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HIV/AIDS: Bis 2030 besiegt?

Aktuelle Zahlen belegen einen weltweiten Rückgang von HIV. Es bleibt aber noch viel zu tun.

Es sind gute Nachrichten, die UNAIDS, das Anti-AIDS-Programm der Vereinten Nationen, und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur neuesten Entwicklung bei HIV und AIDS zu berichten haben. Im Jahr 2013, zu dem jetzt die Daten vorliegen, sank die Zahl der HIV-Neuinfektionen auf 2,1 Millionen Menschen. Das entspricht einem Rückgang um 38 Prozent gegenüber 2001, als sich noch 3,4 Millionen Menschen ansteckten. Noch deutlicher sank die Zahl der Neuinfektionen bei Kindern: Hier verzeichneten die Gesundheitsorganisationen seit 2001 einen Rückgang um 58 Prozent auf nur noch 240.000 Infektionen. Auch die Zahl der Aids-Toten ist seit ihrem Höchststand im Jahr 2005 um 35 Prozent gesunken – hauptsächlich, weil mehr HIV-Infizierte Zugang zu den hochwirksamen, antiretroviralen Therapien erhalten.

Die Zahlen stimmen optimistisch

„Bis zum Jahr 2030 können wir die Epidemie unter Kontrolle bekommen“, erklärte UNAIDS-Direktor Michael Sidibé. Seine Organsiation legte dazu den Bericht „Closing the Gap“ vor, der einen Fahrplan bereithält, wie die Zahl der Neuinfektionen bis zu diesem Jahr stark reduziert werden könnte.

Dieser Fahrplan ist mit der Zahl 95 verknüpft. „Closing the Gap“ sieht vor, dass zukünftig mindestens 95 Prozent aller HIV-Positiven um ihren HIV-Status wissen sollen, dank besserem Zugang zu HIV-Tests. Wiederum mindestens 95 Prozent der positiv getesteten sollen Zugang zu HIV-Medikamenten bekommen. Dann können, so die Hoffnung von UNAIDS, wiederum 95 Prozent der Positiven ihre  Viruslast so tief drücken, dass sie nicht mehr infektiös sind und sie HIV nicht weitergeben können. UNAIDS ist dabei ein Teilziel der Pläne der Vereinten Nationen, bis 2015 die weltweite Armut um die Hälfte zu reduzieren. Formuliert wurde dieses Ziel im Jahr 2000, und neben der HIV/AIDS-Bekämpfung sieht es weitere Maßnahmen vor: andere schwere Krankheiten wie Malaria bekämpfen,  Schulausbildung für alle, Gleichstellung der Geschlechter, Gesundheitsversorgung von Müttern, ökologische Nachhaltigkeit und eine weltweite Partnerschaft für Wirtschaftsentwicklung. Wobei davon auszugehen ist, dass die einzelnen Aspekte der Armutsbekämpfung einander positiv beeinflussen: Schulbildung etwa ist der Gesundheitsprävention zuträglich, eine gute Gesundheit wiederum trägt dazu bei, dass sich Menschen auch selbstständig aus der Armut befreien können.

In Hinblick auf HIV/AIDS zeigt ein Blick in die Statistiken, dass viel erreicht wurde. Überwiegend positiv sind die Nachrichten aus Afrika. Von weltweit 35 Millionen HIV-Infizierten lebten 2013 fast 24,7 Millionen in Afrika südlich der Sahara. Auf Afrika entfallen zudem rund 70 Prozent aller weltweiten Neuinfektionen mit HIV. Gerade in Afrika ist aber auch die Zahl der Neuinfektionen stark gesunken: Um 33 Prozent zwischen 2005 und 2013. Im gleichen Zeitraum sank auch die Zahl der AIDS-Toten (1,1 Millionen Aids-Tote 2013) um 39 Prozent. Immerhin 37 Prozent der HIV-Positiven in Afrika erhalten mittlerweile eine wirksame antiretrovirale Therapie.

