Pedro Virgil

Der Bart als Neptun-in-Fische-Phänomen

Astrologische Trend-Analyse aus Oxford

Übers Thema Bart ist ja in den letzten Jahren einiges geschrieben worden (ich weiß wovon ich rede). Nachdem in so ziemlich jeder aktuellen Werbung Männer-mit-Vollbart auftauchen, sogar bei Kreissparkassen und Billigreiseanbietern, wurde uns jüngst erzählt, der haarige Trend sei wieder vorbei. Besonders hyperhippe Fashion-Hefte mit viel Werbung von Rasierproduktfirmen betonten das immer wieder. Ohne nachhaltigen Erfolg. Nun kommt ein unerwartetes Plädoyer für den Bart ausgerechnet – von einem Astrologen in Oxford!

Chris Hemsworth auf dem Cover von "Esqire".

Chris Hemsworth auf dem Cover von „Esqire“.

Es hat sich momentan eingebürgert, dass Heterojungs sich untenrum rasieren und unter den Armen, aber ihr Haar im Gesicht sprießen lassen, wie sie wollen. Womit die Kosmetikindustrie genug Geld verdient, ohne dass man das als Schwuler weiter kommentieren müsste. Oder nachmachen sollte. (Wer will schon wie ein gerupftes Huhn aussehen?) Nun kommt eine Begründung dafür, warum es sowieso besser ist viel Haar am Körper zu tragen – egal was die Mutter sagt – ausgerechnet von einer britischen Horoskop-Seite mit dem Titel „The Oxford Astrologer“. Sie widmet sich „Kultur, Gesellschaft und Sterndeutung“. Da kann man nicht nur Monatshoroskope finden, sondern auch visuell ansprechende Trend-Tipps mit ungewöhnlichem Twist. Diese Woche widmet sich die Website dem Bart-Phänomen.

Jamie Dornan auf dem Cover von "Details".

Jamie Dornan auf dem Cover von „Details“.

Zu sehen sind da die Cover von etlichen bekannten Männermagazinen, die 2015 Vollbart auf dem Titel hatten. MÄNNER ist leider nicht dabei. Dafür Jamie Dornan auf der semi-homosexuellen Zeitschrift „Details“ und Chris Hemsworth auf der Ausgabe von „Esquire“ für den Mittleren Osten. Außerdem stellt der Oxford Astrologer ein Selbstporträt des Malers Gustav Courbet vor. Mit dem Hinweis: „Neptun war zuletzt in den 1850er Jahren im Sternzeichen Fische, und das war genau die Zeit, als Rauschebärte das letzte Mal groß in Mode kamen. In Paris war la vie boheme angesagt, und wer zeigen wollte, dass er wild und frei war, trug ausgewachsene Backenbärte. So zum Beispiel Gustav Courbet – immer ein Trendsetter – 1848.“

Selbstportät des Malers Gustav Courbet 1848.

Selbstportät des Malers Gustav Courbet 1848.

Imposante Vollbärte setzten sich in England vollständig durch während der Krim-Kriege 1854-56. Normalerweise erwartete man, dass britische Soldaten sich glattrasieren, aber es war auf der Krim (heute: Ukraine) so kalt, dass das Rasieren unmöglich wurde und es sowieso keine Rasierklingen gab.

Unrasierte Soldaten im Krim-Krieg 1854.

Britische Soldaten im Krim-Krieg 1854.

Als die Krim-Helden dann irgendwann heimkehrten, wurde der neue „wilde“ Look aus dem Osten zum Must-have für den Gentlemen. Und auch für anderen fashionable Herren in Europa. Während der Oxford Astrologer sich fragt, ob das aktuelle kosmische Bart-Revival Dimensionen wie im 19. Jahrhundert annehmen wird, bemerkt er gleich noch einen neuen (dezenten) Street-Fashion-Trend, nämlich blaue Haare. Und fragt: Was wird sich Neptun als nächstes ausdenken, wenn er sich weiter im Sternzeichen Fische bewegt? Zumindest würden blaue Haare gut zu den stechend blauen Hemsworth-Augen passen, vom germanischen Wollpullover des Thor-Darstellers ganz zu schweigen. Und „Details“ hat immerhin schon mal den Namenszug des „Shades of Grey“-Beau blau eingefärbt. (Ebenso die Geschichte über christlichen Hip-Hop.)

Interessant daran: im späten 19. Jahrhunderte war die Farbe Hellblau Erkennungszeichen für Schwule, wie man derzeit im Deutschen Historischen Museum erfahren kann, wo das am Beispiel des Porträts von Robert de Montesquiou erklärt wird.

Der trägt Bart und einen Spazierstock mit babyblauem Griff. Zur Erinnerung sei erwähnt, dass Montesquiou Vorbild für Baron de Charlus ist in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, womit er die vermutlich berühmteste schwule Romanfigur des 20. Jahrhunderts darstellt.

Robert de Montesquiou, porträtiert von Giovanni Boldini, 1897. Derzeit zu sehen in der Ausstellung "Homosexualität_en" im DHM.

Robert de Montesquiou, porträtiert von Giovanni Boldini, 1897. Derzeit zu sehen in der Ausstellung „Homosexualität_en“ im DHM.

Titelbild: Der australische Rugby-Spieler David Williams, bekannt als „Der Wolfsmann“. Fotografiert von Pedro Virgil, aus „Beards: An Unshaved History“


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