Schwul = links?

... und das Phänomen schwuler Rechter

Taz-Redakteur Jan Feddersen geht dem Klischee des schwulen Mannes nach, der nur links sein kann. Und ergründet gleichzeitig das Phänomen schwuler Rechter.

Anmerkung der Redaktion: wir veröffentlichen hier den gesamten Text des Beitrags aus dem aktuellen Heft von MÄNNER, da eine Vorabveröffentlichung von Auszügen bereits für Aufregung gesorgt hatte (berg)

So geht das Klischee: Schwule Männer sind politisch eher links, wenigstens liberal oder grün verortet, sie schätzen außerordentlich Parteien, die sich für Antidiskriminierung und Rechtsgleichheit einsetzen. Alle Wahlforschung nährt diese Annahme – im Prinzip. Die FDP, die als einzige Bundestagspartei – die Grünen gab es noch nicht – bis in die frühen achtziger Jahre Programmatisches zur Abschaffung des Paragraphen 175 zu sagen hatte, profitierte erheblich vom homofreundlichen Image. Dann kamen die Grünen, die unter anderem der Motor waren, während der rotgrünen Koalition 2000 die Eingetragene Lebenspartnerschaft juristisch zur Welt zu bringen. Ihr Kopf für Homofragen war Volker Beck, die Galionsfigur der Ökopartei , und auch Claudia Roth.

Schwule Nazis, Neonazis und reaktionäre Theologen

Schwule konnten, diesem Vorurteil zufolge, nicht rechts sein, weder konservativ noch gar national-völkisch gesinnt. Die Wahrheit allerdings konnte nicht abwegiger sein: Homosexuelle gab und gibt es in rechten Formationen, seien es Parteien wie der NPD oder der DVU, in der AfD – und in der sogenannten Bürgerbewegung Pro Köln. Es gab immer schwule Männer, denen es einerlei war, ob eine Partei Homorechte erstreiten möchte – ihr gedankliches und politisches Gewicht war streng auf andere denn auf libertäre Bürgerrechte für Minderheiten gerichtet. Es gab homosexuelle Nazis, Schwule in nationalistischen Kampfverbänden und bis heute in theologischen Zirkeln, die alles befördern, nur nicht Liberalität.

In Köln ist kürzlich nun Michael Gabel zum Vorsitzenden der Bürgerbewegung Pro Köln gewählt worden – und die übliche Szene mokierte sich über ihn neuerlich. Der gelernte Schauspieler hatte sich mit Beleidigungen gegen Volker Beck profiliert, hat jeden CSD, vor allem den kölnischen als homolobbyistisch diffamiert, lehnt das Adoptionsrecht für Homosexuelle ab – und geißelt die Eingetragene Lebenspartnerschaft als Geschichte, die nur Mittelschichtsschwule interessiert, um über das Ehegattensplitting Steuern zu sparen.

Von muslimischen Bürgern homophob drangsaliert

Gabels Motiv, überhaupt sich dieser inzwischen auf 2,6 Prozent Kölner Wahlzustimmung gesunkenen Bewegung anzuschließen, ist allerdings in einem Feld zu finden, der über die Bürgerrechte ablehnenden Haltungen hinausgeht: Gabel kam, so sagte er selbst, zu seiner kommunalpolitischen Form, weil er als schwuler Mann von muslimischen Bürgern homophob drangsaliert worden sei – mit Sprüchen und, so sagte er, einmal auch mit einem Fußtritt. In einem Interview bündelte er seinen politischen Auftrag drastisch. Das Problem Deutschlands bestehe in Folgendem: „Die Islamisierung und die ungezügelte Masseneinwanderung der Prekariate aus dem Nahen Osten und Afrikas, die Ausbeutung der Mittelschicht durch das Establishment und die völlige Entwissenschaftlichung und Verdummung unserer Gesellschaft durch die Zivilreligion Gutmensch.“

Das ist die Sprache eines auf unsympathischste Schlichtheit getrimmten Mannes, der keinen Ausgleich will, sondern ohne Argument prekärsten Stammtisch daherplappert. Er ist ein – wenn auch auf minderem Niveau, möchte man sagen – Verwandter des rechtspopulistischen Politikers Jörg Haider in Österreich oder des getöteten Niederländers Pim Fortuyn: Letzterer ein offen schwuler Mann, der den immer noch quicklebendigen Rechten in seiner Heimat anfänglich die wichtigste Stimme, aber kein Nazi war.

