On the Move

Oliver Sacks verstirbt mit 82

Erst kürzlich erschien diese grandiose Autobiografie

Der Autor und Hirnforscher verstarb am Sonntag, den 30. August 2015 in New York. Nach einer Augen-OP wegen eines Tumors war er halb blind und brauchte einen Stock zum Gehen. Seine Leber war voller Metastasen. Doch noch im Frühjahr empfing er Patienten und feierte im Juli seinen letzten Geburtstag.

Manche Männer brauchen eben etwas länger, so zum Beispiel der weltberühmte Neurologe Oliver Sacks. Einem großen Publikum bekannt wurde er, als seine Patienten-Geschichten verfilmt wurden, etwa in „Zeit des Erwachens“ mit Robert de Niro und Robin Williams. Andere Bücher wurden zu Opern verarbeitet, u.a. „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, ein Stoff, den Michael Nyman vertonte. Jetzt hat der Arzt – über dessen Privatleben jahrzehntelang absolut nichts (!) zu vernehmen war – sich kurz vor seinem Tod geoutet. Mit dem Buch: „On The Move – Mein Leben“.

Cover der Autobiografie von Oliver Sacks.

Cover der Autobiografie von Oliver Sacks.

Ich erinnere mich, wie ich letzte Woche in einem New Yorker Buchladen das Cover von „On the Move“ sah und sofort dachte, das sei ein „schwules Buch“. Weil man da einen ziemlich verwegen wirkenden Ledertypen à la Tom of Finland abgebildet sah. Ein Mann, der so gar nicht zum Teddybär-Image passt, das ich sonst von Oliver Sacks hatte, den Robin Williams in „Zeit des Erwachens“ ja auch mit Rauschebart als lieben Onkel von nebenan spielt. Das ist allerdings nur das asexuelle Bild, das Sacks von sich selbst entwickelte in den 70er und 80er Jahren. Davor sah seine Geschichte (und er) sehr anders aus. Jetzt, kurz nachdem er via New York Times öffentlich erklärte, dass er bald an Krebs sterben wird, hat er diese andere Geschichte erstmals erzählt und die anderen Bilder von sich erstmals publik gemacht.

Nachdem Sacks im England der 1950er Jahre seinem Vater gestand, dass er schwul sei, sagte dieser es der Mutter. „Am nächsten Morgen kam sie mit einer grauenhaft ergrimmten Miene herunter, einer Miene, die ich nie zuvor an ihr gesehen hatte. ‚Du bist ein Gräuel‘, sagte sie. ‚Ich wünschte, du wärest nie geboren worden.‘ Damit ging sie aus dem Zimmer und sprach mehrere Tage lang kein Wort mehr mit mir.“

Diese Äußerung der jüdisch-orthodoxen Mutter schlug ein wie eine Bombe und riss eine tiefe Wunde bei Sacks. Die dazu führte, dass er ausbrach: aus England und aus diesem Familienleben. Er reiste nach Kanada, nach Kalifornien, später nach New York, wo er inzwischen seit Jahrzehnten lebt. Er stürzte sich in Drogenexzesse, betrieb exzessives Bodybuilding und raste mit dem Motorrad lebensgefährlich schnell durch die Gegend. Zwischendurch war er sogar Mitglied bei den Hell’s Angels.

Der fanatische Bodybuilder Oliver Sacks als junger Mann in Kalifornien. (Foto aus "On the Move"/Rowohlt)

Der fanatische Bodybuilder Oliver Sacks als junger Mann in Kalifornien. (Foto aus „On the Move“/Rowohlt)

Seine Unschuld verlor Sacks mit 22 Jahren im Zustand der Volltrunkenheit in Amsterdam. Es folgten diverse flüchtige Affären, ein paar ernsthafte, aber frustrierende Liebesgeschichten, nichts von Dauer. An seinem 40. Geburtstag traf er an einem der Swimmingpools von Hampstead Heath einen jungen Mann, mit dem er anschließend eine wunderbare Woche erlebte. „Es ist gut, dass ich die Zukunft nicht kannte“, schreibt Sacks mit typischer Selbstironie, „denn danach hatte ich 35 Jahre lang keinen Sex mehr.“

