18.09.2014

HIV bewegt

Zu Fuß nach Berlin in 83 Tagen

Als Philippe Gerard Matern im Sommer 1990 seinen 30. Geburtstag feierte, lud er 85 Gäste in den Garten seines Heilbronner Hauses ein. Es sollte ein großes Fest werden. Ein Abschiedsfest. Philippe glaubte nicht, dass er noch einen weiteren runden Geburtstag feiern würde. Schließlich hatte er vor einem Jahr erfahren, dass er HIV-positiv ist – was damals dem Todesurteil „aidskrank“ gleichkam.

Das Blatt schien sich zum Guten zu wenden

Seitdem ist viel passiert. Zeitweilig flüchtete sich Philippe in eine Beziehung, in der nicht nur er, sondern auch sein Freund die Infektion durch Feiern verdrängten. 1996 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand durch eine schwere Tuberkulose und er wurde auf Lebenszeit berentet. Mithilfe der damals neuen antiretroviralen HIV-Therapie kam er wieder auf die Beine – und erlebte im Jahr 2000 doch noch seinen 40. Geburtstag. Das Blatt schien sich zum Guten zu wenden. 2003 dann der nächste Tiefschlag. Eine Kleinhirnentzündung führte zu einer halbseitigen Lähmung und der Prognose, dass Philippe nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte. Wieder einmal saß er zu Hause und wartete aufs Sterben. Bis er irgendwann trotzig wurde und beschloss sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Mit eiserner Disziplin, täglich vier Stunden Training und einem bedingungslos gesunden Lebensstil sprang er dem Tod erneut von der Schippe. 2010 beging er seinen Fünfzigsten.

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Foto: Projekt: HIV bewegt!

Wenn Philippe nun am 22. Juli 55 wird, feiert er diesen Geburtstag auf besondere Weise. Dem Jubiläum geht eine 83-tägige Wanderung von Stuttgart nach Berlin voraus, mit der er „als HIV-Positiver für die HIV-Positiven dieser Welt“ gegen Diskriminierung und Stigmatisierung demonstriert. Unter dem Motto „HIV bewegt“ verteilt er in acht Städten 5.000 Flyer, die anhand seiner eigenen Geschichte über die Realität des Lebens mit HIV heute aufklären. Der Startschuss fällt am 1. Mai in Stuttgart. Wir haben Philippe vor dem großen Marsch zehn Fragen gestellt

1. Wie kamst du auf die Idee für die „Positiv bewegt“-Wanderung?

Es gab in Stuttgart vor drei Jahren eine Positivengruppe der Evangelischen Gesellschaft, die von Straßburg bis an die Atlantikküste laufen wollte. Aus dem Projekt wurde nichts, aber mir ging die Idee nicht mehr aus dem Kopf. Den Grundgedanken als Positiver wandern zu gehen und dabei gegen Diskriminierung und Stigmatisierung zu demonstrieren fand ich gut. Aufklärung ist wichtig.

2. Wie soll die Aufklärung aussehen?

Zum einen werde ich in Kooperation mit den örtlichen Aidshilfen in acht Städten Flyer verteilen, außerdem trage ich auf der Wanderung die ganze Zeit T-Shirts in Signalfarben, auf denen das Motto „Positiv bewegt“ steht. Das ist eine Einladung zum Dialog. Im besten Fall gehe ich, zum Beispiel, an einer Schule vorbei, komme mit Schülern ins Gespräch, die machen Selfies und posten sie bei Facebook oder Twitter. Wenn ich auf diese Weise mit meinem „HIV bewegt“-Shirt im Alltag der sozialen Medien stattfinde, kann das schon Denkanstöße liefern. Der Rest wird sich zeigen.

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3. Wie dokumentierst du selbst die Reise?

Ich habe mir eine Kamera gekauft und werde täglich auf meiner eigenen Facebookseite den aktuellen Stand posten. Außerdem habe ich ein Wanderbuch, in dem ich mir in jedem Ort, in dem ich Station mache, einen Stempel eines örtlichen Vereins oder Ladens geben lasse.

4. Du bist 83 Tage unterwegs. Wie finanzierst du die Aktion?

Das Projekt ist gesponsert. Ich habe in Zusammenarbeit mit der Aidshilfe Stuttgart, die mir sehr bei der Organisation geholfen hat, rund 120 Sponsorenbriefe abgeschickt. Es kamen fast nur Absagen. Als Privatperson Spenden zu sammeln, ist enorm schwierig. Das Mindestbudget von 4.000 Euro für Unterkünfte und Verpflegung ist inzwischen aber gesichert. Wer trotzdem noch spenden will, soll es aber gerne tun. Ich freue mich über jeden Euro.

5. Wie hast du dich fit gemacht?

Seit ich im Jahr 2003 infolge einer Kleinhirnentzündung halbseitig gelähmt war und meinen kompletten Bewegungsapparat neu aktivieren musste, hab ich bei kilometerlangen Spaziergängen eine enorme Disziplin entwickelt. Inzwischen gehe ich Schwimmen, mache Hanteltraining, Pilates, Yoga und habe ich einen sehr gesunden Lebensstil. Ich rauche nicht, ich trinke nicht und ernähre mich vorwiegend vegetarisch.

6. Gab es auch spezifische Umstellungen nur für die Wanderung?

Ja, aber nur logistische. Ich hatte nie ein Handy, aber bei der Aidshilfe Stuttgart meinten sie, sie lassen mich nicht loslaufen, wenn ich nicht erreichbar bin oder im Notfall anrufen kann. Seit ein paar Wochen habe ich ein Smartphone. Ich schlage mich inzwischen ganz gut. Als Wegweiser werde ich aber herkömmliche Wanderkarten und nicht Googlemaps benutzen, sonst bin ich nur am scrollen.

7. Die wichtigsten Gepäckstücke?

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Neben den Wanderkarten? 500-Gramm-Schlafsack und Isomatte, falls ich mal keine Unterkunft finde, ein Schrittzähler, der die Entfernung misst, orthopädische Einlagen, damit ich mir keine Plattfüße laufe, Flyer. Und eine Wäscheleine. Ich habe zwei „Positiv bewegt“-T-Shirts, eins in neonorange und eins in neongrün, die ich im täglichen Wechsel tragen und abends waschen werde. Wenn ich keine Vorrichtung zum Trocknen finde, hab ich meine eigene Leine dabei.

8. Wo kann man dich treffen?

Flyer verteilen werde ich in Heilbronn, Würzburg, Jena, Leipzig, Halle an der Saale, Wittenberg, Potsdam und am Brandenburger Tor in Berlin. Die Termine stehen auf meiner Facebookseite. Ansonsten bin ich auch offen dafür, dass mich Leute via Facebook orten und ein Stück begleiten.

9. Dein Mittel gegen schwache Momente?

Mein Optimismus. Ich bin ich unerschütterlicher Optimist, das ergibt sich aus meiner Lebens-  und Krankheitsgeschichte. Wenn ich keinen eisernen Willen hätte, wäre ich jetzt nicht hier.

10. Was kommt nach der Wanderung?

Hoffentlich eine rege Resonanz. Sonst: Nach drei Monaten mit den gleichen T-Shirts definitiv frische Klamotten und möglicherweise ein Diavortrag über meine Reise im Café Ulrich in Berlin.

Titelfoto/Fotos: privat/Facebook


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