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Sechs Tote bestätigt

Deutlich weniger IAS-Teilnehmer an Bord von MH17

Bei einer heutigen Pressekonferenz der Welt-Aids-Konferenz haben die Veranstalter den Tod von sechs Teilnehmern bestätigt. Gestern noch ging gingen Veranstalter und Presse von deutlich mehr IAS-Delegierten aus, die sich an Bord des Fluges MH17 der Malaysian Airline befanden (Bericht hier). Die Präsidentin der IAS (International Aids Society), Françoise Barré-Sinoussi, sagte bei der Pressekonferenz: „Vielleicht waren es einige mehr, aber sicher nicht so viele, wie berichtet worden ist“. Die IAS veröffentlicht auf ihrer Webseite die Namen der bisher bekannten Opfer:

Pim de Kuijer, Aidsaktivist von STOP AIDS NOW!

Joep Lange, Professor der Medizin, Virologe, vom Institut für globale Gesundheitsentwicklung, Amsterdam, IAS-Präsident 2002-2004 (Foto oben)

Lucie van Mens, Direktorin bei der Female Health Company

Martine de Schutter, Programm Manager Aids Fonds/STOP AIDS NOW!

Glenn Thomas, World Health Organisation (WHO)

Jacqueline van Tongeren, vom Institut für globale Gesundheitsentwicklung, Amsterdam

Nach dem Schock über den Verlust von insgesamt 298 Menschenleben bei dem Flug MH17 überlegte die IAS, den fünftätigen HIV/AIDS-Fachkongress ganz abzusagen. Man habe sich aber entschlossen, „unter Würdigung der Hingabe unserer Kollegen im Kampf gegen HIV und Aids die Konferenz wie geplant abzuhalten“, so die IAS. Bei der Konferent solle jedoch immer wieder Gelegenheit geschaffen werden, „sich der Kollegen zu erinnern, ihrer zu gedenken und ihren Verlust zu betrauern“.

Mit Joep Lange stirbt ein Gigant der HIV-Forschung

Eines der Opfer ist der niederländische HIV/Aids-Forscher Joep Lange. Lange war von 2002 bis 2004 Präsident der IAS und galt einer der bedeutendsten HIV/Aids-Wissenschaftler. Seine 30-jährige Forschung trug große Teile zu der Entwicklung der ersten antiretroviralen Therapien bei. Darüber hinaus gründete er eine Stiftung, die Patienten in armen Ländern den Zugang zu HV-Medikamenten erleichterte. Mit ihm „verliert die Wissenschaftsgemeinde einen Giganten“, so die IAS. Auch Langes Lebensgefährtin kam bei Flug MH17 ums Leben, Jaqueline van Tongeren war Langes Mitarbeiterin und außerdem Mitglied der ArtAids Foundation.

Der folgende Text stammt aus dem Heft M+, der HIV-Beilage der Männer. Er entstand vor dem Unglück des Fluges MH17 und beschreibt die Bedeutung und Wichtigkeit der Weltaidskonferenz. Da sich die IAS entschlossen hat, die Konferenz aus Respekt vor den Verstorbenen und ihrer Arbeit stattfinden zu lassen, wollen wir uns dem anschließen, und den Text hier noch einmal bringen.

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Welt-Aids-Konferenz

Vom 20. bis 25 Juli findet im australischen Melbourne die International Aids Conference statt. Ein Ausblick

Es ist das erste Mal, dass die alle zwei Jahre stattfindende Konferenz der International Aids Society in Australien stattfindet. Und es ist das erste Mal, dass Melbourne, die Südküstenmetropole des fünften Kontinents, eine medizinische Veranstaltung von derartigen Ausmaßen erlebt. 14.000 Teilnehmer aus 200 Nationen werden erwartet, die der Stadt Einnahmen von 85 Millionen Dollar in die Kassen spülen sollen.

Doch nackte Zahlen werden der ambitionierten Veranstaltung nicht gerecht. Melbourne 2014 soll nicht weniger als einen Aufbruch in neue Gefilde markieren. Nicht umsonst sind die Schwerpunktthemen des Programms in die Punkte „Weltweit“ und „Asiatisch-pazifische Region“ unterteilt. Die Pazifikregion ist zahlenmäßig eine eher wenig von HIV betroffene Gegend. Alarmierend ist allerdings, dass sich die Anzahl der HIV-Patienten dort zwischen 2001 und 2009 mehr als verdoppelt hat – von 28.000 auf 57.0000. Und auch wenn die Anzahl der Neuinfektionen
mittlerweile von 4.700 pro Jahr auf 4.500 zurückgegangen ist, sind diese Werte im Vergleich relativ hoch. Das Motto der Konferenz lautet somit passend „Stepping up the pace“, was man gleichermaßen auf ein „Anziehen des Tempos“ wie auf ein „Schritt halten mit dem Tempo“ beziehen kann. Melbourne selbst hat seine eigene wechselvolle Geschichte mit dem Virus.