Hoffungsvolle Meldungen gibt es auch aus der Karibik. Seit 2005 ist die Neuinfektionsrate dort um 40 Prozent gesunken. Von den rund 250.000 HIV-Positiven sind etwa 42 Prozent in antiretroviraler Behandlung – 2005 waren es nur circa 11 Prozent. Auch wenn das Ziel „Therapie für alle“ damit noch nicht erreicht ist, ist die Steigerung beachtlich.

Michel Sidibé betont, dass weltweit vor allem die Politik eine zentrale Rolle für die Bekämpfung von HIV/AIDS spielt. Sidibé lobt insbesondere die Politik Südafrikas: „Was wir hier sehen, ist beeindruckend“, sagte er dem französischen Sender France24. „Wir lassen die Zeit der Leugnung hinter uns, in der die Menschen nicht akzeptiert haben, dass Aids überhaupt Realität ist.“ Tatsächlich hatten Politiker wie der ehemalige südafrikanische Präsident Thabo Mbeki noch Anfang des Jahrtausends die Existenz von HIV/AIDS bestritten und eine schnelle Einführung wirksamer antiretrovirale Therapien verhindert. Diese Entscheidung kostete nach Schätzungen von Wissenschaftlern wie Nicoli Nattrass mehr als 300.000 Menschen das Leben und führte zu über 100.000 vermeidbaren Neuinfektionen.

50 Prozent der HIV-Positiven wissen nichts von ihrer Infektion 

Das Nichtwissen führt zu Nichtbehandlung. Skandalös findet Sidibé beides. „Ein .Grund sind schlechte Gesetze, Stigmatisierung und Diskriminierung.“ Er rief die Regierungen weltweit auf, Test- und Behandlungsangebote für alle HIV-Positiven zu schaffen, auch für bisher oft vernachlässigte oder marginalisierte Gruppen wie schwule Männer, Gefängnisinsassen oder Drogenabhängige.

Ohne dass Sidibé ihn beim Namen nannte, spielte er damit auch auf die Politik von Russlands Präsidenten Wladimir Putin an. Russland ist eines der Länder mit der schlechtesten HIV-Bilanz der letzten Jahre. Als Teil der UNAIDS-Kategorie „Osteuropa / Zentralasien“ gehört es zu einer der beiden Weltregionen mit steigenden Infektionszahlen. In „Osteuropa / Zentralasien“  ist die Infektionszahl um fünf Prozent gestiegen, von rund 105.000 auf 110.000 Infizierte.  Die andere Weltregion mit steigenden Infektionen ist „Mittlere Osten/Nordafrika“ , wo die Infektionen um sieben Prozent von rund 23.000 auf 25.000 stiegen.

Wir kennen auch den Grund für diese Zahlen“, erklärte Sidibé. „Es ist die Tabuisierung der Debatte um Sexualität.“ Immerhin lobte er die Arabische Liga für eine neue HIV-Strategie, die auch Risikogruppen mit einbeziehe. Entscheidend sei, eine Situation zu schaffen, in der sich alle Leute helfen lassen können.

Vergleichweise stabile Zahlen in Deutschland

Rund 3.200 Menschen infizierten sich laut Robert-Koch-Instituts 2013 mit dem Virus. Da aber zugleich HIV-Positive dank der Medikamente länger leben, stieg die Zahl der Infizierten in Deutschland auf rund 80.000. Besorgniserregend sei vor allem, dass hierzulande rund 14.000 Menschen nichts von ihrer Infektion wüssten, rund 1.000 mehr als ein Jahr zuvor, schreibt das Robert-Koch-Institut. Folgerichtig daher, dass „das Risiko, beim Sex ohne Kondom auf einen Partner mit hoher Viruslast zu treffen und sich zu infizieren, ist in den vergangenen Jahren gestiegen“ ist, wie Manuel Izdebski vom Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe gegenüber dem „Spiegel“ sagte.

