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Gegen Sexismus und Maskulinismus!

Wer Top ist, ist männlich?

Eine Antwort auf David Bergers Plädoyer gegen angeblichen Zwang zur politischen Korrektheit beim Sex. Von Marcel Rohrlack

„Früher waren es die Kirchen, jetzt sind es queere Ideologen, die uns sagen wollen, welcher Sex politisch korrekt ist.“ – Der Satz macht deutlich was David Berger in seiner jüngsten Glosse in der aktuellen Ausgabe der MÄNNER von „queeren Ideologen“ hält: nämlich nichts (auch online hier verfügbar).

Der ehemalige Vatikanprofessor sieht die durch sein Outing gewonnene Freiheit durch die Queer Theory bedroht. Konkret stört er sich an einem Artikel des vornehmlich schwulen* Nachrichtenportals queer.de, in dem kritisiert wird, dass die Rolle im Sex einem schwulen Mann oft mehr zugeschrieben wird, als dass er sie selbst bestimmt, und zudem viel zu kulturell aufgeladen ist.

Kurz gesagt: Nur weil jemand „süß“ und „feminin“ ist, muss er nicht unbedingt gefickt werden wollen und so behandelt werden, als wäre „offensichtlich“, dass er passiv sein möchte, und andersrum.

Sind Queer-Theoretiker_innen und Feminist_innen eine Sexpolizei?

Ein häufiges Vorurteil und Missverständnis ist es, dass Queer Theory und Feminismus vorschreiben wollen, wie Sex zu laufen hat. Aber es geht ja gerade darum, Menschen nicht vorzuschreiben, wie sie zu leben und zu lieben haben. Die Kritik ist darum immer auf Ungleichgewichte und Machtverhältnisse gerichtet, und die von einer Struktur Bevorteilten sehen es oft als direkten Angriff auf ihre „Freiheit“. Auch Berger, der wohl kaum mit dem Stigma „jung, dünn, passiv“ belegt wird, schlägt eifrig in die Kerbe, die sonst Maskulinisten und Biodeutschen in Bezug auf Sexismus und Rassimus vorbehalten ist. Auch die sehen ihre „Freiheit“ durch Frauengleichstellung und Rassismuskritik bedroht.

Wenn also ein Macho meint, allem, was nicht bei drei auf dem Baum ist, sein Gemächt buchstäblich oder tatsächlich ins Gesicht oder vielmehr die Hose stecken zu müssen, und davon ausgeht, dass eh alles mit ihm schlafen will, und er „natürlich“ um seine „Männlichkeit“ (Mackertum) zu betonen „nur aktiv“ ist – ja, dann darf man das kritisieren. Weil das nervt nicht nur mich, sondern alle, die er zur potentiellen Beute erklärt.

Macht diese Kritik an Mackertum Queer-Feminist_innen totalitär? Ich glaube nein, weil ungerechte Behandlung und ungerechtfertigte Machtausübung zu kritisieren Freiheit schafft.

Was hat Schwulsein mit Geschlechterrollen zu tun?

Innerhalb der schwulen Kultur zeichnet sich mehr und mehr ab, dass die Stereotype und Erwartungen an Geschlechter in der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft – so irrig es klingt – auf mannmännliche Beziehungen übertragen werden. David Berger verneint in seinem Artikel einfach von Anfang an, dass das möglich wäre.

Aber ist es nicht mehr als böses Vorurteil und inzwischen gepflegte Tradition, dass schwule Männer sich immer weniger als Männer unter Männer und viel öfter als „kerlige Tops“ und „süße Bottoms“ verstehen? Aber nicht nur, dass davon ausgegangen wird, alle würden Anales mögen und sich auf eine Rolle festlegen, nein, es wird ihnen in vielen Fällen einfach abgenommen.

Die Vorstellung von „Mann“ und „Frau“ wird mit anderen Begrifflichkeiten fortgeführt, als wäre schwuler Sex der eheliche Geschlechtsverkehr der 50er-Jahre. Soweit so schön, wenn’s denn Spaß macht. Macht’s aber nicht, wenn es vorgeschrieben und bewertet wird, kurz: wenn Zwang herrscht.

Die patriarchale Vorstellung, dass die „Männlichkeit“ das Maß der Dinge ist, setzt sich durch und setzt Männer jeden Alters oft auch unbewusst unter Druck. Da fangen schwule Männer an, sich als „heterolike/straight acting“ zu bezeichnen um ihre „Männlichkeit“ zu unterstreichen, sind „natürlich top“. Wie irre ist das, bitte? Welche tiefen Vorurteile haben diese Männer gegenüber Schwulen um sich als hetero bezeichnen zu müssen? Wie homophob sind sie?

