„Ich wollte sterben“

Bisi ist Nigerias bekanntester Schwuler

von STEFAN ERDMANN (queerblick e.V.)

Bisi Alimi ist Nigerias bekanntester schwuler Mann und LGBTI-Aktivist. 2004 hat er sich im nigerianischen Fernsehen geoutet. Ein mutiger Schritt, immerhin drohen in dem Land bis zu 14 Jahre Haft für Homosexuelle – in einigen Landesteilen sogar Tod durch Steinigung gemäß der Scharia. So überrascht es nicht, dass Alimi nach seinem Coming-out Morddrohungen erhalten hat. Der Dortmunder Verein Queerblick, der Medienarbeit für schwule, lesbische, bisexuelle und trans* Jugendliche macht, hat Bisi Alimi getroffen. Im Interview spricht er über seine Entscheidung, Nigeria zu verlassen, sein Engagement als Aktivist, und seine Empfehlung für ungeoutete Jugendliche.

Wusstest Du, was auf Dich zukommt, als Du Dich geoutet hast?
Ich war eh schon mittendrin. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften hatte ich eine Rolle im nigerianischen Fernsehen bekommen. Und durch die Schauspielerei war ich relativ schnell bekannt geworden. Das hat das Interesse der Medien für mein Privatleben geweckt. Damals war ich mit einem Typen zusammen. Und es gab schon Gerede: Ist er
jetzt schwul oder nicht? Ich kann mich daran erinnern, dass es hieß, sie hätten Beweise von meinem Freund und mir im Urlaub. Nichts Schmutziges, wir waren einfach nur essen.

 

 

Und es gab Fotos davon, wie wir uns küssten. Das alles sollte veröffentlicht werden. Und deshalb hab ich mich dazu entschieden, mich lieber selbst zu Es war also nicht so, dass ich mich unbedingt outen wollte. Wäre das alles nicht passiert, hätte ich es vielleicht auch nicht gemacht. Ich hab es getan, weil es sonst andere für mich übernommen hätten.
Wenn ein Buch über mich geschrieben wird, will ich es schreiben. Eine Geschichte, ein Skandal über mich … ich will derjenige sein, der es den Leuten sagt. Und das habe ich gemacht, live im nigerianischen Fernsehen. Als die Medien mit der Geschichte rausgegangen sind, war das Thema nicht mehr exklusiv.

Und dann ist einiges passiert.
Ja, ich hab meine Rolle verloren, meine Wohnung. Ich war plötzlich arbeitsunfähig. Eben war ich noch dazu in der Lage, für mich selbst zu sorgen, meine Miete zu bezahlen, mich um meine Familie zu kümmern. Und jetzt hatte ich auf einmal kein Geld mehr und war von anderen abhängig. Und dann gab es jede Menge Angriffe. Ich wurde eingeschüchtert, zusammengeschlagen und bedrängt, zum Teil sogar von der Polizei. Es gab willkürliche Verhaftungen. Das war eine verdammt schwierige Zeit für mich. Im April 2007 blieb mir keine andere Wahl. Jemand war in mein Haus eingebrochen und hatte mich fast umgebracht. Ich konnte gerade eben noch entkommen. Die einzige Option, die mir noch blieb, war, das Land zu verlassen. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass das ein zu hoher Preis war, den ich da bezahlt habe – verglichen damit, dass ganz Nigeria noch diese Befreiung durchmachen muss.

Würdest Du denn jemandem aus der nigerianischen Community empfehlen, sich auch zu outen?
Ich bin nicht in der Position, Leuten zu sagen, ob sie sich outen sollten oder nicht. Aber ich bin in der Position, denjenigen zu unterstützen, der sich outen will. Je mehr Menschen offen leben, desto eher können wir das Vorurteil entweihen, dass Afrikaner nicht schwul sein können. Je mehr das sind, desto eher kommt es bei „normalen“ Menschen vor, dass sie beispielsweise einen offen schwulen Freund oder Bruder haben, oder eine lesbische Schwester. Das würde helfen. Gleichzeitig ist das eine Riesen-Herausforderung für

b.a.