„Positive müssen bei der Konferenz ihre Stimme erheben“

Hier war es, wo im Juli 1983 der erste Australier an den Folgen von Aids starb, hier rief die örtliche Act-Up-Division im Juni 1991 einen „D-Day“ aus und verwandelte die Blumenuhr in den Victoria Gardens mit Holzkreuzen in ein Friedhofs-Mahnmal, um an die Aidstoten zu erinnern. Hier erhitzte im Sommer 2008 der Bareback-Prozess um Michael Neal die schwulen Gemüter und hier wurde im Herbst 2012 die „Melbourne Declaration“ gestartet, in der Aktivisten unter dem Motto „Ending HIV“ zu einer neuen Aufklärungsstrategie in der Homoszene aufriefen, die die Reduzierung der HIV-Neuinfektionen auf Null im Jahr 2020 in Aussicht stellte.
Diese Historie wird im Rahmen der International Aids Conference sicher auch Thema sein, das Hauptanliegen ist es allerdings nach vorne zu schauen. So wie es Brent Allan, Vorsitzender des Aktionsbündnisses „Living Positive in Victoria“, schon seit Jahren tut.

Allan gehört zu Australiens Vorzeigeschwulen, wenn es um die realistische Gestaltung von HIV-Prävention und Therapien geht. Seine jüngsten Steckenpferde waren die erfolgreiche Forderung der Zulassung von Schnelltests und die Unterstützung des Anti-Stigmatisierungs-Bündnisses ENUF. Allan weiß, wofür er sich einsetzt. Seit 1999 lebt er selbst mit dem Virus und hat in dieser Zeit vor allem die diskriminierenden Tendenzen innerhalb der schwulen Szene beobachtet und in Vorträgen und Zeitungsartikeln zum Thema gemacht. Seine Meinung: „Wer sich einbildet, unter Schwulen gäbe es keine Diskriminierung von Positiven, soll noch mal genau hingucken.“ Und dann berichtet er von Chat-Beschimpfungen, die er für seinen Profilnamen „PozTop“ geerntet hat, von Leuten, die schreiben „Leute wie du verseuchen unsere Community. Man sollte dir den Schwanz abschneiden“ und immer wieder von latenter Diskriminierung durch „Ich bin sauber, du auch?“-Fragen.

Als Vizevorsitzender des Community-Programms der „Aids 2014“-Konferenz hat Allan sich somit die Themen Aufklärung und Integration auf die Fahne geschrieben: „Unsere Vision ist es, eine höhere gesellschaftliche Beteiligung und sinnvolle Einbindung von HIV-Positiven zu lancieren, indem wir die letzten drei Dekaden mit Aids analysieren“, erklärt er. „Wir wollen aufzeigen, wie man Worte in Taten umsetzt und damit Veränderungen herbeiführt. Dass wir das Virus noch nicht besiegt haben, ist eine bittere Tatsache, aber es kann auch ein Ansporn sein, kreativ zu werden. In allen Bereichen von Politik und Wissenschaft bis hin zu Community und Kunst.“
Der kreative Umgang mit bekannten Themen wird somit die größte Herausforderung in Melbourne sein. Es gibt Vorträge mit Titeln wie „Schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben: Prävention in einer sich beschleunigenden Krise“, Diskussionsrunden à la „Sexualität und HIV-Risiko bei schwulen Männern: Möglichkeiten und Entscheidungen“ sowie Workshops, in denen anhand von medialer Aufarbeitung der schwulen HIV-Geschichte Verbesserungen der Präventionsstrategien entwickelt werden.

Brent Allan wird bei all diesen Veranstaltungen mit Leib und Seele dabei sein. Er hat seine Gründe: „Ich halte es für wichtig, dass bei der Konferenz die Positiven selbst ihre Stimme erheben und ihre Gesichter zeigen. Nur so entsteht ein Dialog und ein Lernprozess.“

Begonnen hat dieser Prozess in Melbourne bereits am 1. Dezember 2013, als zum Welt-Aids-Tag ein überdimensionaler „World Aids Day“-Schriftzug im Stadtzentrum errichtet wurde und Allan mit seinen Kollegen das Gespräch mit Passanten suchte. Es war ein Tag voller überraschender Begegnungen und Gespräche – so wie sie hoffentlich auch die Konferenz auszeichnen werden.

 

 

 


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