Ein als feminin wahrgenommener Mann wird dann als „bottom“ wahrgenommen und mit den entsprechenden Klischees konfrontiert – unabhängig davon, ob er gerne fickt oder gerne gefickt wird. Was ich mit diesen Klischees meine, formuliert Berger sehr gut:

„Oder [wir Schwulen] müssen rollen-revolutionär ficken. Indem zum Beispiel der mit den Stereotypen ‚passiv, klein, jung, feminin‘ Belegte, dann zwangsweise die Rolle des Aktiven einnimmt und sich mit allen seinen Kräften bemüht, irgendwie an dem 1,90 großen, 15 Jahre älteren Muskelmann hochzukommen, um ihn zu penetrieren. Wer ein solches Szenario, selbst wenn es nicht ideologisch motiviert war, einmal miterlebt hat, weiß wie schnell da die Geilheit zugunsten unfreiwilliger Komik dahinschmilzt.“

Es wäre ein seltsames Verständnis von Queer, wenn man Männer zwingen wolle, auf eine bestimmte Weise Sex zu haben – aber wer sich nicht einmal vorstellen kann, dass ein jüngerer Schwuler einen älteren muskulöseren penetriert und darüber nur lachen kann? Das ist nicht die Offenheit, die ich mir von der schwulen Szene erwarte. Es geht doch gerade darum, dass es egal ist, was im Bett passiert. Und wenn ein großer muskulöser Älterer sich gerne von einem jungen kleinen als feminin wahrgenommen Mann ficken lässt, wo ist da das Problem?

Rollen innerhalb der Szene schaffen neue Schubladen

Die schwule Szene hat das Potential den verstaubten Mief im Sex zu reduzieren. Menschen ficken dann nicht, wie Berger sagt, „rollenrevolutionär“ im Zwang, sondern frei, einfach weil’s Spaß macht.

Für das heterosexistische Rollenverständnis ist die reine Existenz von lesbischem und schwulem Sex eine Zumutung – warum schaffen wir dann so oft neue einengende Kategorien? Man stelle sich folgende Szene vor: Ein junger Mann, unsicher seiner eigenen Sexualität, geht zum ersten Mal in eine Schwulenbar. Nach einigem Zögern traut er sich endlich auf den Laden zuzugehen, muss aber zuerst an einer Reihe älterer alleinstehender Schwuler vorbei, die wie die Hühner auf der Stange vor dem Laden alles im Kopfe ausziehen, das vorbeiläuft und in ihren Augen jung ist (also unter dreißig). Den gierenden Blicken notgeiler Männer wird ein anzüglicher Spruch hinterhergeschickt, der klar macht, was der Junge zu tun habe: Hinlegen und Beine breit. Diese Situation kann sich ähnlich mit Männern jeden Alters ergeben.

Nur sind diese Schaufensterhechler ja nicht die einzigen. Als junger blasser Blondschopf, als Asiate, als kleiner Dünner, als Tucke – dir wird klar gemacht, was von dir erwartet wird. Genauso ist es dir ja auch andersherum als großer, als muskulöser, als schwarzer und/oder als gut bestückter Mann – es wird von dir erwartet zu penetrieren.

Aber nicht nur, dass das Mann-Frau-Schema schamlos auf unseren Sex übertragen wird – das Rollenverständnis kommt einfach noch dazu! Das, was ich diesen jungen Mann in der Parabel eben exemplarisch habe erleben lassen, passiert ständig und kann zurecht als Sexismus bezeichnet werden. Auf ihn wird Weiblichkeit projiziert und Machos bleiben Machos, egal ob hetero oder nicht.

Queer Theory heißt Freiheit

David Berger und ich sind uns ja in einem einig. Er schloss seine Ausführung mit den Worten: „Die Welt schwulen Begehrens ist so bunt und vielfältig wie ihre Protagonisten. Wir sollten uns tunlichst davor hüten, sie nach politischen, moraltheologischen oder ideologischen Kriterien in gute und böse Stellungen im Bett aufzuteilen oder permanent pädagogisch begleiten zu wollen. Das wäre nämlich das ebenso sichere wie erbärmliche Ende jeder Lust.“

Das sehe ich genauso. Darum: Lasst die Moral, den Sexismus, die Homophobie und lasst die Leute machen, was sie wollen. Denn Schwule haben genug eigene Probleme – wir brauchen nicht noch die Geschlechterprobleme der Heten. Aber die Queer Theory ist nicht die neue Amtskirche, darum lasst uns tatsächliche Probleme angehen und den unsachlichen Kampf gegen Scheinriesen einstellen.

* Der Begriff „schwul“ bezieht sich wie er in diesem Kommentar verwendet wird nicht primär auf die sexuelle Orientierung, sondern auf die kulturelle und sexuelle Identität eines schwulen Mannes.

 

Foto: Shutterstock


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