uktv-cucumber-episode-4-03

Neue LGBTI-Serie: CUCUMBER!

Warum das Ende von LOOKING kein Drama ist

Die HBO-Serie „Looking“ wird nach der zweiten Staffel nicht verlängert. Aus dem einfachen Grund, dass es nicht genug Zuschauer gab, die sich für die Geschichte rund um drei schwule Freunde in San Francisco interessierten: 0,24 Millionen waren es offiziell. Zum Vergleich: „Game of Thrones“ kommt im Schnitt auf 6,84. Die rein schwule Serie bei einem großen US-Sender war ein wichtiger Meilenstein in der LGBTI-Geschichte; sie hatte tolle Darsteller, manchmal interessante Aspekte, war aber trotzdem über weite Strecken einfach langweilig geschrieben und inszeniert. Zumindest habe ich als 48-jähriger Zuschauer das so empfunden. Alles plätscherte irgendwie vor sich hin, meistens ohne besonderen Witz und ohne Sinn für Pointen. Also ohne all das, wofür Schwule lange Zeit berühmt waren.

Charaktere in der Krise

Etwa zeitgleich zur zweiten Staffel von „Looking“ lief in England bei Channel 4 die achtteilige Mini-Serie „Cucumber“ von Russell T Davies an (mit den Ablegern „Banana“ und „Tofu“). Zur Erinnerung: Davies ist der Erfinder von „Queer As Folk“. Der Dreierpack hatte alles, was mir an „Looking“ fehlte: Sie zeigten Charaktere, die sich in der Krise befinden, im Wandel, die an sich Neues entdecken und dies den Zuschauer miterleben lassen. Ich muss auch gestehen, dass die Hauptfigur des 46-jährigen Henry (Vincent Franklin), der nicht mehr weiß, was schwules Leben und schwuler Sex sein sollen, der den LGBT-Nachwuchs nicht versteht, aber sich trotzdem auf ihn einlässt, mich auf eine Weise berührt hat, wie „Looking“ das in zwei kompletten Staffeln selten hinbekommen hat.

uktv-cucumber-s01-e07-1

Eigentlich sind beide Serien Gegenentwürfe zueinander: „Looking“ beschreibt ein angenehm dahingleitendes Luxusproblemleben von 30-jährigen, die keine Identitätsschwierigkeiten haben und nur Liebe suchen. „Cucumber“ widmet sich dem Generationenkonflikt, Fragen zu Sex ab 45 … und stellt eine Jugend dar, die mit gerademal 18 zwar einerseits völlig liberalisiert ist (weit mehr als alle „Looking“-Charaktere zusammen), aber gleichzeitig vollkommen fucked up. So sehr, dass es nachgerade erschreckend ist, ihnen zuzuschauen. Auch in einigen filmischen Momenten, die Hauptfigur Lance betreffend, ist „Cucumber“ weit radikaler als sein HBO-Pendant und dann auch echt erschütternd.

LGBTI-Themen haben sich unglaublich weiterentwickelt

Das Tolle ist, dass wir als Zuschauer beide Serien haben und dass sich LGBTI-Themen in den letzten Jahren so unglaublich weiterentwickelt haben. Wenn man bedenkt, was für einen Einfluss Serien wie „Glee“ seit 2009 auf die Wahrnehmung von Schwulen, Lesben und Trans*Menschen in der breiten Öffentlichkeit hatten, was „The Forsters“ für ein neues Familienbild getan hat, was „The New Normal“ dafür getan hat und die vielen anderen TV-Serien („True Blood“ usw.), dann ist „Looking“ nur eins von vielen Puzzleteilen, das das Gesamtbild bereichert, aber die Grenzen nicht verschiebt. Das tut „Cucumber“. Genauso wie es damals „Queer As Folk“ tat. Und deshalb darf man gespannt sein, wie es demnächst weitergeht auf dem anglo-amerikanischen Markt, der dem deutschen Serienalltag um Lichtjahre voraus ist.

 

Der deutsch-irische Publizist Kevin Clarke wurde 1967 in Berlin geboren. Er studierte an der Freien Universität Berlin und der Universität Mailand Musikwissenschaft und Literaturgeschichte. Danach arbeitete er als Journalist bei „Der Tagesspiegel“, „Bunte“ und beim „Playboy“. Von 2011-2013 war er Chefredakteur der MÄNNER.

Fotos „Cucumber“ (Channel 4)


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close