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„Absurd” & „Kalter Kaffee”

Rexhausen-Verleger reagiert auf Pädophilie-Vorwürfe

Am 17. Mai sollte die Fläche hinterm Kölner Hauptbahnhof in „Felix-Rexhausen-Platz“ umbenannt werden. Doch nun gibt es Vorwürfe gegen den vor 20 Jahren gestorbenen Namensgeber. Die Sache ist abgeblasen, einen neuen Zeitplan gebe es vorerst nicht, so eine Sprecherin der Stadt Köln gegenüber MÄNNER.

Aus diesem Grund veröffentlichten wir einen Gastbeitrag von Detlef Grumbach, Männerschwarm Verlag (Hamburg) zu den Angriffen auf Felix Rexhausen und sein Buch „Berührungen“ (ursprünglich im Verlag Rosa Winkel erschienen, liegen die Rechte heute bei Männerschwarm)

„Die Vorwürfe David Bergers gegenüber Felix Rexhausen und all jene, die sein Ansehen in Ehren halten, sind erstens inhaltlich absurd und zweitens kalter Kaffee. Berger wärmt eine Debatte über den Band „Berührungen“ auf, die vor gut eineinhalb Jahren dem Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ) über den „Felix-Rexhausen-Peis“ aufgezwungen wurde. Er bedient sich desselben, Gott sei Dank nicht bewährten, Strickmusters: Statt sich einem literarischen Text mit literarischen Kriterien zu nähern und ihn als Literatur zu beurteilen, wird er auf „Stellen“ hin gelesen: „Wilde Sexfantasien“ werden diagnostiziert, „wilde Sexspiele von 14- mit 11-jährigen Jungs“. Diese „Stellen“ werden, egal wem sie in welchem Kontext innerhalb des Buchs zuzuordnen sind, aus dem Kontext gerissen und eins zu eins dem Autor untergeschoben. Und dann wird noch das ganze Buch aus seinem historischen Kontext gerissen – oder dieser wird grob verfälscht. Am Ende glaubt Berger, auf diesem Wege beweisen zu können, dass Rexhausen der Pädophilie das Wort geredet, dass er es zumindest mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen nicht so ernst genommen habe. Wenn Berger das Buch gelesen hat, muss er wissen, dass er auf dem Holzweg ist. Dann stellt sich nur die Frage: Was treibt ihn an? Will er alte Rechnungen auf diesem Wege begleichen?

Vorwürfe: absurd

Als Verleger Felix Rexhausens kann ich Bergers absurden Behauptungen gegenüber nur die Lektüre der „Berührungen“ empfehlen. Das 1969 erstmals erschienene Buch ist 2003 im Männerschwarm-Verlag neu aufgelegt worden – bei der oft genannten Ausgabe im Verlag Olympiapress* (2012) handelt es sich um eine Lizenzausgabe. Hier ein paar Bemerkungen zum Buch: Als der politische Journalist und Satiriker, Vorkämpfer für Menschenrechte und Mitbegründer von Amnesty International Felix Rexhausen das Buch geschrieben hat, waren sich zahlreiche Demokraten, Linke und Liberale, auch Teile der FDP und des Kinderschutzbunds, einig darüber, dass das Sexualstrafrecht und die Sexualmoral repressiv sind. Ob Strafbarkeit von Kuppelei, Homosexualität und Abtreibung, die moralinsaure Verurteilung von Onanie und vorehelichem Geschlechtsverkehr – all das stand plötzlich auf dem Prüfstand. Die Sexwelle, Oswald Kolle, Reformen des Sexualstrafrechts, Provokationen wie das Nacktfoto der „Kommune 1“, das Aufklärungsbuch „Zeig mal!“ oder Günter Amendts „Sexfront!“ – dies und vieles andere zeugen davon. In diesem Kontext veröffentlicht Rexhausen – schon 1969 – sein Buch „Berührungen“. Er packt, wie später Rosa von Praunheim in „Nicht der Homosexuelle ist pervers …“ oder Dannecker/Reiche in „Der gewöhnliche Homosexuelle“, die Tatsachen des schwulen Lebens und seiner gesellschaftlichen Bedingungen auf den Tisch des Hauses. Er zeigt, welche manchmal lustvollen, manchmal aber auch schalen oder gar unwürdigen Gelegenheiten für sexuelle Begegnungen sich unter diesen Bedingungen ergeben, wie moralische und strafrechtliche Repression in das Leben der Einzelnen hineinfunken. Er tut dies unvoreingenommen und ohne Scheuklappen. Allein dies qualifizierte das Buch schon für die Olympia-Press-Sonderreihe, in der er erschienen ist.

