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Burning Man geht wieder los

"Verbunden mit all den schönen Menschen"

von Philippe Gosselin

 

„Welcome home!“ Mit diesen Worten wird jeder Neuankömmling vor den Toren zum Burning-Man-Gelände begrüßt. Das passt ziemlich gut. Zwar gleicht das Betreten des Areals dem Übergang in eine andere Wirklichkeit, in eine neue Dimension, die – futuristisch und ursprünglich zugleich – die Grenzen dessen sprengt, was man bislang für möglich gehalten hat. Trotzdem fühlt sich das Ganze irgendwie vertraut an. Wie die Rückkehr an einen bekannten Ort, den man fast schon vergessen hatte. Womit ich allerdings weniger einen geografischen Ort, als einen Platz in unserem tiefsten Innern meine.

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Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sehr die Zusage mein Leben verändern sollte

Meine eigene Reise dorthin begann vor fünf Jahren. Ich war 25, kurz zuvor nach San Francisco gezogen und begierig, neue Erfahrungen zu sammeln. Andererseits war ich aber auch sehr schüchtern. Eines Tages kam ich mit einem langjährigen Burning-Man-Pilger ins Gespräch. Er erzählte mir von diesem Festival, bei dem in der Wüste eine riesige Zeltstadt errichtet wird, die eigenen Gesetzen gehorcht und nach einer Woche wieder ausgelöscht wird. Seine Geschichten machten mich neugierig. Er merkte das und lud mich ein, beim nächsten Mal mit ihm und seinen Leuten in den sogenannten „Unerforschten Gebieten“ zu campen, einem Teilgebiet der schwulen Burning-Man-Gemeinde „Avalon“. Ich nahm die Einladung dankbar an. Aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sehr diese Zusage mein Leben verändern sollte.

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Die vielleicht größte temporäre Zeltstadt der Welt

So stieß ich zur Pilgerschar der „Burner“. Seit der Gründung des Festivals im Jahr 1986 wächst die Zahl der Anhänger stetig. Anfangs feierte man noch an einem Strand in San Francisco. Dieser Tatsache ist es auch geschuldet, dass Eingeweihte das Festivalgelände bis heute als „Playa“ bezeichnen, obwohl es bereits 1990 nach Nevada verlegt wurde. Seither erhebt sich in den unendlichen Weiten der Black Rock Desert einmal jährlich Black Rock City wie eine Fata Morgana aus dem Staub – mit ihren über 50.000 Einwohnern die vielleicht größte temporäre Zeltstadt der Welt.

Burning-Man-Novizen müssen zum Einstand eine Glocke läuten und sich einmal rituell im Staub wälzen.

Wir fuhren eine ganze Nacht. Als wir endlich ankamen, graute der Morgen über der Playa. Burning-Man-Novizen müssen zum Einstand eine Glocke läuten und sich einmal rituell im Staub wälzen. So auch ich. Erst nach dieser „Taufe“ war ich offiziell Teil der Gemeinschaft und durfte das magische Königreich betreten. Anschließend bauten wir unser Camp auf. Es bestand aber nicht aus kleinen Zwei-Mann-Zelten, sondern aus einem riesigen Gerüst. Am Ende hatten wir einen vierstöckigen Turm errichtet, gekrönt von einer Kuppel, geschmückt mit Fahnen. Sogar eine Küche gab es, und ein Wohnzimmer mit Sofas und Sesseln, denen ein Sonnensegel Schatten spendete. Das war unser Zuhause für die kommende Woche. Gebaut aus dem Nichts. Mitten in der Wüste.

Feuerspeiende Drachen und Piratenschiffe in Originalgröße

Auf einmal fuhr ein drei Meter hohes, motorisiertes Pferd an unserem Camp vorbei. Normale Autos sind auf der Playa, abgesehen von Ankunft und Abreise, nicht zugelassen. Deshalb bewegen sich die Gäste mit verrückten Fantasie-Fahrzeugen in jeder Form und Größe durch die Gegend. Es gibt feuerspeiende Drachen und Piratenschiffe in Originalgröße. Die meisten der sogenannten „Art Cars“ sind allerding einfach nur surreal und unmöglich zu beschreiben. Die „Reiterin“ grüßte mich herzlich und bot an, mich ein Stück auf ihrem Ross mitzunehmen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Wenig später thronte ich hoch im Sattel und wurde durch das geschäftige Treiben einer Stadt getragen, die in rasender Geschwindigkeit inmitten der Ödnis der Wüste errichtet wurde. Es war wie ein Traum. Ich war so euphorisch, dass ich spontan anfing, laut zu singen. Niemand fand das seltsam oder guckte mich schräg an. Alle lächelten höchstens. In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich hier an einem besonderen Ort gelandet sein musste.

