowa – mit Foto! Plötzlich sah eine breite, zutiefst konservative Öffentlichkeit zwei junge schwule Männer, die in Jeans und T-Shirt so ganz und gar nicht bedrohlich aussahen. Das war zugleich der Moment des Coming-outs vor meinen Eltern. Der Antrag wurde eingehend geprüft, aber letztendlich abgelehnt. Immerhin war Iowa später einer der ersten Staaten der USA, die die Homoehe einführten. Das war aber erst 2009.

Also ein Zeitpunkt, wo du längst in San Francisco lebtest, oder?
Ja, ich zog 1977 hin. Die Schwulen dort waren unheimlich angepasst, man trug Bluejeans und Flanellhemden. Wir nannten sie die „Castro Clones“. Es war langweilig. Uns war langweilig. Wir wollten das ändern.

Und wie?
Fred und ich waren in Iowa City Mitglieder bei einer Performance- Truppe, und wir waren immer auf der Suche nach Kostümen. Eine Frau aus der Gruppe erzählte uns, dass ein katholisches Nonnenkloster die Habits verstorbener Schwestern aufbewahrt. Also fragten wir, ob wir uns die Habits für eine Aufführung des Musicals „The Sound of Music“ ausleihen könnten – dabei hatten wir noch keine Ahnung, was wir mit den Dingern anfangen würden. Wie haben sie niemals zurückgegeben, und als ich meine Dragkostüme vor meinem Umzug nach San Francisco aussortierte, waren die Habits die einzigen, die ich mitnahm. Für den Zweck, die Szene im Castro etwas aufzumischen, waren sie perfekt. An einem Karsamstag im Jahr 1979 zogen Fred und ich uns die Habits an und liefen durch die Stadt. Die Leute waren geschockt.

War das der Moment, in dem sich die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz gegründet haben?
Der Tag gilt in unserer Geschichte als die erste Manifestation der SPI. Die eigentliche Gründung der Gruppe erfolgte etwas später. Wir hatten ja bereits Erfahrung durch unsere politischen Aktivitäten in Iowa und erkannten, dass wir Reaktionen der Öffentlichkeit nutzen können. Ich wohnte damals in einer WG in der Ashbury Street gemeinsam mit Fred, Edmund Garron und Bill Graham. Dort saßen wir im Herbst 1979 und überlegten uns Namen und Programm. Die Katholiken unter uns hatten jede Menge Ideen und Vorschläge, und der Name Schwestern der Perpetuellen Indulgenz gefiel allen. Wir nannten uns Sister Vicious Power Hungry Bitch, Missionary Position, Hysterectoria-Agnes und Reverend Mother. Die WG wurde unser Konvent.

Und was war euer Programm?
Unser Missionsauftrag war „Die Verbreitung von universeller Freude“ und „Das Tilgen stigmatisierender Schuld“. Unsere erste Manifestation nach der Gründung war die Teilnahme an einem Protestmarsch gegen Atomkraft, es folgte ein Benefiz-Bingo für schwule kubanische Flüchtlinge. Drag war in San Francisco immer noch verpönt, aber wir wurden so etwas wie die Maskottchen der Homoszene. Das lag auch an den abstrakteren Kostümen und den bunten Make-up. Von unseren politischen Aktivitäten nahm man weniger Kenntnis. Dann kam die Aidskrise, und wir nahmen den Kampf an vorderster Front auf.

Die SPI haben über die Jahre Millionenbeträge für die Aidsprävention und lokale Projekte gesammelt …
1981 machten wir das weltweit erste Aids-Benefiz. Das war eine Hundeshow auf der Castro Street, bei der der Discostar Sylvester als Juror dabei war. Ein Jahr später war Shirley MacLaine Schirmherrin. Ebenfalls 1982 gaben wir mit „Play Fair“ die wohl erste Safer-Sex-Broschüre überhaupt heraus, die ein positives Verhältnis zu Sex hatte, praktische Tipps gab und dies mit Humor verband. Zwei von uns waren Krankenpfleger und erarbeiteten die Broschüre mit Medizinern. Die Stadt war in Panik vor dem „Schwulenkrebs“ und fürchtete eine Epidemie.

Wie hat sich eure Einstellung zu Safer Sex mit der Zeit verändert?
Bareback-Sex ist ein großes Problem in den USA und Europa. Viele Leute denken, dass Medikamente sie am Leben halten und machen sich daher keine großen Sorgen mehr um das Virus. Diese Denkweise ist für mich ein Problem. 1980 wussten wir nichts über das Virus, noch nicht einmal von dessen Existenz. Mit der Globalisierung tauchen ständig neue Bakterien und Viren auf, die sich sehr schnell verbreiten können und gegen die es vielleicht keine Medikamente gibt. Zudem nimmt die Zahl der Resistenzen zu. Ich möchte so eine Situation wie in den 1980er Jahren nie wieder erleben, dass sich eine Krankheit verbreitet, gegen die es kein Heilmittel gibt. Damals Jahren gab es keine Behandlung, da ging es nur noch um Pflege und Sterbebegleitung. Es geht darum, gesund zu bleiben, und daher halten wir am Standpunkt einer strikten Safer-Sex-Politik fest.

Inzwischen gibt es Orden auf der ganzen Welt.
Ja, es gibt Orden in Australien, Großbritannien, Kanada, Deutschland, Frankreich, Uruguay, Kolumbien und der Schweiz, mit denen wir mehr oder weniger eng in Verbindung stehen. In den USA sind wir in 16 Bundesstaaten vertreten und zum United Nuns Privy Council zusammengeschlossen. Jedes neue US-Mitglied muss von uns anerkannt werden, und wir unterstützen die Orden bei ihrer Gründung und Formalitäten. Seit 1987 sind wir eine anerkannte Non-Profit-Organisation, seit 2007 eine eingetragene Marke in Nordamerika. Auf die Orden außerhalb Nordamerikas haben wir relativ wenig Einfluss.

Was sind die Herausforderungen für homopolitischen Aktionismus heute?
Mit den Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs zur Homoehe hat sich in den USA vieles zum Positiven entwickelt. In den kommenden Monaten und Jahren werden nun Staat für Staat die homofeindlichen Gesetze fallen. Die öffentliche Meinung hat sich zu unseren Gunsten verändert. Der Fokus richtet sich nun auf die Situation von Schwulen und Lesben weltweit. Wenn man nach Russland und Osteuropa schaut, weiß man, dass noch viel zu tun ist. Von muslimischen Ländern rede ich noch gar nicht. Eine Delegation der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz wird dieses Jahr nach China fliegen, um beim Pride Festival in Shanghai die Community vor Ort zu unterstützen. Es wird ein langer Weg, bis alle Länder die Freiheit zur Selbstverwirklichung des Einzelnen anerkennen. Wir müssen den Anfang machen.

 

Foto: Weird City Sisters


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