Mons Kulturhauptstadt C Tobias Sauer

Eine Stadt auf dem Sprung

MONS: Stolze schwule Kulturhauptstadt 2015

von Tobias Sauer

Auf einmal gibt es kein Durchkommen mehr: Die enge Straße mit dem grauen Kopfsteinpflaster mitten im Zentrum der belgischen Kleinstadt Mons ist versperrt. Aber kein Unfall blockiert den Durchgang, sondern ein riesiger, fast fünf Meter hoher, roter Gummiball – Teil einer Kunst-Performance. „Stop!“ scheint der zu rufen. „So wie du wolltest, geht es nicht weiter! Ändere deine Route, plane um, mach was aus der neuen Situation!“
In Mons sind solche überraschenden Impulse vielleicht besonders wichtig. Seit dem Ende des Bergbaus in den 80er Jahren ging es in der Wallonie, dem französisch-sprachigen Belgien, bergab. Die Arbeitslosigkeit in der 100.000-Einwohner-Stadt stieg stark an, in der Wallonie liegt sie seit 20 Jahren bei über 15 Prozent. Junge Leute zogen weg, weil sie hier für sich keine Zukunft mehr sahen. Zugleich schlug die schlechte wirtschaftliche Lage aufs Gemüt: Die Wallonie hatte mit einem negativen Ruf zu kämpfen, die Bevölkerung reagierte teils mit Resignation, die Stimmung war schlecht.
Der knallrote Ball ist deshalb gleich doppelt nützlich: Er regt an, über alte, festgefahrene Wege nachzudenken – und er macht wahnsinnig viel Spaß. Hergestellt aus weichem Gummi ist er wie dafür geschaffen, dass allerlei Passanten mit Karacho gegen ihn springen. Schnelle Schritte, ein dumpfes „Blopp“ und lautes Lachen zeigen schon von weitem, wo der Ball heute steckt.

Täglich gibt es etwas zu erleben

„Jeden Tag taucht der Ball an einer anderen Straßenecke auf“, erklärt Johan Vreys, Pressesprecher von Mons 2015, das diese und Hunderte weitere Aktionen organisiert hat – von Konzerten über Ausstellungen, Installationen und Pop-up-Bars bis zu Stadtführungen als Pantomime-Performance. Insgesamt sind in diesem Jahr 300 Veranstaltungen und rund 1.000 Aktionen geplant – Besucher können jeden Tag gleich mehrere erleben.

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Foto des Künstlers Jean-Paul Lespagnard

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Foto des Künstlers Jean-Paul Lespagnard

Und dass die Stadt dabei nicht nur auf klassische Kunst setzt, auf Konzerte und Theater, sondern zum Nachdenken und Mitmachen anregen will und nicht zuletzt zum Lächeln, liegt vielleicht auch daran, dass die schwule Szene ihre Erfahrungen in Mons besonders leicht in die Politik einbringen kann. Bürgermeister ist nämlich schon seit dem Jahr 2001 Elio di Rupo, der von 2011 bis 2014 zugleich Premierminister Belgiens war – der erste offen schwule europäische Regierungschef.

Mitmachen, nicht verstecken

„Wir haben 12 Jahre daran gearbeitet, den Spirit zu heben“, sagt Elio di Rupo im Gespräch mit MÄNNER. Die Idee dahinter: Der Aufbau eines positiven Selbstwertgefühls ist wichtig, damit die Bürger sich aktiv engagieren können. Denn nur wer sich nicht versteckt, nur wer das Gefühl hat, etwas bewegen zu können, der kann sich auch positiv in die Gemeinschaft einbringen, sie vielleicht verändern. Das wiederum, so die Hoffnung, ist die Grundlage, um die Stadt als Wohn- und Arbeitsort attraktiver zu machen, kreative Köpfe anzuziehen und damit die wirtschaftliche Wende einzuleiten. Eine Idee, die ähnlich vielen CSD-Demonstrationen zugrunde liegt und besonders in der englischen und französischen Bezeichnung „Pride“ bzw. „Fierté“ zum Ausdruck kommt: Stolz sein auf die eigene Identität, auf eigene Leistungen. Für Bürgermeister di Rupo gehören Aufschwung und Kultur deshalb zusammen: „Wir müssen es schaffen, die Stadt zu öffnen, für alles was neu ist, was alternativ ist“, sagt er. „Diese Offenheit hilft dann auch der Entwicklung der Stadt.“

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Student und Aktivist: Florentin aus Mons

Der Ansatz scheint zu funktionieren. „Die Atmosphäre in Mons ist wirklich toll, ich fühle mich hier wohl – auch als junger Mensch“, sagt Florentin. Der 21-jährige Student lebt seit drei Jahren in der Stadt, hat die Vereinigung queerer Studierender gegründet, das Rainbow House als Treffpunkt schwuler und lesbischer Gruppen ins Leben gerufen und engagiert sich als Vizepräsident der Organisation Arc-en-Ciel der Wallonie. Er konnte beobachten, wie der Status als Europäische Kulturhauptstadt die Stadt verändert hat: „Seit Mons 2015 gestartet ist, ist der zentrale Altstadtplatz abends immer voll, Party liegt in der Luft – Mons erlebt gerade ein ganz besonderes Jahr!“
Damit es soweit kam, mussten Bürgermeister und Verwaltung zunächst lange um Zustimmung werben. „Die Leute waren eher skeptisch, teils sogar reserviert“, erzählt Marie Noble, die sich um das künstlerische Programm von Mons 2015 kümmert. „Oft wurde gefragt: Haben wir denn keine anderen Probleme?“ Umso positiver fielen die Reaktionen seit Beginn des Kulturjahres aus. „Mit der Eröffnungszeremonie kam der Stolz. Und genau das“, meint auch sie, „hat der Stadt immer gefehlt: Stolz!“

Schwule Szene ist ausbaufähig

Investiert wurde auch in die Infrastruktur: Der Stararchitekt Santiago Calatrava baut einen neuen Bahnhof. Unternehmen der Technologiewirtschaft werden umworben, Google, Microsoft und IBM sind schon da. Nur eins fehlt noch: ein wirklicher Gay Pride – und ein oder zwei zusätzliche schwule Bars, meinen Florentin und sein Bekannter Jean-François. Zum Ausgehen geht‘s immer nach Brüssel. Aber das kann alles noch kommen. Mons ist auf dem Sprung.

Der vollständige Beitrag ist erschienen in MÄNNER 8.2015.

Titelbild: Tobias Sauer


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