Foto: Screenshot aus dem Video-Interview

 

denjenigen, der sich outet. Eine schwierige Entscheidung: Bist du bereit, deine Familie zu verlieren, dein Zuhause, deinen Job? Aber man wächst auch daran: Ich habe mich dadurch selbst entdeckt, mich gefunden. Und ich habe gelernt, mich selbst zu lieben. Nur so kann man überhaupt andere lieben. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber wenn ja, dann muss er wissen, dass es Menschen gibt, die ihn dabei unterstützen.

Ein bisschen hast Du Dir sicher vorstellen können, was Dein Coming-Out alles auslöst. Wieso hast Du nicht einfach nur das Land verlassen?
Nein, ich habe mich nicht geoutet, um das Land zu verlassen. Es ging nie darum, Nigeria zu verlassen. Ich habe das Land nicht verlassen, weil ich es verlassen wollte. Selbst in 2007, als ich gegangen bin, war ich nicht bereit, das Land zu verlassen. Es ist immer noch mein Heimatland. Ich habe damals einfach gemerkt, dass ich etwas angestoßen habe, was ich beenden musste. Einen Kampf, den ich zu Ende kämpfen musste. Ich war

UM EIN HAAR WÄRE ICH GETÖTET WORDEN

nicht bereit, aufzubrechen. Aber der Druck meiner Familie war einfach riesig. Um ein Haar wäre ich getötet worden. Und meine Mutter sagte damals: Du musst hier weg. Du musst dich irgendwo anders finden. Ich habe drei Jahre gebraucht, um London als mein Zuhause anzusehen, um Großbritannien als mein neues Heimatland anzusehen. Ich habe mich sehr schwer getan damit. Mein Herz wollte nach Hause. Ich wollte Teil der Befreiung in Nigeria sein. Das war also keine Entscheidung, die ich selbst getroffen habe. Ich war einfach plötzlich in der Situation. Viele Menschen haben mich das gefragt: Wieso bist du nicht einfach gegangen? Aber wenn ich direkt nach meinem Coming-Out gegangen wäre, hätte das so viele Gerüchte in Nigeria bestätigt. Eben, dass ich mich also geoutet habe, um das Land verlassen zu können. Ich bin drei Jahre nach meinem Coming-Out ausgereist. Das war also nicht wirklich mein Plan.

Gibt es etwas, das Du aus Deiner Vergangenheit gelernt hast und anderen in einer ähnlichen Lage mit auf den Weg geben willst?
Mein erster Ratschlag ist: Bring dich nicht um. Als ich 17 Jahre alt war, wollte ich mich selbst umbringen. Und wenn ich heute mit mir als 17-Jährigem sprechen könnte, würde ich mich für das entschuldigen, was ich getan habe. Wenn du ein Jugendlicher bist, irgendwo auf der Welt, und uns gerade zusiehst, denk immer daran: Die Möglichkeiten, die das Leben für dich bereithält, kannst du nur dann verwirklichen, wenn du heute etwas

ICH WOLLTE MICH UMBRINGEN, WEIL ICH SCHWUL BIN

aus dir machst. Wenn ich es damals geschafft hätte, mich umzubringen, stünde ich heute nicht hier vor dir. Keine Ahnung, weshalb ich nicht gestorben bin. Aber ich wollte mich umbringen, weil ich schwul bin. Also wenn du jung bist und jetzt zuguckst: Tu es nicht. Die Menschen, die dich heute schikanieren und hassen, kommen morgen wieder, um dich zu feiern. Gib deinen Traum nicht auf. Ich hätte meinen fast aufgegeben. Aber guck, wo ich heute stehe!

Titelbild: Shutterstock

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