14-10-01 Bildauswahl 150 Jahre Dt Eiche – 1

Lustwandeln auf historischem Boden

150 Jahre Deutsche Eiche

Was die schwule Szene Münchens 150 Jahren Deutscher Eiche verdankt.

Ein Bericht von Wolfgang Fänderl

Der Nebel lichtet sich. Die Silhouette eines schlanken, muskulösen Mannes wird langsam sichtbar. Er ist nackt und die nackten Tatsachen sprechen für ihn. Ob nur seine Hände mich vorhin in der Dunkelheit betastet hatten? Ich bin nicht sicher. Es gibt noch einige andere Schatten, die jetzt gerade aus der Dampfsauna huschen, um sich abzuduschen… Na was soll’s, es war geil.

Die Bilder erinnern an Fassbinders letzten schummrig erotischen Spielfilm Querelle. 1982. Doch auch wenn Rainer damals in der Deutschen Eiche ein- und ausging, mussten die Bilder aus seiner Phantasie, seinem Drogenkonsum oder einer der anderen fünf Münchner Herrensaunen stammen, die damals noch existierten. Erst durch ihren Umbau zum modernen Designerhotel mit offenem Restaurant kam 1995 auch der Saunabetrieb der Deutschen Eiche hinzu.

Die Sauna ist in ganz Deutschland bekannt …

Vorbei am Whirlpool und zwei kleinen finnischen Saunen tapse ich vom ersten Stock in den Keller. Die Gestalten hier haben alle ein Handtuch um die Hüften. Die einen flanieren durch die Gänge, die anderen beobachten das Treiben. Das ein oder andere Mal wird die Fährte aufgenommen. Sie führt entweder in eine Kabine mit Liegematte oder einen weiteren, absolut dunklen „Cruising-Bereich“. Auch dort gibt es Liegematten, Papiertücher und den Hinweis, dass man am Eingang kostenfrei Kondome erhält.

Da wo es dann wieder heller wird, kann man sich von seinen Eskapaden erholen – oder auf neue vorbereiten. Manche Gäste vertreiben sich hier unten die Zeit vor einem der Fernseher. Dort werden vor allem schwule Pornos gezeigt… keine Fassbinder-Filme. Jeden Monat wandeln in diesem lustvollen Labyrinth durchschnittlich 10.000 Männer. „Auch Heteros die mit Schwulen kein Problem haben“, meint Geschäftsführer Dietmar Holzapfel im Interview. „Es hängt von Wochentag und Tageszeit, Witterungslage und Events in München ab, wie kuschelig es wird oder sich am Eingang sogar Schlangen bilden und keiner mehr reingelassen werden kann.“

Das zweite Treppenhaus führt mich wieder hinauf in den Eingangsbereich im Erdgeschoss. Dort habe ich 18 Euro bezahlt, ein Handtuch bekommen und mich in der Garderobe um- bzw. ausgezogen. Der Bar- und Lounge-Bereich auf gleicher Ebene hat ebenfalls einen großen TV-Bildschirm. Es gibt mehrere Computer für die gayromeo-Süchtigen und Zeitschriften mit der Option sich eine Lesebrille an der Bar zu leihen, echt fürsorglich. Ein paar der Gäste haben sich leckeres Essen aus dem Eiche-Restaurant im Vordergebäude kommen lassen.

Ein echtes Vorzeige-Etablissement der Gay Community

„Ökologisch wie technisch sind wir auf dem neuesten Stand. 2005 wurde uns nach der Modernisierung das Prädikat 3 Sterne Superior für Designerhotels verliehen,“ berichtet Dietmar, der das Haus mit seinem Partner Josef Sattler betreibt. Seit 1995 wurde die Herrensauna mit derzeit 1500 Quadratmetern schrittweise ausgebaut. Weitere 200 sollen im Februar 2015 folgen. Die Deutsche Eiche ist seither ein echtes Vorzeige-Etablissement der Gay Community. Dietmar reist seit 1999 für die Stadt München zu internationalen Tourismusmessen und bietet für diverse Veranstalter Führungen durch sein Haus an. „Es ist faszinierend, wie die interessierte Bevölkerung und Touristen im Laufe so einer Führung auftauen, intimste Fragen stellen, historische Zusammenhänge verstehen und uns sehr dankbar sind für unsere Offenheit“.

