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Pädophilie: Sehr kleine Liebe

Ted van Lieshout über seine Erfahrungen als Kind

Der niederländische Autor Ted van Lieshout hatte als Kind Kontakt mit einem Pädophilen. Diese Erfahrung hat er 1999 in einem Buch beschrieben. Auf Deutsch gibt es „Sehr kleine Liebe“ (Susanna-Rieder-Verlag) erst seit vergangenem Jahr und wurde in MÄNNER 11.2014 vorgestellt. Ted van Lieshout erzählt den Missbrauch aus der Sicht des Kindes, das er damals war. Durchaus irritierend: Man erfährt von den schönen Seiten, von dem Gefühl der Wertschätzung. Dennoch heißt es am Ende: Es hätte nicht passieren dürfen.

Wie lange ist es her?
Es begann, als ich 10 war, und endete mit 13. Im ersten Jahr passierte gar nichts. Da ging es um Aufmerksamkeit, wir waren Freunde. Ganz langsam kam Intimität dazu. Zuerst habe ich es gar nicht gemerkt. Als er zu weit ging, ab einem bestimmten Punkt, sagte ich: Nein, das darf nicht passieren, das ist falsch! Ich schämte mich für meine Sexualität, von der noch keiner wissen durfte, und, na ja, er war wirklich zu weit gegangen. Ich ging nie wieder hin.

Haben Sie damals mit irgendwem darüber gesprochen?
Nein. Erst mit 19 habe ich realisiert: Oh meine Güte, das war ein Pädophiler! Mit 10 wusste ich ja schon, dass ich schwul bin, aber ich wollte nicht, dass es jemand erfuhr. Ich dachte damals, er ist auch schwul und wusste, dass ich es bin. Aber erst später wurde mir klar: Er war nicht schwul, er war pädophil. Meine Mutter hat etwas geahnt und fragte: Passiert da irgendetwas zwischen euch? Und ich log: Nein. Nichts.

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Auch in diesem Roman beschrieb der Autor seine Erlebnisse. Der Junge auf dem Cover ist er selbst.

Wer war der andere? Und wie war er?
Ich wusste, es gibt Menschen, die Kinder belästigen. Sie werden weggefangen und in den Busch gezerrt – in diese Kategorie passte er nicht. Er war sehr nett. Ich sage nie sein richtiges Alter, weil man es sonst zu ihm zurückverfolgen könnte. Auch seinen Namen will ich nicht sagen. Wenn ich es irgendwann mal mache, dann aus Versehen, weil es mir so rausrutscht. Ein bisschen mag ich die Vorstellung, dass er immer glauben muss, ich würde eines Tages doch sagen, wer er ist. Jedenfalls sah ich ihn nicht als Kinderschänder, ich betrachtete ihn als Freund. Bis er irgendwann zu weit ging. Ich bedauerte das sehr, aber ich musste es beenden, bin einfach gegangen.

Inwieweit wirken die Erlebnisse von damals noch nach?
Das kann ich nicht sagen. Ich bin nicht 100%-ig sicher, ob ich heute genau derselbe wäre, wenn das damals nicht passiert wäre. Oder ob ich bin wie ich bin, weil ich das damals erlebt habe. Das wird man auch nie rausfinden. Ich habe viel darüber nachgedacht. Als Teenager suchte ich nach älteren Männern, weil ich irgendwie wiederholen wollte, was geschehen war. Größer mussten sie sein, haariger. Das war ein Problem, denn ich wurde erwachsen und war so groß wie andere auch. Ich hatte nie eine Beziehung mit einem Mann, nur Affären. Andererseits: Jeder wird irgendwann mal verletzt. Durch eine Krankheit, einen Autounfall. Das heißt aber nicht, dass man nicht mehr glücklich sein kann. Man lernt damit zu leben. Ich würde sagen, ich habe mein Bestes getan. Die Tatsache, dass ich darüber schreiben kann, ist natürlich ein Segen.

Ich bekam auch Briefe von Pädophilen, die dachten, ich wäre jetzt auf ihrer Seite.

