Schwule Zwillinge kommen selten allein

Je nach Studie schwanken die Zahlen zwischen 50 und 100 %

Es ist ja nicht nur so, dass Zwillinge einander oft zum Verwechseln ähnlich sehen: Schon der Sexualforscher und Empiriker Magnus Hirschfeld (1868 –1935) hat bei seinen Interviews mit eineiigen Zwillingen herausgefunden, dass sie nahezu alle Charaktereigenschaften und Interessen teilen, auch weniger glamouröse wie etwa Alkoholismus oder den Hang zu Diebstahl. Viele Zwillingspaare haben damals Hirschfeld nicht nur ihre Homosexualität offenbart, sondern auch die Tatsache, dass sie miteinander Sex hatten. Die irrige Annahme – oder der Wunsch –, dass grundsätzlich alle Zwillinge auch miteinander ins Bett gehen, erklärt die Beliebtheit von Sexfilmchen – für Homos wie für Heteros – mit der Beteiligung von Zwillingen.

Zwillinge als Hingucker im Showbiz
Von sexuellen Begehrlichkeiten mal abgesehen: Zwillinge sind ein spannendes Phänomen, immer ein Hingucker, gerne genommen im Showgeschäft: von den Kessler-Zwillingen und den Tokio-Hotel-Brüdern Bill und Tom Kaulitz über die Weasley-Zwillinge Fred und George bei Harry Potter bis hin zu John und Edward Grimes, die als Duo Jedward für Irland beim ESC mit „Lipstick“ auftraten.
Eines jedenfalls fällt auf: Ist bei Zwillingsbrüdern einer schwul, gilt das sehr oft auch für den anderen.

Bildnummer: 53001577  Datum: 04.05.2009  Copyright: imago/STAR-MEDIA Sängerinnen Alice und Ellen Kessler (Kessler Zwillinge) während eines Konzertes mit den - Swinglegenden - in Leipzig, Personen , premiumd; 2009, Leipzig, Musik, Familie, Schwester, Geschwister; , quer, Kbdig, Gruppenbild, Aktion, People Bildnummer 53001577 Date 04 05 2009 Copyright Imago Star Media Singers Alice and Ellen Kessler Kessler Twins during a Concerts with the SWINGLEGENDEN in Leipzig People premiumd 2009 Leipzig Music Family Sister Siblings horizontal Kbdig Group photo Action shot Celebrities

Foto: imago/STAR-MEDIA (Alice und Ellen Kessler während eines Konzertes in Leipzig, 2009)

Von Magnus Hirschfeld etwa ist überliefert: Er habe niemals eineiige Zwillinge getroffen, die eine unterschiedliche sexuelle Orientierung gehabt hätten. Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Zwillingsbruder eines schwulen Mannes ebenfalls schwul ist, nach heutigem Stand recht hoch, wie der Berliner Zwillingsforscher Andreas Busjahn und Geschäftsführer der Health Twist. Der Zwillingsforscher hat Informationen über rund 2000 Zwillingspaare gesammelt und sagt: Je nachdem, welche Studie man betrachtet, schwanken die Zahlen zwischen 50 und fast 100 Prozent. Aber einige Studien haben gewisse Makel: So wurden etwa in den 50er Jahren in Deutschland schwule Zwillinge in den Gefängnissen untersucht – und da spielen bei der Ausprägung der Sexualität, so Busjahn, eventuell noch die besonderen Bedingungen in Haft eine Rolle.
Auch bei Zweieiigen mehr Schwule
Im Durchschnitt aber, so der Zwillingsforscher, könne man von 50 bis 70 Prozent ausgehen. Übrigens ist die Wahrscheinlichkeit auch bei zweieiigen Zwillingen höher, bei denen das Erbgut ja immerhin noch zur Häflte übereinstimmt. Auch hier sagen die Studien, die zum großen Teil in den USA, aber auch in Skandinavien entstanden sind: Ist der erste Zwilling schwul, ist es zu 20 bis 25 Prozent auch der zweite.
Problematisch auch, sagt der Forscher: Wie definiert man genau Homosexualität? Da gebe es kein Ja oder Nein. Busjahn spricht lieber von einem „Kontinuum von sexuellen Präferenzen“. Die konkrete Zahl sei aber nicht so entscheidend. Interessanter findet der Psychologe, der sich mit genetischer Statistik befasst, die Frage: Gibt es eine genetische Veranlagung?

Mix aus genetischen und sozialen Faktoren
Es stimme zwar, dass bei Homosexualität eine genetische Komponente mit im Spiel sei (und zwar bei Männern stärker als bei Frauen), es gebe aber nicht das eine Gen, das dafür verantwortlich ist. Und bei zweieinigen Zwillingspaaren – wenn sie verschiedengeschlechtlich sind – hat man beobachtet, dass das Mädchen auffallend häufiger, als zufällig zu erwarten wäre, lesbisch ist. Hier wurde durch den männlichen Zwilling im Mutterleib mehr Testosteron in den Blutkreislauf ausgestoßen, erkärt Busjahn. Tatsächlich handle es sich um ein komplexes Wechselspiel, bei dem auch soziale Faktoren am Werk sind. Laut Busjahn kann zudem eine Gen-Umwelt-Interaktion nicht ausgeschlossen werden: Das fast identische Äußere mache beide Zwillinge attraktiv für andere Homosexuelle (oder eben gerade nicht) und beeinflusse so die Wahrscheinlichkeit prägender früher homosexueller Kontakte.

Großes Treffen der Twins in Twinsburg
Auch bei adoptierten Kindern hat man übrigens beobachtet, dass es eine etwa 10-prozentige Übereinstimmung zwischen der Sexualität des leiblichen Kindes und eines adoptierten Zwillingspaares gibt – oder umgekehrt zwischen einem leiblichen Zwillingspaar und einem adoptieren Kind. Es sind wohl auch innerfamiliäre Bedingungen verantwortlich, schließt der Forscher.
So oder so: Das Zwillingsphänomen ist längst nicht erschöpfend erklärt, und bis wir alles ganz genau wissen, freuen wir uns, dass sympathische und hübsche Menschen manchmal im Doppelpack auftreten. Übrigens finden sogar Zwillinge andere Zwillinge spannend, wie unsere Coverboys Marian und Julian (siehe Galerie!) zugeben.

Fotos: Sven Serkis

Dieser Beitrag ist erschienen in MÄNNER 6.2015


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