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Grafik: Kölner Stadtanzeiger (www.ksta.de)

Geilt Rexhausen seine Leser auf?

Zu seinem Bild der Lage gehören beispielsweise Begegnungen auf Klappen und in Saunen. Schreibt Rexhausen wild und erotisch, geilt er seine Leser auf? „In den Umkleidenischen fand kaum etwas statt; dafür war der altmodische Hitze-Raum, wo man immer Angst haben musste, an den glühenden Ofen zu geraten, um so voller: machte man die Tür auf, wurde man von drei Händen am Schwanz gezogen, von scharf nach Schweiß und Sperma riechender Hitze erschlagen, und das Holz des Bodens wie das der breiten Banktreppe war glitschig von Saft. Alles für die Gesundheit“ (S. 92). Rexhausen schreibt auch über die Begegnung mit einem Schwule jagenden Polizisten, der die Schwulen am liebsten im KZ sehen würden. An diese Begegnung schließen sich Informationen zur Schwulenverfolgung unter den Nazis an – einschließlich detaillierter Verurteilungszahlen, KZ-Situation und Ermordung von Schwulen (S. 94 ff.). So etwas war damals neu!

In der sich daran anschließenden Geschichte – wir befinden uns im Zentrum des Buchs – geht es um die noch immer elende Situation der Homosexuellen in der Bundesrepublik, um das homosexuelle „Wir“: „Nichtschwule junge Leute, die lernen zwischen siebzehn und Anfang zwanzig, mit den Mädchen stabile Beziehungen aufzubauen – unterstützt von der ganzen Kultur und ihrem Wertesystem bis hin zu Vater und Mutter und ihrem einverständig wissenden Kopfnicken. Die Hauptaufgabe eines Schwulen aber ist, zu verhindern, dass ‚es‘ jemand merkt; er hat zu Recht und öfter noch zu Unrecht Angst, dass dies oder dies oder das als ein offenbarender Hinweis verstanden werden könnte“ (S. 100).

Portrait des Autors Felix Rexhausen (1932-1992)

Portrait des Autors Felix Rexhausen (1932-1992)

Wild ist hier gar nichts

Es ist genau diese Geschichte und der Kontext einer fast gewaltsamen Unterdrückung einer schwulen sexuellen Entwicklung, in dem dann, so David Berger, „wilde Sexspiele von 14- mit 11-jährigen Jungs“ geschildert werden. Der Erzähler erinnert sich an seine eigene Entwicklung und erzählt ganz am Rande, auf wenigen Zeilen einer sechsseitigen Geschichte, von einer „pubertären Spielerei“ (S. 103) mit einem Neunjährigen auf einem Bauernhof, als er selbst vierzehn war. Erotisch oder gar wild ist hier gar nichts. Der Erzähler wunderte sich darüber, wie klein der Schwanz des anderen war, „wollte etwas ausprobieren und versuchte, ihn diesen Schwanz in meinen Hintern stecken zu lassen. Wir brachten es nicht hin.“ So endet das „Doktorspiel“, „jeder zog seine Bettdecke hoch“ und der Erzähler befriedigt sich selbst (S. 104).

