Protest Bulgaria

So schmeckt Bulgarien!

Selska, Ljuteniza & Rakija

von Silviu Mihai
Die Zeit, als das kleine Balkanland kaum mehr als einen günstigen Pauschalurlaub an der Schwarzmeerküste anbieten konnte, ist längst vorbei. Auch weil die traditionelle Klientel für solche Strandpakete älter geworden ist und nicht mehr so häufig verreist. Dementsprechend hat das Land bereits seit seinem EU-Beitritt 2007 versucht, Alternativen für ein anspruchsvolleres, dynamischeres Publikum zu entwickeln. Mit Unterstützung aus EU-Fonds ist diese Rechnung aufgegangen. Viele repräsentative Denkmäler konnten endlich saniert werden, das Straßennetz wird modernisiert, neue Hotels bieten zeitgemäßen Komfort und elegantes Design an. Das allgemeine Niveau der Dienstleistungen hat sich ebenfalls deutlich verbessert, die permanent schlechtgelaunte Bedienung aus dem Postsozialismus ist verschwunden.

Auf dem Weg in die Liga der europäischen Großstädte

Nirgendwo anders machen sich diese erfreulichen Entwicklungen besser bemerkbar als in Sofia. Die bulgarische Hauptstadt mit ihren fast anderthalb Millionen Einwohnern befindet sich auf dem besten Weg, bald in der Liga der europäischen Großstädte zu spielen, ohne dabei ihren balkanischen Charme aufzugeben. Im historischen Zentrum, wo die meisten Häuser aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stammen, wurde in den letzten Jahren massiv renoviert, um die Eleganz der Jugendstil- und Art-déco-Fassaden wiederherzustellen. Viele Seitenstraßen bieten zudem die Möglichkeit, Baulücken, Vorgärten und Hinterhöfe umzufunktionieren, und die Sofioter haben verstanden, dass sie von diesem Merkmal der etwas chaotischen südosteuropäischen Architektur profitieren können. Gerade im Hochsommer punktet Sofia mit vielen Gartenrestaurants, Terrassen und Cafés – kleine grüne Oasen mitten in der Stadt.

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Foto: Shutterstock

Zwischen Shoppingmeile und Schlemmerparadies

Links und rechts der Flanier- und Shoppingmeile Witoscha wimmelt es abends von jungen Einheimischen und Besuchern, die unter den Kastanien und Linden Wein oder Cocktails schlürfen, sobald die Sommerhitze nachlässt. Fast alle Lokale sind mittlerweile auf internationalen Besuch eingestellt, die meisten Kellner sprechen Englisch. Das gastronomische Angebot überzeugt durch Frische, Vielfalt und Originalität, obwohl die bulgarische Küche den meisten Mitteleuropäern nach wie vor unbekannt bleibt. Völlig zu Unrecht, denn die Mischung aus traditionellen balkanischen Rezepten und zeitgenössischen internationalen Einflüssen macht Sofia zu einem Schlemmerparadies. Etwa auf einem der Obst- und Gemüsemärkte der Innenstadt. Die zentralen Markthallen („Zentralni hali“) oder der kleine Bauernmarkt in der Graf-Ignatiew-Straße zeigen vor allem im Sommer, was der bulgarische Garten hergibt: Süßkirschen, Aprikosen, Pfirsiche, Melonen. Die heilige bulgarische Dreifaltigkeit in Sachen Gemüse heißt: Tomaten, Gurken und Paprikas. Die einheimischen Landwirte haben auch nach dem EU-Beitritt an ihren lokalen Sorten und Saatgut festgehalten. Ein echter Star sind die fetten Rosatomaten, die die Bulgaren den ganzen Sommer lang in rauen Mengen mit weißem Schafs- oder Ziegenkäse konsumieren.

Selska, Ljuteniza und Rakija – so schmeckt Bulgarien

Was aus diesen frischen Zutaten gezaubert werden kann, zeigt das großzügige Salatangebot in den meisten Restaurants, wo sich auch Vegetarier nicht vernachlässigt fühlen. Sehr angesagt sind kleine Lokale, die die traditionellen Gerichte aus dem Oma-Repertoire wiederentdeckt oder durch kreative Elemente wiedererfunden haben. So serviert etwa das „Made in Home“ die klassische Tarator, eine kalte Gurken-Joghurt-Suppe, den rustikalen Bratpaprikasalat Selska, das Mussaka oder die Fleischbällchen in Tomatensoße – alles mit selbstgebackenem Weißbrot. Unbedingt probieren: die Auberginen- und Paprikavorspeisen wie Ljuteniza und den Fischrogenaufstrich. Dazu empfehlen sich eine hausgemachte Limonade, ein Schuss Anisschnaps („Rakija“) oder ein Glas Rotwein – eine typische und köstliche bulgarische Rebe heißt „Mavrud“.

Banitsa "Honey Bread bakery"
Wer Appetit auf Nachtisch hat, wird in einer der vielen Konditoreien der Innenstadt auf seine Kosten kommen. Und für den kleinen Hunger zwischendurch lohnt sich ein Stopp bei einer Bäckerei, die Baniza, ein herzhaftes Schafskäsegebäck, frisch aus dem Ofen verkauft. Der beste Laden ist die unauffällige Süßbäckerei „Honigbrot“ unweit der Sofioter Universität. Inhaber Pawel Pawlow hat vor 20 Jahren das Geschäft von seinem Vater übernommen und ist für sein Rosinen- und Walnussbrot („Kosunak“) bekannt.

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Bulgarisches Nationaltheater (Foto: Shutterstock)

Romantik im Stadtgarten, Balkanpop im Club

Frisch gestärkt kann man sich auf Entdeckungstour durchs Stadtzentrum begeben. Unbedingt sehenswert ist das Nationaltheater „Iwan Wasow“, das am Eingang in den Stadtgarten liegt. Dort verabreden sich viele Liebespaare, homo wie hetero, und im Sommer bietet die Grünanlage eine exzellente Gelegenheit für eine kleine Pause in romantischer Atmosphäre. Zum Tanzen empfiehlt sich der neu eröffnete, alternative Jules-Verne-Club. Der Inhaber und DJ, Emil Angelo, experimentiert gerne mit Disco, Elektro und Balkanpop. Für eine 100 Prozent schwule Party empfiehlt sich neben dem ältesten Szene-Etablissement, dem ID-Club mit seiner bunten Mischung aus Disco und Popcharts, auch das neu eröffnete Why not, das auf Balkanbeats und orientalischen Turbofolk setzt. In beiden Lokalen ist der Look smart casual angesagt – die Türsteher stehen in der Regel nicht so auf Tanktops und Sportschuhe. Vor allem die junge Kunst- und Musikszene macht einen sehr guten Eindruck, die Stadt und ihre queere Community freuen sich über immer mehr westeuropäische Besucher. Auch wenn es in Bulgarien noch immer keine eingetragenen Partnerschaften gibt: Die öffentliche Akzeptanz von Homosexualität hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen

Fotos: Viktor Levi

Das Titelfoto zeigt den Präsidentenpalast: Dort endet auch die Sofia Pride Parade


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