Russlands schwuler Nationalheld

Tschaikowsky-Doku wird mit einem ECHO ausgezeichnet

UPDATE (10.10.2016) Der Regisseur Ralf Pleger hat am Abend für seinen Tschaikowsky-Film einen Klassik-ECHO erhalten. Moderiert wurde die Gala von Thomas Gottschalk. Weitere Preisträger sind Anna Netrebko, Andrea Bocelli und Philippe Jaroussky.

ECHO

Vor 176 Jahren wurde der russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowsky geboren. Ein Grund für Klassikfans weltweit zu feiern, besonders in Russland. Dort verkündete Putin allerdings schon vorab: „Wir wissen, dass Tschaikowsky schwul war, aber wir lieben ihn bestimmt nicht deswegen!“ Vor dem Hintergrund der aktuellen LGBTI-Lage in Russland haben ZDF/ARTE einen Dokumentarfilm bei Ralf Pleger in Auftrag gegeben, der die Homosexualität des Komponisten gezielt ins Zentrum rückt. Ein Gespräch mit dem preisgekrönten Regisseur.

Du bist Spezialist für innovative Komponistendokus. Nach Wagner und Beethoven ist nun Tschaikowsky dran. War der Geburtstag der Anlass für den Film?

Ein Jubiläum ist immer hilfreich, um die vielen Ideen, die man im Kopf hat, zu sortieren und Prioritäten zu setzen. Tschaikowskys Fall ist im Moment besonders brisant: ein schwuler russischer Komponist war ein Tabuthema und ist ein Tabuthema in Russland. Das gilt fürs 19. Jahrhundert, es gilt auch für die Sowjetzeit. In den frühen 1990er Jahren gab’s eine kurze Phase, wo das Tabu aufgeweicht wurde und Archive erstmals geöffnet wurden für westliche Forscher, die Schätze heben durften, die uns gerade über das Thema Homosexualität erstaunlich viel Auskunft geben. Danach war wieder Schluss. Jetzt wird das Thema abermals tabuisiert. Wir haben eine russische Gesellschaft, die in großen Teilen extrem homophob ist, beeinflusst von der orthodoxen Kirche, und wir haben eine russische Regierung, die dies befördert mit Gesetzgebungen, die viele Menschen irritieren. Das war für uns als Filmteam ein wichtiger Aufhänger, Tschaikowsky auf der Liste ganz nach oben zu rücken und den Film jetzt, 2015, zu machen.

Das Ballett "Schwanensee" ist eine der berühmtesten Kompositionen Tschaikowskys. (Szene aus dem Film von Ralf Pleger)

Das Ballett „Schwanensee“ ist eine der berühmtesten Kompositionen Tschaikowskys. (Szene aus dem Film von Ralf Pleger)

Wer war der Forscher aus dem Westen, der erstmals in die Archive schauen durfte?

Alexander Poznansky, der in Amerika lebt und lehrt. Er durfte die Briefe Tschaikowskys im Archiv in Klin in der Nähe von Moskau einsehen. Poznansky stellte fest, dass Tschaikowskys jüngerer Bruder Modest nach Tschaikowskys Tod viele Passagen in den Briefen geschwärzt hatte. Offensichtlich wollte er die Briefe nicht vernichten, hat aber alles, was sexuell explizit war oder in irgendeiner Form ein schlechtes Licht auf Tschaikowsky werfen könnte, geschwärzt. Dazu gehören auch ausfällige Bemerkungen über Kollegen, sein Jähzorn usw. Ein kleiner Teil der Briefe war allerdings schon vorher der Öffentlichkeit zugänglich; deswegen war auch die Tatsache, dass Tschaikowsky schwul war, immer bekannt. Aber in welcher Fülle und Detailfreude Tschaikowsky über seine Sexualität und über seinen Kampf mit sich selbst geschrieben hat, das ist erst durch Poznanskys Bücher der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht worden.

Hat er herausgefunden, was unter den geschwärzten Stellen steht?

(lacht) Ja. Vieles war nur halbherzig übermalt und konnte leicht entziffert werden. Angesichts dieser Quellenlage ist es umso irritierender, dass man in Russland jetzt plötzlich sagt, man wolle davon nichts wissen.

Eine russische Regierungsstelle, die einen Film finanzieren soll, den ein russischer Regisseur drehen will, legte vorab fest, dass das Thema Homosexualität nicht vorkommen darf. Das ist nachgerade absurd.

Obwohl Poznanskys Publikationen seit 20 Jahren verfügbar sind und Tschaikowskys Homosexualität bekannt ist, wissen nicht mal Klassik-Fans, wie ausführlich dieser Komponist über sein Sexleben und die Schwulenszene in Europa berichtet hat. Wieso?

Es ist eine prinzipielle Berührungsangst, nicht nur in Russland. Auch viele im Westen wollen nicht zur Kenntnis nehmen, wie sexuell aktiv Tschaikowsky war. Musikwissenschaftler fürchten, als „unseriös“ abgestempelt zu werden, wenn sie sich mit Sexualität und Lebensstil befassen. Ich gehe in meinem Film ganz anders an die Sache ran. Es geht nicht um Tschaikowsky, den Komponisten, sondern um Tschaikowsky, den Menschen, der mit seiner Sexualität gerungen hat. Diese Geschichte zu erzählen, ist von großem Belang, aber sie gehört nicht unbedingt in eine musikhistorische Kategorie, sondern in eine gesellschaftshistorische. Und da frage ich mich schon: Wieso hat nicht schon längst jemand Tschaikowskys Briefe herangezogen, um Einblick zu gewinnen in die schwule Szene in Russland im 19. Jahrhundert und in anderen europäischen Städten, die Tschaikowsky bereist hat und deren Möglichkeiten für schwulen Sex er ausgiebig geschildert hat?

