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US-Comedy betritt LGBTI-Neuland

„Grace und Frankie“ bei Netflix

Eins muss man dem Amerikanern neidlos zugestehen: wenn’s darum geht, der Mainstream-Gesellschaft zu zeigen, dass es derzeit viele neue und alternative Lebensentwürfe gibt, dann sind die großen US-Entertainmentfirmen allen anderen meilenweit voraus. Mit einer Serie und einem Spielfilm nach dem anderen torpedieren sie das konservativ-christliche Weltbild und demonstrieren, dass man sich vor den neuen Realitäten nicht fürchten muss. Nach „Modern Family“, „The New Normal“ und „Glee“ sind ab heute bei Netflix 13 Folgen der Serie „Grace and Frankie“ online. Sie betreten Neuland, weil’s diesmal nicht um schwule Teenies oder niedliche Männer um die 30 geht, sondern um alte Herren – die nach 40 Ehejahren ihre Frauen verlassen, um ihre Geschäftspartner zu heiraten.

Martin Sheen as Anwalt Robert, der seinen Geschäftspartner Sol liebt.

Martin Sheen as Anwalt Robert, der seinen Geschäftspartner Sol liebt. (Foto: Netflix)

Und diese beiden Geschäftspartner spielen Martin Sheen und Sam Waterston. Als Robert und Sol haben sie zusammen eine Rechtsanwaltsfirma in Kalifornien und beschließen nach 20 Jahren heimlicher Beziehung, ihren Frauen zu sagen, dass sie ein Liebespaar sind und den Rest ihres Lebens gemeinsam verbringen wollen, als Lebenspartner. Die beiden Frauen, gespielt von Jane Fonda und Lily Tomlin, fallen aus allen Wolken. Sind sprachlos. Entsetzt. Und müssen sich in ihrem Leben als 70+ Society Ladies neu finden, besonders nachdem die Ex-Männer die gemeinsamen Kreditkarten gestoppt haben. Was zu einer „senior angst comedy“ führt, wie’s The New York Times nennt. Aber eine Seniorenkomödie, die „nicht muffig oder aus der Zeit gefallen“ wirkt.

Einer der Angstaspekte ist natürlich der, dass viele US-Konservative glauben, die Eheöffnung – um die in den Vereinigten Staaten derzeit heftig gestritten wird – könnte dazu führen, dass genau dies passiert: verheiratete Männer verlassen massenhaft ihre Frauen (und Familien) und ziehen mit anderen Männer zusammen. Wo kämen wir da hin? Die Produzenten von „Grace und Frankie“ zeigen, dass man dann, im Fall der Fälle, durchaus zu einer neuen lohnenden Lebenssituation kommen kann, die für alle Beteiligten eine Chance bedeutet – auch wenn es eine Weile dauert, bis das auch alle einsehen. Der Weg dahin ergibt eine ganz wunderbare, reife, niemals platte Komödie, die die neuen Lebensoptionen auslotet.

Grace und Frankie (Tomlin und Fonda) müssen sich im Leben neu zuerechtfinden, nachdem sie von ihren Männern verlassen wurden. (Foto: Netflix)

Grace und Frankie (Tomlin und Fonda) müssen sich im Leben neu zurechtfinden, nachdem sie von ihren Männern verlassen wurden. (Foto: Netflix)

Es gab in den letzten Jahren bekanntlich mehrere ältere schwule Charaktere in US-Produktionen: da war zum Beispiel Scott Bakula in „Looking“ (der dann aber irgendwie aus der Serie verschwand, leider); da gab es 2014 das ältere Paar in „Liebe geht seltsame Wege“ im Film von Ira Sachs. Und natürlich war da der grandiose Christopher Plummer in „Beginners“ (2010): aber der wartete immerhin bis seine Frau tot war, bevor er in fortgeschrittenem Alter das schwule Leben ausprobierte. Bei „Grace und Frankie“ wird das Warten abgekürzt.

Sam Waterston als Sol. (Foto: Netflix)

Sam Waterston als Sol. (Foto: Netflix)

Die beiden Herren, Sheen und Waterston, als grauhaariges Anwaltspaar zu erleben, beim gemeinsamen Aufwachen, beim Küssen, beim Frühstückmachen, auf Empfängen mit Geschäftspartnern, ist bewegend und schön. Jane Fonda hat hier endlich mal eine richtig gute Rolle, die zu ihr passt und wo ihr „air brushed“-Gesicht als Teil der Handlung ironisch kommentiert und in die Story eingebaut wird. Fondas Zusammenspiel mit Lily Tomlin – die beiden stehen erstmals seit „9 to 5“ wieder gemeinsam vor der Kamera – ist grandios, weil alle Pointen sitzen und vor allem von den Drehbuchautoren gut geschrieben wurden. Es ist ein Fest, rundum.

Man darf angesichts der Überfülle von großartigen neuen Serien zu neuen Themen (zu denen auch „Transparent“ bei Amazon gehört) fragen, wieso es eigentlich in Deutschland nicht eine einzige vergleichbare Produktion gibt? Haben wir hier keine verheirateten Männer, die ihre Ehefrauen für einen Liebhaber verlassen; haben wir hier keine Familienväter, die feststellen, dass sie eigentlich eine Frau sind und eine Geschlechtsumwandlung durchmachen wollen; haben wir keine Darsteller vom Schlag einer Fonda, Tomlin, Sheen oder Waterston, um solche Geschichten einem Mainstream-Publikum nahe zu bringen? Die Antwort auf all die Fragen lautet: eigentlich ja.

Und trotzdem wagt sich niemand in Deutschland an diese Gender- und Sexualitätsthemen. Gut, dass es bei uns wenigstens auch Netflix gibt.

Und gut, dass die Amerikaner mit ihren Produkten auf dem Weltmarkt wahrgenommen werden und den Weg weisen. Auch gut, dass man bei Netflix die Serie wahlweise auf Englisch sehen kann, weil die Stimmen von Fonda und Tomlin im Original noch besser klingen.

Übrigens: Miss Fonda hat die Serie gleich selbst mit produziert, um sich die Gelegenheit einer solchen Rolle zu schaffen. Auch davon könnte so manche(r) hierzulande lernen.

Den deutschen Trailer gibt’s hier.

Fonda und Tomlin in einem Supermarkt, wo der Kassierer sie nicht beachtet - weil er einer jungen Käuferin nachschaut. (Foto: Netflix)

Erst von den Männern verlassen, dann im Supermarkt ignoriert von einem Kassierer, der sie nicht beachtet, weil er einer jungen Frau nachschaut. (Foto: Netflix)


1 Kommentar

  1. m

    Bevor ältere grauhaarige Männer — noch dazu gut verdienend!!! — heutzutage in einem positiven Licht dargestellt werden dürfen, müssen sie irgendwie einen „Makel“ haben, „beschädigt“ sein. Eben Schwul. Oder behindert. Oder Schwarz. Oder, oder. Fällt euch das nicht auch auf?


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