Rainer Werner Fassbinders „Wohnzimmer”

Für den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder war die Deutsche Eiche in den Siebziger Jahren sein „Wohnzimmer“. Aber nicht nur seins: sieben große Tische, eine Schenke mit Spüle und ein riesiger Kachelofen standen in der Gaststube der Reichenbachstraße 13 hinter farbigen Butzenscheiben. In den oberen Stockwerken lebten die drei Wirtinnen der Familie Reichenbach und es gab ein paar Gästezimmer. Und auch wenn es klein war, ging im „Mutterhaus“ bzw. der „Reiche“ – wie sie damals noch genannt wurde – die ganze Welt ein und aus und fühlte sich wohl.

Fassbinder war eher in der Lederszene unterwegs und traf eher zufällig den dort arbeitenden Schankkellner Armin Meier, seinen späteren Geliebten. Zwischen 1974 und 1978 lebten sie im Haus gegenüber und bis zu Armins tragischem Tod – Selbstmord aus Eifersucht oder Drogenmissbrauch – konnte Rainer in der Deutschen Eiche mit seiner Filmfamilie arbeiten und ausgelassen feiern.

Insbesondere die Faschingspartys, inszeniert von den Künstlern des nahe gelegenen Gärtnerplatztheaters, waren legendär. Tänzer, Schauspieler und Besucher des Theaters waren schon früher Kern von Münchens ältester „Homokneipe“. Das Gerücht kommentierte Wirtin Ella Reichenbach einmal mit den Worten: „Bei mir verkehrn neunzig Prozent Künstler und zehn Prozent von den Fraun enttäuschte Männer“.

Travestie-Star Peter Ambacher, alias „Miss Piggy“, arbeitete damals noch als Kellner im „Frisco“ in der Blumenstraße beim Sendlinger Tor. „Ich konnte als Stammgast der Eiche damals einfach in die Küche kommen und in die Töpfe gucken. Und wenn mal viel los war, halfen wir Gäste mit.“ Vor allem in der Isarvorstadt blühte eine Vielzahl von Kneipen unterschiedlichster Szenen auf. „Es gab die Lederkerle, die Bären, die Jeans-Tunten (Discoszene) und Leck-Schwestern (Lesbenszene). In der Deutschen Eiche trafen sie sich alle… soweit sie noch Platz bekamen,“ erinnert sich Peter.

Freddie Mercury, „Living On My Own”

Und so kam auch Freddie Mercury, The Queen, in die Deutsche Eiche. Er nahm Platten in den legendären Studios von Georgio Moroder auf und schätzte Münchens Nachtszene sehr. „Er war privat ein wunderbarer, zurückhaltender Mensch und er liebte München und den Wirt vom „Sebastianseck“, Winfried Kirchberger. Nur die dicke blonde Frau,“ Peter spricht von Barbara Valentin aus Fassbinders Schauspielerfamilie, „hat ihn so in Beschlag genommen, dass er dann immer seltener nach München kam.“ Aufnahmen zu seinem Video-Clip „Living On My Own“ wurden unter anderem auch in der Deutschen Eiche gemacht und die pure queere Lebensfreude dieser Zeit eingefangen.

Kaum zu glauben, dass sechzig Jahre früher ein gewisser Adolf Hitler mit seinen braunen Ideen ebenfalls dort verkehrte und am „Vogerl-Tisch“ saß. In der Gaststätte gab es nämlich damals echte Vögel im Käfig. Er hatte zwischen 1921 und 1923 seine Parteizentrale ums Eck in der Corneliusstraße 12, und es ist unklar, ob auch er in der Eiche homosexuelle Kontakte pflegte. In der Nachkriegszeit soll im zweiten Stock eine Zuhälterin namens Napoleon Zimmer mit Mädchen angeboten haben. Die inzwischen sanierte und heiß begehrte Isarvorstadt hatte damals den Ruf als Glasscherbenviertel und Rotlichtmilieu. Im Glockenbach-Areal ist auch heute noch die Heimat vieler schwul-lesbischer Lokalitäten.