Um die weltweit und insgesamt aber gute Entwicklung weiter zu beschleunigen, müssen nach Ansicht von UNAIDS vor allem mehr Menschen zum Test ermutigt werden. Auch der Zugang zu wirksamen Medikamenten müsse erleichtert werden. Das kostet sehr viel Geld: Im Jahr 2000 wurden 3,8 Milliarden Dollar pro Jahr im Kampf gegen HIV/AIDS invstiert, heute sind es etwa 19 Milliarden Dollar pro Jahr. Um die HIV/AIDS-Epidemie bis 2030 zu beenden, müsse sich diese Summe bis 2020 noch einmal verdoppeln, so UNAIDS. Ab 2020, wenn die Infektionszahlen weiterhin deutlich sinken, würde dann wieder deutlich weniger Geld benötigt, prognostiziert UNAIDS.

Aber im Vergleich zu den Kosten, die eine ausufernde Epidemie verursachen würde, ist das zusätzliche Geld gut angelegt: Jeder Dollar, der gegen HIV und AIDS im Rahmen dieses Programmes investiert werde, bringe Einsparungen in Höhe von 15 Dollar mit sich, hat UNAIDS errechnet.

Titelfotos: photogreuhphies  / flickr.com


2 Kommentare

  1. Gerd-Manfred Arndt

    Der Blick in die Zukunft erleichtert zwar die Sorgen um AIDS und Auswirkungen , doch Tausende von „Naiven” werden wiederum Vorsorge entsorgen…. : Es gibt ja Medikamente . !¡¡!
    Als HIV-Positiver ( seit 1999 ) hoere ich das immer wieder und oefter , wenn gewarnt oder zum Schutz ermahnt wird …
    Die Dummheit und letztlich toedliche Sorglosigkeit erschreckt immer wieder neu .

  2. Bastian Fischer

    Ich meine, es geht vielleicht noch früher… Bei maximalem sexuellen Genuss, mit Kontrolle der Maßnahmen in weiblicher Hand, nebenwirkungsarm bis -frei und bei Anonymität sowie Vermeidung der Ausgrenzung Infizierter. (Außerdem könnte dem unterschwelligen Rassismus sowie der Homophobie in der HIV-Forschung bzgl. des vermeintlich verantwortlichen Verhaltens oder der Lebenssituation in Afrika und bei MSM ein Ende gesetzt werden.) In Afrika ist die Ursache für die unverhältnismäßige Verbreitung von HIV nämlich immer noch nicht ganz aufgeklärt:

    “We still do not fully understand why the spread of HIV has been (and still is) so different in sub-Saharan Africa compared with heterosexual populations in other parts of the world and why the incidence of HIV infection in young women in southern Africa is so high.”
    (AIDS 2012;26:1203-1204)

    Und auch bei MSM ist letztlich nicht klar, was genau das Risiko der Virusübertragung beim Analverkehr erhöht. Hier müssen wir ansetzen. In der Epidemiologie geht es stets darum, die genaue Ursache zu entlarven. Die Daten deuten mittlerweile darauf hin, dass ein entscheidender Faktor im maximalen entfalteten Umfang der für den Geschlechtsverkehr genutzten Körperöffnung bestehen mag. Dieses Maß könnte bei vielen MSM sowie bei vielen Frauen in Afrika schlicht aus anatomischen Gründen etwas zu gering bemessen sein. Dies kann nun möglicherweise ganz leicht und schonend behoben werden, indem eine Weitung in regelmäßigen Abständen stattfindet, sodass Haut und Schleimhaut dort gesund und geschmeidig bleiben.

    Ich habe die Hinweise für diese erst noch genauer zu überprüfende Hypothese hier zusammengestellt:

    http://de.scribd.com/doc/275439127/Anogenital-anatomy-and-sexual-HIV-spread

    Liebe Grüße
    Bastian


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