Fun HomeCircle in the Square Theatre

Schwuler Selbstmord – als Musical?

„Fun Home“ am Broadway

Gestern Abend wurden in New York die legendären Tony Awards vergeben, so was wie der Oscar des Broadway. Der große Gewinner ist das neue Musical „Fun Home“: Es war zwölffach nominiert und gewann gleich fünfmal in den Topkategorien. Das populäre Stück erzählt nicht nur eine herzergreifende lesbische Coming-of-Age-Geschichte, mit lesbischem Sex auf offener Bühne, sondern auch eine fast noch herzergreifendere schwule Geschichte (mit schwuler Verführungsszene auf offener Bühne), die im Tod endet.

Das Poster für die 2015 Produktion von "Fun Home" am Broadway.

Das Poster für die 2015 Produktion von „Fun Home”.

„Fun Home“ basiert auf dem autobiografischen Bestseller Graphic Novel von Alison Bechdel aus dem Jahr 2006. Das als „A Family Tragicomic“ untertitelte Buch erzählt vom Mädchen Alison und ihrem Vater Bruce. Vier Wochen, nachdem Alison ihren Eltern in einem Brief aus dem College mitteilt, dass sie lesbisch ist, wird ihr Vater – der sich ihr gegenüber derweil als ebenfalls homosexuell outet – von einem Lastwagen überfahren. Warum, fragt sich Alison? Hat ihr Outing etwas damit zu tun? Hat ihn sein eigenes Outing in den Tod getrieben? Wer ist schuld … und woran genau?

Das sind nicht gerade die typischen Themen eines Song-and-Dance-Musicals am Broadway, das sich ans Massenpublikum richtet. Und die Tatsache, dass der Vater pädophile Neigungen für seine diversen Schüler empfindet und mehrmals von der Polizei beim Sex erwischt wird (wie sich später herausstellt) ist auch nicht gerade das, was man am „familienfreundlichen“ Broadway sonst so geboten bekommt. Von einer betrogenen Ehefrau, die das alles – all die Jahre über – weiß und in sich hineinfrisst, ganz zu schweigen. Und doch haben es Jeanine Tesori (Musik) und Lisa Kron (Liedtexte) zusammen mit Regisseur Sam Gold gewagt, das Risiko einer Musical-Version einzugehen: alle drei wurden mit Tonys für „Beste Originalpartitur“,  „Bestes Musicalskript“ und „Beste Regie“ ausgezeichnet. Sie haben einen Smash Hit gelandet. Der etwas über den derzeitigen gesellschaftlichen Wandel aussagt, nicht nur in Amerika. Lisa Kron erklärte in einem Interview im Programmheft:

Für mich ist die größte Freude die, dass es ein Musical unserer Zeit ist. Es hätte in keiner anderen Zeit geschrieben werden können. Es drückt die aktuellen Befindlichkeiten aus.

Ein Stück, das wie „Fun Home“ zeigt, dass hinter der Fassade einer angeblich ‚normalen‘ Kleinstadtfamilie in Pennsylvania alles anders ist, als es scheint, entspricht dem vollständigen Durchbrechen des konservativen Familienbildes – auch in Deutschland, wo die Debatte über Familienkonstellationen ja ebenfalls in vollem Gang ist. Auch scheinbar heteronormative Familiengefüge müssen nicht normativ sein, selbst wenn sie es von außen scheinen. Das wird in „Fun Home“ überüberdeutlich. Und so amüsant und berührend die Coming-out-Geschichte der pubertierenden Alison ist (die die Story in Flashbacks quasi auf drei Zeitebenen simultan erzählt, wie im Comic), so ist es doch die Geschichte des Vaters, die den Zuschauer letztendlich umhaut. Wie übrigens auch die Autorin Alison.