Unter dem homophilen Ludwig kam Bayern zum Deutschen Reich

Erbaut wurde die Deutsche Eiche bereits 1864, im Krönungsjahr des Märchenkönigs Ludwig II. Besonders merkenswert: Erst unter dem homophil empfindenden Ludwig kam das Königreich Bayern zum Deutschen Reich, und durch dessen Paragraphen 175 RStGB wurde auch in München Homosexualität strafbar.  Und Dietmar Holzapfel legte noch einen Hinweis drauf: „Ludwig lebte am Ende seines Lebens zurückgezogen mit den Chevaux legers, seinen hochgewachsenen „leichten Reitern“ auf den Schlössern. Und die bayerische Gerüchteküche machte daraus ‚Ludwig und seine Schwulischen’. Der Begriff ‚schwul’, welcher vom Schimpfwort zum späteren Kampfbegriff der homosexuellen Szene wurde, hatte seine Wurzeln wohl auch in dieser Zeit“.

Peter Ambacher hatte in den Achtzigern als Bar-Mann gearbeitet und natürlich auch die AIDS-Krise miterlebt: „Das war ein herber Schlag für die Szene. Viele Gäste der Deutschen Eiche starben, und Freddie Mercury war einer der prominentesten.“ Der Gauweiler-Maßnahmenkatalog, die erkennungsdienstliche Einrichtung einer Rosa Liste und Polizeieinsätze im Englischen Garten und anderen Treffpunkten waren durch die AIDS-Epidemie forciert worden. Auch die Eiche war vom Wegbleiben der sterbenden und ängstlichen Gäste, durch Razzien und den Tod einer der Wirtinnen betroffen. Eine Ära ging zu Ende.

Die erste homosexuelle Lebenspartnerschaft im Landkreis München

Trotz der Trauer und des privaten Rückzugs der Szene entwickelte sich das gesellschaftspolitische Klima mit Gründung der Aidshilfen und einer selbstbewussten politischen Bewegung, welche sich Mitte der Neunziger als „Rosa Liste“ im Münchner Stadtrat wiederfand, wie Phönix aus der Asche. Das Gesetz zur Lebenspartnerschaft 2001 läutete den entscheidenden Wandel zu mehr Toleranz gegenüber Queers auch auf Gesetzesebene ein. Die neuen Betreiber der Deutschen Eiche gingen die erste homosexuelle Lebenspartnerschaft im Landkreis München ein und trugen auch sonst immer wieder zum positiven Image der Schwulen bei.

Am Anfang jedoch, als sie 1995 ihr blitzsauberes Badehaus eröffneten, wurde eine Woche zuvor vom Kreisverwaltungsreferent Uhl eine andere Sauna geschlossen. „Wir wussten nicht, wie lange es gut gehen würde,“ erzählt Dietmar Holzapfel. Zusammen mit Josef Sattler hatte er viel investiert, und die komplette Sanierung der Deutschen Eiche war nicht nur finanzielles Risiko, sondern auch Politikum. Doch die ganze Szene half mit, und umgekehrt unterstützten die beiden die Szene, wo sie nur konnten. Durch die Kombination der Sauna mit Restaurant und Hotel geht es der Deutschen Eiche heute so gut wie nie zuvor. Bewertungsportale schwärmen vom gastfreundlichen Ambiente und vergeben Bestnoten. Zuletzt war die Deutsche Eiche Sieger in der VOX-Doku-Soap „Mein himmlisches Hotel“.

Historisch-prominenter Boden, auf dem ich da lustwandle, wenn ich die Deutsche Eiche besuche. Ich bin inzwischen wieder zurück im Loungebereich und sehe meinen Sexpartner aus dem Saunanebel ein Bierchen trinken. Er schaut auch im Licht mit Saunahandtuch ganz interessant aus. Ich gehe mal rüber und stoße mit ihm auf 150 Jahre Deutsche Eiche an… mal sehen, was passiert.


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close