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Wie besonders er war, führte mir auch die Rückkehr ins Camp vor Augen. Dort liefen einige meiner Mitbewohner inzwischen splitternackt herum. Mich irritierte das zunächst, aber ich begriff schnell, dass beim Burning Man allen Formen der Selbstentfaltung gefrönt wird, von denen die Befreiung von Klamotten nur eine von vielen ist. So dauerte es nicht lange, bis auch ich nackt durchs Zelt lief. Hätte mir das einen Tag zuvor jemand vorausgesagt, hätte ich ihn wahrscheinlich ausgelacht, doch die Geborgenheit des Camps ließ mich all meine Schüchternheit vergessen. Ich gesellte mich sogar zu ein paar Mitbewohnern, die demonstrativ der Straße zugewandt saßen und dreist ihre Schwänze zur Schau stellten. Fortan hatten all unsere schwulen Nachbarn immer ein breites Grinsen auf den Lippen, sobald sie an unserem Zelt vorbeikamen.

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Später wurde es für mich zu einer lieben Gewohnheit, nackt mit einem Cocktail in der Abenddämmerung zu sitzen und meinen sexy Mitbewohnern im Gegenlicht der letzten Sonnenstrahlen beim Duschen zuzusehen. Es gibt nichts Schöneres. Und ich habe es Burning Man zu verdanken, dass ich zu so etwas überhaupt fähig bin. Dass ich nackt sein kann und mich gleichzeitig wohlfühle in meinem Körper, unverkrampft in meiner Sexualität und unverkrampft im Kopf. Denn es war nicht allein mein Körper, der nackt war – auch mein Geist entledigte sich Stück für Stück seiner Hüllen und Masken aus Hemmungen, Schüchternheit und kultureller Prägung. Ich begriff, dass die Menschen um mich herum sich schonungslos offenbarten. Einige trugen dabei Kostüme, andere überhaupt nichts, aber alle zeigten sie ihr schönstes und innerstes Selbst. Normalerweise passiert das selten, deshalb fällt es den meisten von uns ebenfalls schwer: Auf der Playa jedoch ist es üblich.

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Und noch ein wesentlicher Punkt unterscheidet die Burning-Man-Realität vom gewöhnlichen Alltag: Es gibt keinen Kommerz. Hier ist alles und jeder ein Geschenk für die Playa-Gemeinschaft. Jedes Camp leistet seinen eigenen einzigartigen Beitrag. Weder die flamboyanten Diskotheken noch die Bauchtanz-Shows kosten Eintritt. Auch nicht die Rollschuhbahn oder die Teilnahme an Kunst-Workshops, Yoga-Kursen und Körperarbeits-Seminaren. Man kann sogar mit der eigenen Tasse in die nächste Camp-Bar gehen und sich umsonst betrinken.

Absinth – in 51 Geschmacksrichtungen

Man sollte es allerdings nicht übertreiben, so wie ich es einmal getan habe, als ich eine Absinth-Bar entdeckte und dort ein paar zu viele von den 51 angebotenen Geschmacksrichtungen ausprobierte. Worauf ich aber eigentlich hinaus will: Es ist faszinierend zu beobachten, wie befreit die Leute miteinander umgehen, wenn der Austausch von Geld aus der Gleichung des menschlichen Miteinanders gestrichen wird. Auf einmal macht das Geben, Teilen und Nehmen wieder Freude, und es wird einem bewusst, dass wir eigentlich alle Teil eines großen Ganzen sind. Statt Geld halten beim Burning Man Liebe und Respekt die Gemeinschaft zusammen; statt optischer Abgrenzung eint der Staub auf der Haut alle in seinen erdigen, graubraunen Farbtönen.

