Ringring

Stockholm: Alles ABBA oder was?

2015: Euro Games. 2016: ESC. Und immer wieder die schwedischen Fab Four

Als gäbe nicht schon genug Gründe, nach Stockholm zu reisen, haben sich die Schweden jetzt auch noch den ESC-Titel geholt. Die 61. Ausgabe steigt, wie jetzt bekannt wurde, in der Hauptstadt! Vorher finden da jetzt erstmal der Stockholm Pride und kurz darauf die Euro Games statt. Und die unermüdlichen ABBA-Macher planen ein neues Spektakel

 

Als ich Ende April ein paar Tage in Stockholm verbringe – mein erstes Mal, ich fliege sonst gewohnheitsmäßig immer Richtung Süden –, legt sich die Stadt richtig ins Zeug. Die Sonne scheint und widerlegt täglich mein größtes Vorurteil: Es ist überhaupt nicht den ganzen Tag dunkel und auch gar nicht kalt. Ich residiere im Hotel Rival im angesagten Stadtteil Södermalm, dem ehemaligen Arbeiterviertel, wo – Stieg-Larsson-Fans werden es wissen –  die Guten wohnen, während sich die Bösen auf die anderen 13 Inseln der Stadt verteilen. Vermutlich auch im 4. Teil der Millennium-Trilogie, der Ende August erscheint (fortgeschrieben von David Lagercrantz, Stieg Larsson verstarb 2004).

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(Foto: Ola Ericson)

Wohnen bei Benny Andersson

Aber ich bin nicht zum Lesen hier. Meine Urlaubslektüre rühre ich tatsächlich nicht ein einziges Mal an, denn es gibt viel zu sehen in dieser Stadt. Ich muss nicht mal weit laufen, denn mein Hotel begann in den 30er Jahren als Art-Déco-Kino und gehört heute Benny Andersson von ABBA – der mit dem breiteren Gesicht, obwohl der Name viel besser zu dem anderen gepasst hätte, zu Björn, dessen Gesicht immer so rein und unschuldig wirkte, total bennymäßig eben.

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Hotel Rival: Willkommen im Foyer

Die Tatsache, dass man bei Herrn Andersson wohnt – was gerne auch Promis wie Paris Hilton und Britney tun –, drängt sich dem Gast nicht unbedingt auf. Aber es erklärt, warum das Unterhaltungsprogramm in jedem Zimmer neben diversen CDs und DVDs immer ein Doppel-Album „ABBA Gold“ aufbietet. Oder auch manchmal nicht, denn die CD ist so beliebt, dass Gäste sie häufig mit nach Hause nehmen. Die Putzfrauen füllen sie aber immer nach, so wie die Seife im Bad, erzählt Sean Naughton, womit wir schon bei der nächsten Sehenswürdigkeit wären. Der Chefconcierge des Rival, Sohn schwedisch-hawaiianischer Eltern, ist mit Abstand der hübscheste Concierge der ganzen Stadt – das Gerücht darf man getrost verbreiten, ohne einen einzigen anderen Concierge gesehen zu haben.

Hotel mit Blick auf den Start der CSD-Parade

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Pretty in Pink: Madame Heinz (mit Bart)

Vor dem Haus befindet sich der kleine Mariatorget Park, wo traditionell die Parade des Stockholm Pride loszuckelt. Eigentlich muss man diesen Ort nicht verlassen, denn nur drei Häuser weiter wird im Club King Kong einmal die Woche schwul gefeiert, präsentiert von der bunt-bärtigen Madame Heinz. Wobei, so würden das die Stockholmer nicht nennen; in der Hauptstadt des Landes, das Homosexualität bereits 1944 legalisierte, mag man solche Labels nicht: schwuler Club, schwule Bar. Man verweist darauf, dass hier alle miteinander feiern, ganz egal, wer mit wem schläft.

