Schulfach Homophobie?

Vorsicht vor skurrilen Frömmlern!

von Christian Mentz

Die neue Anti-Homolobby fegt liberale Bildungspolitik nicht nur in Baden-Württemberg von der Agenda. Durch diese ersten Erfolge bestätigt, plant der homophobe Mob etliche Großdemonstrationen.

„Leckende Lesben“ – dass sei kein Thema für den Schulunterricht, posaunte die Journalistin Birgit Kelle via Sandra-Maischberger-Talk ins Land – und ihre Botschaft scheint angekommen. Die baden-württembergische Regierung legte ihren Bildungsentwurf zu Fragen der sexuellen Vielfalt, der seit Monaten für Aversionen und Hassattacken sorgte, erst einmal zu den Akten. Neuvorlage nicht vor 2016. Das Orchester aus der Online-Petition gegen die „Regenbogenideologie“, Talkshowauftritten und Straßendemos war erfolgreich.

Ein Erfolg für diejenigen, die Homosexuelle als „nicht schöpfungsgemäß“ verteufeln – wie es Hartmut Steeb tat, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz und ebenfalls begehrter Talkshowgast. Vater von zehn Kindern und froh, dass keines seiner Kinder schwul oder lesbisch ist.

Nicht weiter gefährliche, skurrile Frömmler? Oder die anschwellenden Gesänge einer neuen, ultrakonservativen Bewegung in Deutschland? Steebs Homosexuellen-Definition jedenfalls ist eine knallharte Ansage, die geneigte Christen schon verstehen: Wenn Gott als Schöpfer der Homosexuellen ausfällt, dann hat da Luzifer die Finger im Spiel.

So gewinnt in Deutschland eine Hardcore-Christenbewegung an Bedeutung, wie man sie bisher eher aus den USA kennt. Die religiös gefärbten Argumente erinnern  an Evangelikale wie den im März diesen Jahres verstorbenen US-Amerikaner Fred Phelps: „Gott hasst Schwule“, so der Prediger, der aus dem göttlichen Hass „zwei Schwulenrechte“ ableitet: „Aids und die Hölle“. Phelps wurde mit seinen Botschaften international bekannt. Steeb und Kelle haben nun wenigstens in Deutschland zweifelhaften Ruhm erlangt. Immerhin: „Niemand möchte Homosexualität aus den Schulen verbannen“, wie Birgit Kelle in der besagten Maischberger-Sendung sagte.

Das wäre für die neuen Ultrakonservativen ja auch kontraproduktiv. So möchten die Macher der besagten Onlinepetition mitnichten Homosexualität ignorieren – denn dann könnte man nicht mehr vor ihr warnen und sie verteufeln. Homosexualität soll an Schulen sondern abschreckend vorgeführt werden – anders ist es nicht zu verstehen, dass die Schüler laut Petition statt Akzeptanz zu üben besser „ethische Reflexionen der negativen Begleiterscheinungen eines LGBT-Lebensstils“ einüben sollen.

Ethische Reflexionen etwa über: „höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen“ (Zitat Petition), außerdem hohe HIV-Infektionsraten und eine allgemein kürzere Lebenserwartung. Zu welchen ethischen, also die Sittlichkeit betreffenden Ergebnissen sollen die Schülerinnen da wohl kommen? Mitleid, Abscheu vor den nichtschöpfungsgemäßen Homosexuellen? Hier zeigt sich: Unter dem Deckmantel der Sorge über ein „Zuviel“ an Aufklärung wird versucht, an Schulen ganz klar homophobe Inhalte wieder einzuführen.

Aufgeklärter und logischer wäre die (Unterrichts-) Frage, warum schwule Jugendliche häufiger suizidgefährdet sind. Es könnte an der homophoben Umwelt liegen! Daraus müsste ein Aufklärungsunterricht folgen, der Selbstakzeptanz und Akzeptanz anderer fördert und nicht Selbstmord. Aber auch hier sichern sich die Autoren der Petition vorsorglich ab: Sie schreiben, es gäbe „keinen empirisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen Suizidgefährdung und Diskriminierung“. Zumindest in den USA belegen Studien eindeutig diesem Zusammenhang. Um belegbare Fakten geht es den Petitionsstellern jedoch nicht, es geht um letzte Gründe, um nicht zu hinterfragende Sexualideologie. Die Petitionsmacher tarnen sich für ihren Angriff auf Homosexuelle als Opfer der „Regenbogenideologie“ – um aus dieser Opferrolle heraus umso brutaler zuschlagen zu können.

 

Grafik: Annika Drees

 


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