Es geht um Dinge, die passiert sein können

Felix Rexhausen geht es, wie vielen anderen in dieser Zeit, um das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität – auch von Jugendlichen, auch von Schwulen! Als Form für seinen tabulosen Blick in die Grauzonen der homosexuellen Existenzen wählt er eine literarische. Wie „wild“ und erotisch das Buch obendrein ist, kommt wohl auch auf den Blickwinkel an. Rexhausen schreibt eine Geschichte, in denen ein Ich-Erzähler zu Wort kommt. Der Hinweis, dass die Geschichten „nicht frei erfunden“ sind, bedeutet, dass diese Geschichten von Dingen erzählen, die so passiert sein können. Es heißt nicht, dass der Autor all das erlebt hat. Dass dieses „Ich“ nicht eine reale Person sein kann, erkennt man leicht, wenn man das Buch liest. Es heißt schon gar nicht, dass der Autor das alles toll findet. Rexhausen lädt seine LeserInnen ein, ihrer (auch sexuellen) Neugier zu folgen, mit einer gewissen Unbefangenheit aus dem Blickwinkel eines Ethnologen oder auch teilnehmenden Beobachters eine Realität kennenzulernen, die ihnen sonst verborgen bliebe und die nach Veränderung schreit. Schon die oft lakonische Sprache sorgt für eine gewisse Distanzierung zum Geschilderten. Einen Text beginnt er beispielsweise so: „Manchmal erzähle ich Freunden und Freundinnen eine Geschichte, die ich als ‚Anekdote‘ ankündige. Einige finden sie dann grotesk, anderen will sie eher makaber erscheinen, und vermutlich hat sie von beidem etwas“ (S. 149).

Durchsichtiges Spiel

Wenn David Berger heute Rexhausens „Berührungen“ heranzieht, um dem Autor eine Verharmlosung von Pädophilie zu unterstellen, benutzt er einen literarisch unverdächtigen Text für ein durchsichtiges Spiel. Es kann ihm kaum um den Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch gehen. Es beschädigt den Namen Rexhausens, um jenen Teil der deutschen Schwulenbewegung zu treffen, die im emanzipatorischen Geiste des 1992 verstorbenen Autors eine andere Politik verfolgen als er selbst. Die Stadt Köln und ihre Bürger sollten sich für solche Zwecke nicht in Geiselhaft nehmen lassen!”

(Die Seitenangaben beziehen sich auf die lieferbare Ausgabe im Männerschwarm Verlag.)

*Auch Matthias Oehme von Olympiapress reagierte unterdessen auf die Pädophilie-Vorwürfe: „Die aufgeworfene Frage hat sich uns damals gar nicht gestellt. Das mag naiv erscheinen, doch auch nach erneuter Durchsicht sind uns die Vorwürfe einigermaßen schleierhaft.”


2 Kommentare

  1. Robert Niedermeier

    Auch über Berger sind „Gerüchte” bekannt, er hätte ein Faible für junge Burschen, aber das sollte in der Debatte keine Rolle spielen: “Ebenso wenig, wie es etwas mit Inzest, Pädophilie oder Fortschreibung hierarchischer Familien- und Gesellschaftsstrukturen zu tun hat, wenn es dann mit einem anderen jungen Mann zum Date kommt und wir Vater-Sohn- oder Lehrer-Schüler-Spiele miteinander machen.” (Dr. David Berger) Selbst streitet Berger ab, überhaupt zu glauben, Rexhausen hätte Pädophilie gutgeheißen. „Wo habe ich geschrieben, dass Rexhausen pädophil war?”, duckt sich Berger vor der eigenen Pädo-Keule. “Und woher kommt der Umschwung”, antizipiert der Philosoph den kommenden Bumerang-Effekt und zeigt sich verwundert: “Nachdem Sie sich noch vor wenigen Tagen ganz anders geäußert haben?“ Hat sich der CSG zuvor überhaupt ganz anders geäußert? Nein, eigentlich nicht, aber man wird doch noch wohl mal rhetorisch nachfragen dürfen… Berger meint es doch nur gut – auch mit dem BLSJ” – See more at: http://reiserobby.de/bergers-bizarres-helfer-syndrom-kann-er-den-blsj-noch-retten/#sthash.hv1xC4TE.dpuf


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