Tschaikowsky mit seiner Ehefrau Antonina: er heiratete sie, um eine heteronoramtive Fassade aufzubauen, was tragische Konsequenzen hatte. (Screenshot aus dem Film)

Tschaikowsky mit seiner Ehefrau Antonina: er heiratete sie, um eine heteronoramtive Fassade aufzubauen, was tragische Konsequenzen hatte. (Screenshot aus dem Film)

Die Antwort lautet?

Wer die Ausgabe der Briefe nicht aufschlägt, durchblättert und durchliest, kommt vermutlich nicht darauf, dass es eine solche Materialfülle zu schwuler Geschichte bei einem klassischen Komponisten gibt. Mir ging das auch so. Erst als ich die deutsche Ausgabe der Briefe gelesen habe, ist mir die ganze Dimension klar geworden. In dieser Ausgabe sind die vormals geschwärzten Stellen gekennzeichnet: Man muss nicht lange nach den pikanten Details suchen, sonder wird direkt drauf gestoßen.

In deinem Film kommen nur Originalzitate von Tschaikowsky vor – in einem völlig heutigen visuellen Ambiente.

Die Geschichte, die Tschaikowsky erlebt hat, ist eine, die einen sehr reinzieht. Selbst wenn man’s nur als bloße Beschreibung lesen würde, würde es einen mitnehmen. Wenn man es dann auch noch in seinen eigenen Worten erzählt bekommt, dann ist man ihm noch ein gutes Stück näher. Diese Nähe herzustellen, war mir wichtig.

Ein Mensch, den man als Held der Musikgeschichte kennt, vertraut einem plötzlich intimste Dinge an. Das ist schon eine besondere Situation.

Wir benutzen dazu heutige Bilder, um die Aktualität des Themas zu betonen. Dazu gehören auch erschütternde Dokumente aus dem heutigen Russland: Filmclips, die zeigen, wie schwule Jugendliche von Homohassern zusammengeschlagen, erniedrigt und gefoltert werden. Diese Clips sind von den Hassern selbst auf YouTube gestellt worden, um alle Welt an ihren grauenvollen „Säuberungsaktionen“ teilhaben zu lassen. Es ist die härteste Form des gesellschaftlichen Drucks, der man ausgesetzt sein kann: physische Gewalt.

Dirk Johnston als romantisches Liebesideal Tschaikowskys singt "Nur wer die Sehnsucht kennt". (Szene aus dem Film von Ralf Pleger)

Dirk Johnston als romantisches Liebesideal Tschaikowskys singt „Nur wer die Sehnsucht kennt“. (Szene aus dem Film von Ralf Pleger)

Viele Menschen hassen Tschaikowskys Musik und können sie nicht ertragen. Ist das eine Form von Homophobie?

Es ist eher eine Furcht vor zu viel Gefühl. Die emotionale Wucht dieser Musik ist manchen Zuhörern unangenehm. Andere wiederum, die sich auf so etwas einlassen können, lieben Tschaikowsky genau deswegen. Es ist also eine grundsätzliche Frage nach der Einstellung gegenüber starken Emotionen. Das ist wie mit Filmen, wo zu viele Überwältigungsmomente vorkommen; das goutiert auch nicht jeder.

Du hast auch eines seiner bekanntesten Lieder eingebaut: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide“, gesungen auf Englisch von dem jungen Musicaldarsteller Dirk Johnston.

Es gibt Vorbilder: Nelson Eddy hat in den 1940er Jahren bevorzugt Tschaikowsky-artige Melodien zu Songs verarbeitet. Es gibt Frank Sinatra, der aus dem 1. Klavierkonzert einen Song gemacht hat und auch „Nur wer die Sehnsucht kennt“ aufnahm. Es ist eins von vielen Beispielen, wie Tschaikowskys Musik ins Heute transportiert wurde, ins Musical und in die Filmmusik. Wir haben auch Szenen mit dem Ballett-Star Vladimir Malakhov, der die Figur Tschaikowskys darstellt als Contemporary Dance; also losgelöst vom typischen klassischen Tschaikowsky-Ballettbild. Man sieht auch den exzentrischen Organisten Cameron Carpenter, der Tschaikowsky für seine Pop-Art-Orgel bearbeitet. Mir war wichtig, diesen Facettenreichtum deutlich zu machen, um zu zeigen, wie heutig, unorthodox und überraschend diese Musik immer wieder sein kann.

Grundsätzlich möchte ich betonen, dass Homophobie kein russisches Phänomen ist. Das wird im Film auch gesagt. Homophobie gibt es überall.

Wie zum Glück auch das Gegenteil: Aufgeschlossenheit und Akzeptanz. Nicht alle Russen sind homophob. Ich würde mir sogar sehr wünschen, dass man sich diesen Film auch in Russland anschauen und darüber debattieren kann, besonders 2015.

Szene mit blutoter Asperin-Tablette aus dem Tschaikowsky-Film von Ralf Pleger.

Szene mit blutoter Asperin-Tablette aus dem Tschaikowsky-Film von Ralf Pleger.

Die Akte Tschaikowsky – Bekenntnisse eines Komponisten“
Gebrüder Beetz Filmproduktion (52 Minuten)
TV-Erstausstrahlung: 3. Juni 2015, 22.05 Uhr auf ARTE

 


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