Gelebte LGBTI-Solidarität zum Mitfeiern

Foto: MIKAEL SJ…BERG / www.photojournalism.se

Foto: MIKAEL SJ…BERG / www.photojournalism.se

Diese Stimmung wird auch im Mälarpaviljongen gelebt, einem der schönsten Cafés und Restaurants der Stadt, herrlich idyllisch gelegen am Ufer des Mälarsees im Westen Stockholms, doppelt so groß wie der Bodensee und so sauber, dass man hier Lachse angelt. Überall blühen Blumen, manchmal legt ein DJ auf, und wer mag, kann auch von einem der Anbauten, von denen ständig neue dazu kommen, schwimmen gehen. Hier versammelt sich ein vornehmlich schwules Publikum, um zu essen oder etwas zu trinken, vorzugsweise den Rosé des Hauses aus fair gehandelten Trauben; vom Verkauf geht immer ein Teil an eine LGBTI-Organisation. Aber das ist noch nicht alles: Arto, der Chef, beschäftigt hier Leute aus 50 Nationen, etwa aus Uganda oder Ungarn. Schwule und Lesben, die in Stockholm Asyl suchen, weil sie aus ihrer Heimat geflohen sind. Wer hier nicht wenigstens auf einen Snack vorbeischaut, der war nicht in Stockholm.

Was man natürlich ebensogut über das ABBA-Museum (siehe Titelbild: Wenn das rote Telefon im ABBA-Museum klingelt, rangehen! Es könnte Agnetha sein.) oder das Spritmuseum sagen könnte, das die transgender Sommelière Nadja Karlsson beschäftigt, oder darüber, dass man mindestens einmal in Stockholm Köttbullar gegessen haben muss – und zwar nicht bei IKEA, sondern im Oaxen Krog & Slip auf Djurgården oder im Broms im angesagten Viertel Östermalm.

Feiern wie der Große Gatsby

Wer übrigens am 25. eines Monats in Schweden aufschlägt, wird proppevolle Clubs und davor endlos lange Schlangen vorfinden. Denn: An diesem Tag werden die Löhne ausgezahlt, und der Schwede neigt zu der sympathischen Annahme, dass dieses Geld – oder jedenfalls Teile davon – direkt ausgegeben gehört. Richtige Aufläufe bilden sich etwa vor Vergnügungstempeln wie dem Berns (zu dem auch ein exklusives Hotel gehört) in Norrmalm. Wer sich immer schonmal fühlen wollte wie ein Gast auf einer pompösen Party à la Great Gatsby, der ist hier genau richtig. Auf Dauer hat der Bombast  aber etwas Seelenloses.

„Mamma Mia“ für immer – für alle

Familiäres Partyfeeling dagegen verspricht ein Theater-Restaurant,  das am 16. Januar 2016 eröffnet. „Mamma Mia – The Party“ – hier kann man dann essen und trinken und nebenbei zu den Stars seiner eigenen Version des erfolgreichen Musicals werden. Verantwortlich für dieses Spektakel im Nachbau der griechischen Taverne aus dem Film ist ABBA-Urgestein Björn Ulvaeus, der im April bereits seinen 70. Geburtstag gefeiert hat; es wird auf der Halbinsel Djurgården stattfinden, im Vergnügungspark Gröna Lund. Gerade als mir meine Begleitung bei einem Spaziergang durch den Park davon erzählt, verlässt ein schmaler gutgekleideter älterer Herr geschäftig eine große Lagerhalle. Annika deutet auf ihn und fragt mich, ob ich wisse, wer das ist. Ein Schauspieler, rate ich, was ich immer erstmal vermute, wenn ich irgendwo ein vage bekanntes Gesicht entdeckte. Nein, sagt Annika und lacht. Es war Björn von ABBA.

Air Berlin fliegt bis zu vier Mal täglich von Berlin-Tegel nach Stockholm-Arlanda, Montags bis Freitags und Sonntags mit je zwei Flügen am Morgen, einem am Nachmittag und einem am Abend. Die Preise starten bei 99 Euro für einen Hin- und Rückflug.

Mehr Infos für LGBTI-Reisende über Stockholm gibt’s hier.

Der Artikel ist erschienen in MÄNNER 7.2015


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