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Wenn der Sauf-Gott wütend wird …

Das Maxim Gorki Theater im Rausch

Berlins kleinstes Ensemble-Spielhaus schlägt seine Türen auf für Rausch, Ekstase und (fast-)nackte Körper. Dafür zieht Regisseur Miloš Lolić die Motive der griechischen Tragödie „Die Bakchen“ von antiken Vasen, befreit sie von Weinranken und theatralischem Pathos und reanimiert die Thematik mit Moderne unter einem neuen Titel: „Mania“.

Dionysos ist der Gott des Weins, der Lebensfreunde und der Ekstase. Der allmächtige Zeus zeugte ihn mit einer seiner vielen sterblichen Affären in der Stadt Theben. Dorthin kehrt Dionysos in Menschengestalt nun zurück, zusammen mit seinen Anhängern – Männern und Frauen in rasender Verzückung und ungezügelter Lebensfreude.

Das Stück beginnt nicht mit weinnassen Trinkgelagen, sondern mit treibendem Techno, dem sich der Gott und sein Gefolge hingeben, bis schließlich König Pentheus (Aleksandar Radenković, der auch in „Small Town Boy“ mitspielt– lecker!) keinen Bock mehr auf den ganzen Zirkus hat und die guten Sitten seines Reiches bedroht sieht. Er weigert sich den Fremden und seinen Kult anzunehmen und schmeißt die Meute aus der Stadt. Also webt der Sauf-Gott seinen Zauber weiter, führt die Frauen der Stadt in Scharen in die Berge, wo die ausgelassene Stimmung in Maßlosigkeit und wilden Orgien gipfeln. Als der König mit Waffengewalt gegen Dionysos und dessen Anhängerschaft vorgehen will, endet dies fatal …

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Was ist eigentlich der Frevel des Exzess?, fragt man sich als Zuschauer irgendwann in seiner Sitzreihe. Eigentlich doch immer nur die Bigotterie der Außenstehenden. „Mania“ ist ein verdammt geiles Stück, das zeigt, wie nah Lebensfreude, Realitätsverlust, Orgie und Gemetzel eigentlich beisammenliegen. Wenn die Kostümbildner die Darsteller aus ihren grauen Alltagsklamotten ziehen, sie in schillernde Lamé-Gewänder und Plateauschuhe stecken und schließlich alle stofflichen Hüllen (bis auf fleischfarbene Ganzkörperstrumpfhosen – schade!) von ihnen abfallen lassen, zeigt sich, wie zeitlos die Themenpalette der alten Griechen eigentlich ist – Angst vor sexueller Freiheit und Travestie inklusive.

Zurück bleibt der elektrisierte Besucher mit ganz viel Energie in den Gliedern und dem Wunsch, mitstampfen, -schleimen und -spielen zu dürfen bei diesen modernen Bacchanalen – zum Glück ist das am Wochenende in Berlin ja kein Problem. „Mania“ ist in jedem Fall ein kulturelles Must-see!

Titelfoto/Foto: Ute Langkafel MAIFOTO


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