White_Albino

Eine Stadt, zwei Welten

Edmund White im Doppelpack

Der 75-jährige Edmund White gilt als einer der wichtigsten schwulen Autoren des späten 20. und frühen 21. Jahrhundert. Mit „Hotel de Dream“ und „City Boy“ erschienen gleich zwei seiner Bücher in deutscher Übersetzung. Beide spielen in New York. Perfekter Ausgangspuntk für eine literarische Gegenüberstellung

Hotel de Dream, 232 Seiten, Männerschwarm Verlag, 20 Euro

Hotel De Dream
Nach sieben Jahren erschien Edmund Whites Roman „Hotel de Dream“ im März endlich in deutscher Übersetzung. Der Verlag Männerschwarm sicherte sich damit nicht nur einen der wichtigsten homosexuellen Autoren unserer Zeit, sondern auch die Verbreitungsrechte an einer Geschichte in einer Geschichte – einem Plot-Sandwich also. In „Hotel de Dream“ schlüpft der Autor in die Rolle des realen amerikanischen Schriftstellers Stephen Crane, der sich  – als die Tuberkulose beginnt, an seinem Lebensfaden zu nagen – seinem letzten Manuskript widmet. Inspiriert von einer schicksalhaften Begegnung, gibt der Sterbende seiner Lebensgefährtin eine Romanze zum Diktat, die damals noch so unvorstellbar obszön war, dass ein Freund ihm dazu riet, seinen ersten Entwurf zu verbrennen: Eine Liebesaffäre zwischen einem Stricher und einem verheirateten Bankier. Dabei malt White regelrecht die Geschichte eines grauen, konservativen New Yorks um 1900, in dem durchschnittliche Mittelschicht-Männer und Prüderie den Alltag bestimmen, aber auch parallel zu einer Welt existieren, die von geschminkten Zeitungsjungen, sphärischen Transsexuellen und sizilianischen Verbrechern bevölkert wird. Die sprachlichen Bilder machen die Stärke des Romans aus, die Liebesgeschichte selbst ist so irrational, einseitig und vorhersehbar, wie es eben nur eine unglückliche Verliebtheit sein kann, die letztlich der Realität ins Auge sehen muss: „Wir […] haben den Fehler gemacht, dass wir etwas Verbindliches wollten, wie zwischen Vater und Sohn oder einem Mann und seinem Liebsten.“ (Dennis Stephan)

 

City Boy – Mein Leben in New York, 336, Albino Verlag, 22,99 Euro

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„You‘ll Never Walk Alone“, heißt eine Platte von Doris Day, die 1962 erschien – jenem Jahr, in dem der damals 22-jährige Edmund White nach New York zog. Der Song ist ein naives Kitsch-Liedchen darüber, dass man auch in stürmischen Zeiten nie allein ist, solang man sich nur etwas Hoffnung im Herzen bewahrt. So was passt nicht zu einem aufgeklärten Geist wie White. Um die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Lagern der 60er zu verdeutlichen, passt es aber ganz gut. Während Doris Durchhalteparolen-Optimismus verbreitet, taucht Edmund ab in eine schwule Welt, deren Desillusion mit Sex betäubt wird. In „City Boy“ beschreibt er seine Sicht auf das New York der 60er und 70er so: „Die ganze Stadt war durchflutet von Begierde und Gelegenheiten, sie zu befriedigen“ – was er fleißig tut. Die Hälfte des sechsten Kapitels handelt von den Irrungen, die ein sexfixierter Alltag mit sich bringt. Nebenher geht White auf Tuchfühlung mit der Intellektuellen- und Künstlerszene im Big Apple. Er trifft den schwulen Poeten Richard Howard, dem er die Veröffentlichung seines ersten Romans verdankt, er trifft William Borroughs, er ärgert sich darüber, dass „all diese erstklassigen Kunstler – Jasper Johns, Cy Twombly, John Ashbery, Elizabeth Bishop, Susan Sontag, Robert Wilson – nie ihr Coming-out schafften“. Die meisten von letzteren – allen voran Sontag – trifft und beschreibt er natürlich auch. So ist der „autobiografische Roman“ Zeitdokument und schillernde Porträtsammlung einer Stadt und ihrer Bewohner. (Christian Lütjens)

Der Albino-Verlag hat kürzlich ein Interview mit White geführt.

Titelfoto: Michael Taubenheim


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