Alisons Familie in "Fun Home": mit drei Alisons (unterschiedlich alt) und Vater Bruce (Mitte) mit seinem Lover (rechts)

Alisons Familie in „Fun Home”: mit drei Alisons (unterschiedlich alt) und Vater Bruce (Mitte) mit seiner Ehefrau und seinem Lover (beide rechts). (Foto: Joan Marcus)

In den 60er Jahren traut sich Bruce nicht, ‚anders‘ als die anderen zu sein. Er heiratet, gründet eine Familie und verbringt seine Zeit damit, neben dem Beruf als Lehrer und Beerdigungsunternehmer („Fun Home“ ist hier die Abkürzung für „Funeral Home“) historische Häuser perfekt zu restaurieren. Nach dem Motto: Wenn alles perfekt aussieht, dann wird es vielleicht auch im echten Leben perfekt. Dieser Plan scheitert auf ganzer Linie. Er verliebt sich immer wieder in seine Schüler, versucht sie zu verführen, wird verhaftet, als er beim Familienausflug nach New York Matrosen abschleppt und muss sich irgendwann seiner Frau gegenüber erklären, als ihn der Richter zum Therapeuten statt ins Gefängnis schickt. Die Ehefrau weiß, was los ist, will aber nicht darüber sprechen. Bis Alisons Coming-out-Brief ankommt und die Scheinwelt der Eltern zusammenstürzen lässt.

Denn der Vater sieht am Beispiel seiner Tochter, dass es möglich ist, offen homosexuell zu leben und glücklich zu sein. Er beschließt, seine Frau ebenfalls zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen: als offen schwuler Mann. Diese Aussicht verwirrt ihn allerdings derart, dass er im vorletzten Song des Stücks, „Edges of the World“ („Am Rand der Welt“), mitten auf der Straße steht und nicht weiß, wohin er als nächstes gehen soll. Er erstarrt vor Glück und Schreck – und wird von einem Laster überfahren. So stellt sich das Alsion zumindest vor, so verarbeitet sie es in ihrem Graphic Novel.

Cover der deutschen Ausgabe des Graphic Novel "Fun Home".

Cover der deutschen Ausgabe des Graphic Novel „Fun Home”.

Dieser schwule Selbstfindungs-Song, den auf der CD Broadway-Star Michael Cerveris singt, der für seine Darstellung des Bruce ebenfalls einen Tony bekam, geht unter die Haut. Auch die anderen Lieder des Albums. Es kletterte letzte Woche tatsächlich Platz 1 der US-Chats. Für ein Musical mit dieser Thematik ist das mehr als bemerkenswert.

Auch der besondere Mix des Publikums im Circle-in-the-Square-Theater ist bemerkenswert anders als sonst am Broadway: neben vielen neugierigen alten Menschen, oft paarweise und gleichen Geschlechts, sieht man junge bis sehr junge schwule und lesbische Paare sowie etliche Trans* Personen. Sie alle fühlen sich von „Fun Home“ angesprochen, auf die ein oder andere Weise. Dass dieses eigentlich intime, sogar kleinformatige Stück die Konkurrenz von Disney & Co. auf die Plätze verweisen konnte, ist sicherlich ebenfalls ein Zeichen unserer Zeit, die sich offensichtlich im Wandel befindet.

Die Frage bleibt: Wann kommt das Erfolgsstück nach Deutschland? Vermutlich traut Stage Entertainment dem hiesigen Musical-Publikum so viel Zeitgeist nicht zu. Was schade ist. Aber vielleicht findet sich ja doch eine andere wagemutige Bühne, die dieses musikalische Porträt auseinanderfallender traditioneller Familienstrukturen zeigen will. Es lohnt. Ebenso die Lektüre von Alison Bechdels Graphic Novel, der in Deutschland 2011 als Hardcover von der Süddeutschen Zeitung publiziert wurde. Er wird selbstverständlich auch Teil der Queer-Comics-Ausstellung im Schwulen Museum* 2016 sein.

Die Website Playbill schreibt zum Stück heute Morgen: „Die Tony-Gewinne für ‚Fun Home‘ sind nicht nur ein Triumpf fürs Erwachen einer jungen Frau als Lesbe, sie sind ein Triumpf für Frauen als Autorinnen/Darstellerinnen und speziell ein Triumph für lesbische Frauen, deren Geschichten oft überschattet werden von denen schwuler Männern am Broadway.“ Man könnte ergänzen: Dieses Stück und der Tony für Michael Cerveris sind auch ein Triumph für schwule Männer, die nicht immer nur als flamboyante Drag Queens am Broadway Furore machen können, sondern als tief verstörte, liebende Familienväter, die endlich ihren Weg finden. Selbst wenn dieser hier noch tragisch endet.

 


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