Sein Job als Forscher in der Neurologie hat Oliver Sacks auch nicht gerettet: er war eine komplette Niete. Mit wunderbarem Sinn für Komik beschreibt er, wie sein wichtigstes Forschungsprojekt daran scheiterte, dass er das Notizbuch verlor, in dem er die Ergebnisse von neun Monaten voller Experimente festgehalten hatte. Es rutschte vom Sattel seines Motorrads auf den Cross Bronx Expressway: „Während ich am Straßenrand hielt, sah ich, wie das Notizbuch Seite für Seite im tosenden Verkehr zerlegt wurde.“

Filmposter zu "Zeit des Erwachens", wo John Williams Oliver Sacks spielt.

Filmposter zu „Zeit des Erwachens“; da spielt Robin Williams 1990 Oliver Sacks mit Bart und Brille.

Auch seine Arztkarriere kam nicht in Gang. Er flog nach und nach aus allen Stellen raus. Erst als man ihn versetzte und er sich um Patienten kümmern musste („da werden Sie weniger Schaden anrichten“), fand er seine Berufung. Er wurde zum warmherzigen Doktor, der die Kunst des Zuhörens beherrschte. Die Geschichten, die er hörte und sah, schrieb er später in seinen diversen Büchern auf, mit großem schriftstellerischen Talent. Und das rettet ihn. Er landet einen Weltbestseller nach dem anderen. Das förderte den Neid der Kollegen; und er verlor seine Stelle.

Die Queen schlug ihn trotzdem zum Ritter des British Empire. 2007 berief ihn schließlich die Columbia University in New York. Dort unterrichtet er Medizin und Musiktheorie. In bereits erwähnten Essay für die New York Times berichtete er im Februar von seiner Krebserkrankung und dem Umgang mit seinem bevorstehenden Tod. Jetzt berichtet er in „On the Move“ darüber hinaus, wie er als alter Mann doch noch seine große und dauerhafte Liebe gefunden hat mit einem Mann namens Billy: „Es war eine neue Erfahrung für mich, ruhig in den Armen eines anderen zu liegen, zu reden, Musik zu hören oder gemeinsam zu schweigen. Wir lernten, richtige Mahlzeiten zuzubereiten und zu essen. Ich hatte bis dahin mehr oder minder von Cornflakes gelebt, oder von Ölsardinen, die ich direkt aus der Dose aß, im Stehen, in 30 Sekunden. Manchmal lesen wir uns aus unseren laufenden Arbeiten vor, aber meistens sind wir wie jedes andere Paar: Wir unterhalten uns über das, was wir lesen, wir sehen uns alte Filme im Fernsehen an, wir schauen gemeinsam in den Sonnenuntergang oder teilen uns Sandwiches zum Mittagessen.“

Oliver Sacks 2009, nachdem er an die Columbia University berufen wurde. (Foto: Luigi Novi/Wikipedia)

Oliver Sacks 2009, nachdem er an die Columbia University berufen wurde. (Foto: Luigi Novi/Wikipedia)

So schließt sich der große Kreis dieses außergewöhnlichen Lebens mit einem – fast – Happy End. Bemerkenswerterweise haben fast alle Zeitungen – auch die deutschen – über „Move On“ berichtet, nur die schwule Presse hat das Buch zunächst weitgehend übersehen. Vielleicht weil sie sich, wie ich auch, nicht vorstellen konnte, dass Oliver Sacks ein derart großartiges Coming-out-Werk verfassen würde mit einer so detaillierten schwulen Familiengeschichte? Zumindest das Bild des asexuellen Rauschebart-Onkel hat Sacks hiermit endgültig korrigiert; denn in seiner Marlon-Brando-Pose mit Motorrad und Brusthaar sah der Herr Doktor wirklich heiß aus. Mehr von diesen Bildern finden sich im Innenteil des Buchs. Und dank seines grandiosen Erzähltalents ist diese intime Lebensgeschichte mehr als lesenswert. Mal sehen, ob sie auch verfilmt wird – und wer dann den Lederkerl spielt!

Titelbild aus „On The Move – Mein Leben“ / Rowohlt Verlag, 2015


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