11235067_661203687313994_2545464277160337213_o

Auf wessen Rücken wird polarisiert?

Aufregung, dass Trans*Sexualität mit Homosexualität gleichgesetzt werde

Der Countdown läuft. Es sind nur noch knapp zwei Wochen, bis im Deutschen Historischen Museum die erste Ausstellung in der Geschichte des Hauses zum Thema „Homosexualität_en“ (Plural und mit Unterstrich!) eröffnet wird. Sie hat im Vorfeld bereits einigen Wirbel ausgelöst, nicht zuletzt wegen des Plakats. Diese Woche wurde nun der Katalog vorgestellt und wurden erste Inhalte gezeigt.

Postermotiv der Ausstellung "Homosexualiät_en" im DHM und Schwulen Museum*. Foto von Heather Cassils mit Robin Black.

Postermotiv der Ausstellung „Homosexualiät_en”: Advertisement: Homage to Benglis, part the larger body of work CUTS, ©Heather Cassils and Robin Black 2011

Dass das DHM sich mit verschiedenen Formen der „Homosexualität“ auseinandersetzen will, im geschichtlichen Überblick, ist ja an sich bereits ein Novum. Dass damit klar und deutlich ausgedrückt wird, dass Homosexualität zur Geschichte der Deutschen dazugehört, ist auch nicht gerade etwas, was man von staatlicher Seite jeden Tag vermittelt bekommt. Aber wessen Homosexualität ist eigentlich gemeint? In den sozialen Netzwerken gab’s bereits heftige Diskussionen unter Schwulen darüber, dass diese Ausstellung von einer Frau kuratiert wird. Die Angst: „Jetzt wollen uns die Lesben auch noch die Deutungshoheit über unsere eigene Geschichte wegnehmen!“ Dazu sagte Kuratorin Birgit Bosold unlängst in einem Interview mit der Zeitschrift „L-Mag“: „In der Gesellschaft gilt ja nach wie vor Homosexualität als schwule Sexualität, bei ‚Homosexuelle‘ denken in der Regel alle an Schwule. Da kann man sich alle möglichen Organisationen angucken, die Ressourcen, die Sichtbarkeit, die öffentliche Präsenz etc., das ist natürlich auch in der Community nicht symmetrisch verteilt – warum sollte das ausgerechnet bei uns in der queer Community so ganz anders sein als sonst? Sowohl in der kulturellen Repräsentation, was Museen oder Galerien betrifft, aber auch in der Historiografie ist die Geschichte von Frauen komplett unterrepräsentiert. Und da ist die schwule Kultur und Geschichte schon relativ unterbelichtet.

Aber entsprechend schlimmer sieht es mit der Lesbenbewegung aus, die gibt‘s nämlich eigentlich so gut wie gar nicht als Gegenstand eines historiografischen Diskurses.“

Das soll sich mit dieser Ausstellung radikal ändern. Auch deshalb, weil es „bei Homosexualität nicht nur um Sexualität“ gehe, wie Bosold sagt: „Ich verstehe Lesbischsein oder Schwulsein nicht in erster Linie als sexuelle Praxis, sondern als soziale Praxis oder als Lebensentwurf. Das Private ist politisch, wie wir als Feministinnen ja wissen, und auch die Schwulenbewegung hat irgendwann gesagt: ‚Mach dein Schwulsein öffentlich!‘ Das war eine wichtige Einsicht der Bewegung, dass es da um grundlegende gesellschaftliche Ordnungsmechanismen geht. Also wird es keine Ausstellung über Sexualität, sondern über Politik, Kultur, Lebensentwürfe und die Reproduktionsordnung – es geht letztlich um unsere Gesellschaftsordnung!“

Letzter Blick aufs Layout des Katalogs zu "Homosexualität_en" (Foto: Sandstein Verlag)

Letzter Blick aufs Layout des Katalogs zu „Homosexualität_en” (Foto: Sandstein Verlag)