Haben Sie Briefe von Menschen mit ähnlichen Erlebnissen bekommen?
Ja, aber kaum von jemandem, der Schwierigkeiten hat, damit umzugehen. Viele Schwule haben geschrieben, denn viele haben früher sowas erlebt. Was ich unheimlich fand: Ich bekam auch Briefe von Pädophilen, die dachten, ich wäre jetzt auf ihrer Seite. Was nicht das war, was ich wollte. Ich finde: Erwachsene und Kinder sollten keinen Sex miteinander haben. Auch wenn es beide wollen. Wenn ein Kind es will, muss der Erwachsene so verantwortungsvoll sein, es abzulehnen.

Sie machen das im Buch ja deutlich.
Ja, es steht im Nachwort. Im Original 1999 gab es das noch nicht. Weil damals viele Leute dachten, ich würde Pädophilie befürworten, wollte ich das klarstellen. Ich glaube allerdings, Pädophile tun niemandem weh. Denn sie mögen ihre Veranlagung überhaupt nicht. Sie versuchen, sie zu verstecken. Viele tun das. Aber es gibt auch solche, die das nicht können. Sie versuchen, sexuellen Kontakt zu Kindern zu haben, und ich lehne das absolut ab.
Der Umgang mit pädophilen Erfahrungen ist für viele Opfer nicht leicht.

Schwule, die es in der frühen Jugend erleben, haben meist kein sehr großes Problem damit. Heteros reden oft nicht darüber.

Es gibt einen Unterschied. Schwule, die sowas in der frühen Jugend erleben, haben in der Regel meist kein sehr großes Problem damit. Heteros reden oft nicht darüber. Meist liegt es daran, dass sie eine Zeitlang mitgemacht haben, weil sie neugierig waren, etwas entdecken wollten – das gilt für viele, nicht für alle. Und wenn es rauskam, waren sie plötzlich das Opfer. Nicht mehr Jungs, die herumprobieren wollten: Jetzt waren sie damit konfrontiert, dass andere denken könnten, sie wären schwul. Viele heterosexuelle männliche Opfer von Pädophilen haben nie darüber gesprochen, gingen nie zur Polizei, aus Angst, als schwul zu gelten.

Die Grünen pflegten in Deutschland anfangs einen sehr entspannten Umgang mit Pädosexualität und arbeiten diese Vergangenheit jetzt auf. Ohne es entschuldigen zu wollen, aber kann man das im Kontext der befreiten Nach-68er sehen?
Ich denke schon. Es gab eine große Emanzipationsbewegung: Frauen befreiten sich, Schwule ebenso. Es sollte keine Grenzen mehr geben: Warum sollte es falsch sein, mit Kindern ins Bett zu gehen? So dachte man. Später, vor allem in den 90ern, gab es viele Missbrauchsskandale, in der Kirche oder in Tagesstätten. Das änderte die öffentliche Wahrnehmung des Themas. Heute sagen wir: Das geht gar nicht. Es ist schrecklich, Kindern sowas anzutun. Ich habe gelernt, mittendrin zu stehen. Die Leute sagen: Es ist vollkommen falsch. Und ich sage: Nicht so falsch, wie du glaubst. Wenn Leute sagen, Sex mit Kindern ist schon okay, sage ich: Nein, ist es überhaupt nicht. Ich darf das sagen, weil ich ein Opfer bin.

Das vollständige Interview steht in MÄNNER 8.2015

Titelfoto: Promo


3 Kommentare

  1. Dieter-K13

    Gutes Interview mit aufschlussreichen Inhalten bzw. Antworten des Buchautors, der im heutigen Zeitgeist viel Mut beweist.

  2. Angelika

    „Durchaus irritierend: Man erfährt von den schönen Seiten, von dem Gefühl der Wertschätzung. Dennoch heißt es am Ende: Es hätte nicht passieren dürfen”

    Ted van Lieshout beschreibt den Kern der Traumatisierungen, die sich einstellen, wenn Erwachsene Kinder sexuell ausbeuten. Wertschätzung, Liebe, Beachtung brauchen alle Kinder. Und wird sie ihnen vorbehaltlos, ohne Manipulation, Nötigung und sexuelle Zielorientierung geschenkt, können Kinder davon ein Leben lang zehren.
    Wer dagegen früh oder auch erst später erkennen muss, dass die Zuwendung, die einem der einstmals vielleicht sogar geliebte Erwachsene widmete nur Mittel zum Zweck war, für den kann auch die Erinnerung an die schönen Gefühle für immer hässlich eingefärbt bleiben.
    Ein bisschen so wie bei „Schöne neue Welt”: die Sache mit den Blumen und den Stromschlägen.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden


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