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Abends machen sich die meisten auf den Weg ins Zentrum von Black Rock City. Dort wartet, in helles Neonlicht getaucht, die riesige Statue des „Man“ darauf, am Ende der Woche angezündet und zum „Burning Man“ zu werden. Die Playa bei Nacht ist ein Wunderland aus Lichtern, Feuerspuckern, treibender Musik und emsig hin- und herbrummenden Art Cars. Es ist unwichtig, ob man hier ein festes Ziel hat oder nicht. Am Besten lässt man sich einfach treiben, um immer wieder unvorbereitet von einer neuen Schönheit oder einem neuen Abenteuer überrascht zu werden.

Hier kommen Homos und Neugierige zusammen, um einen Mann für die Nacht, fürs Leben oder einfach nur zum Kuscheln zu finden.

Es gibt gigantische Skulpturen und Kunstinstallationen, Clubs, deren Lasershows den kompletten Himmel erleuchten, und nicht zuletzt gibt es „Comfort and Joy“, den Treffpunkt der schwulen Festivalbesucher. Das hoch aufragende Zelt ist ein entspannter und gleichzeitig vor sexueller Spannung glühender Ort, bei dessen Gestaltung sich die Macher von John Cameron Mitchells Kultfilm „Shortbus“ inspirieren ließen. Hier kommen Homos und Neugierige zusammen, um einen Mann für die Nacht, fürs Leben oder einfach nur zum Kuscheln zu finden. Wer bis zum Morgengrauen durchhält, kann anschließend mit dem Rest der Gemeinschaft den neuen Tag begrüßen, während Trommler den Sonnenaufgang mit ihren Djemben begleiten. Danach geht man schlafen oder zieht weiter. Black Rock City lebt und atmet 24 Stunden am Tag. Es ist unmöglich, alle Wunder dieser Stadt innerhalb der einen Woche ihrer Existenz zu ergründen, aber es macht schon glücklich, ein paar davon mitzubekommen.

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Der Man brannte, und die Menge flippte aus.

In meiner zweiten Nacht auf der Playa sollte es zum Beispiel eine totale Mondfinsternis geben. Alle Burner waren auf den Beinen, um das seltene Himmelereignis zu feiern. Auch ich und ein Freund aus meinem Zelt steckten im Getümmel. Gerade als der Erdschatten sich vor den Mond schob, brach in der Ferne plötzlich Feuer aus. Ich sah mich um und erkannte, dass da ein Riesengerüst in Flammen stand. Doch es war nicht irgendein Gerüst. Es war der „Man“, der fünf Tage vor seiner offiziellen Entzündung lichterloh brannte. War das geplant? War es ein Unfall? Es war egal. Der Man brannte, und die Menge flippte aus. Das Spektakel der Mondfinsternis am Himmel, das Feuer am Horizont und die Energie von tausenden Menschen, die das göttliche Chaos dieses Moments auskosteten – all das pumpte ein Gefühl von Lebendigkeit durch meinen Körper, das ich noch nie zuvor erlebt hatte. Ich fühlte mich verdammt noch mal lebendig. Ich war verbunden mit all den schönen Menschen um mich herum. Mit der Erde. Mit dem Feuer – diesem wahnsinnigen, lodernden Feuer, das Schöpfer und Zerstörer zugleich war und für mich Zügellosigkeit, Instinkt, Freiheit und Archaik symbolisierte.

Dies war der Moment, an dem ich die untrügliche Gewissheit erlangte, dass Burning Man uns mit den eigenen Ursprüngen in Kontakt bringt – mit dem Teil unserer Persönlichkeit, der allen sozialisatorischen Zwängen zum Trotz noch immer wild und frei ist und eigentlich nur darauf wartet, zum Ausdruck gebracht zu werden. Das Hier und Jetzt versank in einem einzigen überwältigenden Gefühl. Es wurde zu einem wilden, inspirierenden Ritual. Es war der Grund, warum ich am Leben war.

Die vollständige Reportage ist erschienen in MÄNNER 9.2012

Fotos: Tom Schmidt


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