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Männermuskeln anmalen

Traumbeuf: Maskenbildner

von André Marc Schneider

Komische Oper, Berlin-Mitte. Es ist Freitag, 17:30 Uhr. Die Pressesprecherin führt uns durch lange Linoleumkorridore. Überall in den Gängen rumort es, werden Schwätzchen gehalten, preschen Bühnenarbeiter mit Headsets an uns vorbei. Unser Ziel: die Maske. Wir wollen zugucken, wie die Schauspieler und Tänzer ihre Tätowierungen verpasst bekommen. Heute wird „West Side Story“ von Leonard Bernstein und Stephen Sondheim gegeben, das legendäre Musical über zwei verfeindete Jugendbanden in New York City, die Jets und die Sharks, und die unmögliche Liebe von Tony und Maria.

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Hier werden einige schmackhaft trainierte Oberkörper verziert

Draußen wütet ein Sturm, der die Fenster des altehrwürdigen DDR-Gebäudes beben lässt. Wir sind da. Stünden nicht überall ausrangierte Trockenhauben und Bürostühle, könnte man den Eindruck gewinnen, man befände sich in einer Behörde. Unter der Leitung von Chefmaskenbildner Tobias Barthel sind heute sechs Mitarbeiter für die Tattoos zuständig, zwei davon sind männlich, und einer von ihnen heißt Daniel und begrüßt uns mit einem einladend-charmanten Lächeln. Er und seine Kollegen sind quasi in Wartestellung, in den nächsten Stunden werden hier einige schmackhaft trainierte Oberkörper verziert werden. Auf dem Schminktisch vor ihm liegen säuberlich sortiert die Schablonen. Die Tattoo-Farbe ist wasserfest – klar, sonst würden sie unter dem Schweiß der tänzerischen Anstrengungen zerfließen. Die Vorstellung dauert zweieinhalb Stunden, die Choreographie ist anspruchsvoll. Daniel erklärt uns, dass die Schablonen regelmäßig erneuert werden müssen, sie nutzen sich nach einigen Einsätzen ab.

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Giannis Arme werden mit zahllosen Federn veredelt

Wir sind kaum ein paar Minuten da, als sich der Raum füllt. Daniels erster Auftrag heißt Csaba, ist Tänzer und einer der „Sharks“. Brust und Bauch verraten emsiges lebenslanges Tanztraining. Was für eine Körperhaltung! Ein stolzer Zug um den Mund. Ein Mann, der es gewohnt ist, angeschaut zu werden – und es auch genießt. Wir sind noch ganz baff von seinem Anblick, als Daniel sich bereits ans Werk gemacht hat: Er trägt einen Mundschutz, legt die Schablonen auf und sprayt mit der Airbrush-Pistole drauflos. Kurz darauf betritt Gianni Meurer den Raum – einer der profiliertesten Musicaldarsteller Deutschlands. In der „West Side Story“ gibt er den Bernardo. An ihm macht sich Clémence zu schaffen. Sie airbrusht nicht, sie malt freihändig. Freestyle. Giannis Arme werden mit zahllosen Federn veredelt, unter denen sexy die Venen pulsieren.

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Lippen, die an den jungen Brando erinnern

Um 17:50 Uhr hat sich die Luft des Raums verändert. Es ist neblig geworden, riecht nach Farbe und frischem Schweiß. Vor den Spiegeln stehen Wasserflaschen, die Tänzer zücken während der Session ihre Smartphones, telefonieren, chatten, simsen. Wir hören Italienisch, Englisch und die witzigsten Akzente. Während der Fotograf und ich unsere Blicke an den beneidenswert wohldefinierten Körpern laben, arbeiten die Maskenbilder hochkonzentriert. Terence Rodia, ein betörend heißer Schauspieler, dessen Lippen an den jungen Brando erinnern, lehnt mit hochgestrecktem Arm an einem der Schränke, damit die Make-up-Künstlerin seine Rippenmuskulatur bemalen kann. Aus der Entfernung sehe ich, wie ihr Pinsel seine Brustwarze streift.

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Nach einer halben Stunde ist sein Oberkörper kaum wiederzuerkennen

Nach dem Auftragen der Farbe werden die Tätowierungen mit einem Spezialpuder getrocknet. Csaba ist Daniels längster Auftrag, nach einer halben Stunde ist sein Oberkörper kaum wiederzuerkennen. Die folgenden Kandidaten brauchen zwischen zwei und zehn Minuten. Leerlauf und Stress im schnellen Wechsel, in der Zwischenzeit säubert Daniel in liebevoller Kleinarbeit die Schablonen für den nächsten Tänzer. Der Reiniger riecht toxisch. Ich glaube, wenn man den Kanister ein Weilchen offen stehen ließe, würden wir high werden. Bei Clémence kommt nach Gianni ein Kerl an die Reihe, der einen schelmischen Gesichtsausdruck hat und Tibor heißt. Sein Oberarm-Tattoo fällt etwas gröber aus. Mein Blick schweift durch den Raum. Manche Tänzer haben zwei Künstler, die an ihnen arbeiten. Es gibt Schablonen für innen und außen, man sprayt, malt und tupft, der Fotograf springt selig von einem zum andern. So verfliegt die Zeit.
Irgendwann ertönt die Stimme des Inspizienten blechern durch die Lautsprecher: „Der Herrenchor bitte zum Soundcheck!“ Die Tür einer zweiten, etwas geräumigeren Garderobe rechts von uns öffnet sich, und eine kleine Schar nicht minder appetitlicher Herren mit Mikroports und fertigem Gesichts-Make-up folgt dem Ruf zur Bühne.

Fotos: Sven Serkis

„West Side Story“ läuft wieder ab 8.10.
komische-oper-berlin.de


1 Kommentar

  1. Steffan Kim

    Es sei von mir nur am Rande erwähnt : Neben diesen zugegeben sehr „schmackhaften Körpern“ ist die Show im Allgemeinen sowohl optisch als auch akustisch ein totaler Gewinn. Kann den Besuch dieser West Side Story definitiv empfehlen !!!


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