Gabel spricht aus, was viele schwule Männer denken

Wie Gabel, das kann profund spekuliert werden, denken viele schwule Männer, und das tun sie in Hinblick auf die islamische Minderheit im Lande auch notgedrungen. Tatsächlich ist das Schmähwort „schwul“ auf Schulhöfen besonders durch Kinder muslimischer Einwanderer stark popularisiert worden, und in der Tat weiß das Berliner Überfalltelefon aus dem hauptstädtischen Szeneviertel am Nollendorfplatz zu berichten, dass schwule Männer sich öfters Aggressives durch Bürger gefallen lassen müssen, die sie dem Islam zurechnen. Hinweise jener „Gutmenschen“, dass diese offenen bis handgreiflichen Antipathien auch eine Reaktion von Unterprivilegierten Etablierten gegenüber ist, können natürlich nicht verfangen: Wer eine Situation als Geschlagener erleidet, ist gut beraten, wenigstens wütend zu werden – und die Schläge nicht einfach nur stumm zu erdulden.

Viel gefährlicher als Pro Köln: die AfD

Auf dieses Potential von Verängstigten setzen auch Politiker wie Michael Gabel – doch faktisch gewinnen sie nicht an Einfluss, jedenfalls nicht über die Bürgerbewegung Pro Köln. Anders sähe die Sache aus, würde sich dieser Kölner Politiker der Alternative für Deutschland anschließen, die inzwischen im EU-Parlament sitzt und in drei Bundesländern. Einer wie Michael Gabel würde zu diesen gut passen. Schließlich mokiert sich die EU-Parlamentarierin Beatrix von Storch wie auch ihre Partei selbst über den sogenannten „Genderismus“, womit sie nicht nur eine demokratische Geschlechterpolitik meint, sondern eigentlich alles, was die alte Ordnung, also die der fünfziger bis frühen siebziger Jahre, ausgehebelt hat. Sie will Familie nur als Vater-Mutter-Kind-Konstruktion, und umgearbeitete Lehrpläne, die Homosexuelles nicht mehr als Krankheit oder Verfehlung behandeln, will sie, siehe die Debatte in Baden-Württemberg, auch nicht. Die AfD hat im Gegensatz zu offen rechtsradikalen Gruppen oder Parteien den Vorteil, als Sache nobler Professoren und bürgerlicher Damen wahrgenommen zu werden – als Konterprogramm zu den ihnen viel zu weichen und pä-dagogischen Grünen.

Diese Partei wird uns noch sehr lange erhalten bleiben, so, wie die FDP weiter erlöschen wird, parlamentarisch vor allem: Die AfD wird, nach Lage der Dinge, das Sammelbecken all jener werden, die mit dem ganzen emanzipatorischen Homozeug nichts zu tun haben wollen – und sie werden Freunde und Freundinnen auch der Regenbogenszene dort gewinnen, wo es Schwule und Lesben gibt, denen die öffentliche Präsenz von Homosexuellen selbst nicht geheuer ist. Oder Angst macht.

Ein schwuler Mann steuert das sinkende Schiff

Die Bestallung Michael Gablers als Kölner Chef seiner Bürgerbewegung könnte man ohnehin auch anders lesen: Diese Formation löst sich ohnehin auf, weil es die AfD als nicht-rechtsextremistisch eingestufte Partei gibt, weil sie sich etabliert. Und weil die Bürgerbewegung nicht besonders geschmeidig im Auftreten war: Diese Wölfe wussten nicht die beste Kreide zu fressen. Der einstige Schauspieler ist also zu einem Zeitpunkt gewählt, als seine Bewegung schon am Siechen war. Und eben ist. Das sinkende Schiff einem schwulen Mann als Führung in die Hand zu geben, quasi als Notlösung, hat fast einen gewissen Kick


2 Kommentare

  1. sigurd

    naja ich begrüße es immer, wenn dieses zerrbild -schwul = volker beck links -in frage gestellt wird.

    ich bin schwul -und das ist auch gut so – aber volker beck und seine anhängerschaft finde ich nur schrecklich

    mfg- ein afd wähler. (


Schreibe einen neuen Kommentar



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close