Um diesen Ansatz sichtbar zu machen, hat sich das Kuratorenteam für ein genderverwirrendes Poster entschieden, das Fragen nach „normal“ und „nicht normal“ bewusst auf den Kopf stellt und damit starken Protest auslöste – bei Schwulen und Lesben gleichermaßen. Einige regten sich darüber auf, dass hier Trans*Sexualität mit Homosexualität gleichgesetzt wird. („Eine Ausstellung zum Thema ‚Homosexualität_en‘, deren Verantwortliche den Unterschied zwischen Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit nicht kennen oder jedenfalls nicht beachten, wird schon dadurch unrettbar diskreditiert“, erregte sich ein Briefschreiber ans Museum.) Der gleiche Mann äußerte: „Sie sagen, das Bild solle polarisieren. Die Frage ist aber, mit welchem Ziel und auf wessen Rücken? Muss man demnächst mit einer Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ aus Ihrem Hause rechnen oder der antisemitischen Bewerbung einer Ausstellung zum Judentum? Weil das so schön polarisiert? Und woher nehmen Sie sich eigentlich das Recht, auf unserem Rücken zu polarisieren? Das Bild bedient alle Klischees, denen Lesben und Schwule ausgesetzt sind. Beide werden als Wesen dargestellt, deren Ziel, sich als Supermänner zu inszenieren, auf groteske Weise scheitert. Und gleichzeitig werden auch noch transgeschlechtliche Menschen, denen es wichtig ist, nicht als homosexuell eingemeindet und damit marginalisiert zu werden, missachtet.“

Eingangsbereich der Ausstellung "Homosexualität_en" im DHM. (Foto: Schwules Museum*)

Eingangsbereich der Ausstellung „Homosexualität_en” im DHM. (Foto: Schwules Museum*)

Man kann darüber staunen, dass hier einerseits beklagt wird, dass Trans* und Homosexualität durcheinander gewürfelt würden, anderseits aber dieses Trans*Bild angeblich „alle Klischees von Lesben und Schwulen“ bediene. Dass solche Klischees negative Wirkungen haben könnten, darüber erregten sich auch einige Lesbengruppierungen, die sogar eine Online-Petition starteten – um das Bild aufgrund von Mehrheitsbeschluss auszutauschen: „Denn die Homosexuellen in Deutschland, nach einem jahrzehntelangem Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung, werden durch das Plakat ästhetisch und damit auch sozial und politisch zurück geworfen – auf eine zur Schau gestellte Körperlichkeit. Dies genau ist die Vorstellung der Heterosexuellen von den Homosexuellen. Nicht weil Sexualität zu ignorieren ist, ist das Image 2015 zu kritisieren, sondern weil es das Lesbische fast völlig verleugnet und das Schwule in etwas transferiert, was es gerade nicht ist.”

Sonderbar schon bleibt die gewollte idealtypische Queerung durch eine bloße Hommage auf einen männlichen Superkörper mit Referenz zum kleinlich Weiblichen (‚welke Brüstchen‘). Die übermalten roten Lippen kompensieren da nichts.

Womit wir mitten in den allgegenwärtigen (Gender-)Debatten auch innerhalb der schwulen Community wären, die ja im letzten Jahr auch heftig im Kontext der MÄNNER und ihrem angeblich zu einseitigen Männlichkeitsbild tobten. Wir sind auch mitten in der Debatte, wie ‚normal‘ und ‚angepasst‘ sich Schwule und Lesben öffentlich zeigen sollten, damit sie von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert werden und gleiche Rechte bekommen wir alle. (Bekommt man die Rechte nur, wenn man ‚angepasst‘ ist?) Diese Debatten sind gut – und sinnvoll. Denn nur so kommen die unterschiedlichen Gruppen miteinander ins Gespräch. Und sprechen sollten sie miteinander, weil sie alle dazugehören mit ihren jeweils eigenen und wichtigen und miteinander verzahnten Geschichten.

Stefan Thiel: Kurt vor dem Spiegel, 2013 Papierschnitt, Ed. 3+1 (Courtesy Semjon Contemporary, Berlin); Fotograf: Lukas Heibges)

Bild aus dem Katalog: Stefan Thiel, „Kurt vor dem Spiegel”, 2013 Papierschnitt, Ed. 3+1 (Courtesy Semjon Contemporary, Berlin; Fotograf: Lukas Heibges)

„Homosexualität_en“ eröffnet am 25. Juni, zwei Tage vorm Berliner CSD, als Doppelausstellung, die sowohl Unter den Linden im DHM als auch in der Lützowstraße 73 im Schwulen Museum* zu sehen sein wird. Der Katalog erscheint beim Sandstein Verlag, also nicht bei einem der großen schwulen oder lesbischen (oder queeren) Verlage dieses Landes. Auf der Verlagswebsite kann man jetzt schon ein Flipping Book anschauen und sich nach all den Kontroversen rund um Deutungshoheiten und Poster endlich den Inhalten widmen. Das ist gut so. Wie man hier sieht.


0 Kommentare



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close