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Wie feiert man in …

Bielefeld?

Es gibt ein schwules Leben abseits der Großstädte. Zum Beispiel in Bielefeld. Unser Autor Henry Klein berichtet über den Homo-Alltag zwischen Kirchenfrust, Hechelei und „Mutti‘s Bierstube“

„Hey Alter, wo gehen wir heute mal hin?“ …  Bis eben war ich noch sofaesk dahingegossen, aber nach diesem Fanalruf meines Mannes rappele ich mich auf. Runter vom Canapé, rein ins Getümmel. Aber es gibt ein Problem: Wir leben in Bielefeld. Glücklicherweise ist heute der eine Samstag im Monat, an dem in der Hechelei (ja, die heißt wirklich so und hat mit der Webereivergangenheit unserer Stadt zu tun) die schwul-lesbische „Magnus-Party“ stattfindet. Je nach Mondphase, eigener Laune und DJ kann das sterbenslangweilig sein oder spaßig werden. Wir beschließen vorher einen der leckeren Bioweine im „Queers“, einem kleinen schwulen Bistro, zu verkosten und verabreden uns mit Karl, der mit seinen fröhlichen 60+ erst ein Jahr hier lebt und nichts auslässt. Das Angebot ist – sagen wir – überschaubar.

Ansonsten ist es wie allerorten schwer, die Zielgruppe vom PC wegzulocken

Da ist etwa die einzige verbliebene Schwulenkneipe „Mutti‘s Bierstube“, deren Fans sich aber selten vor zwei Uhr nachts blicken lassen. Karl berichtet außerdem von seinem letztsonntäglichen Besuch in der Sauna 65. Wir kennen dieses Bad auch. Nicht unser Ding, aber Karl war zufrieden – am Sonntag scheint reger Verkehr zu herrschen. Seriöser geht es am ersten Sonntag im Monat in der HuK-Regionalgruppe zu, die wir gelegentlich besuchen. Deren Leiter legt sich ins Zeug, aber er hat es schwer. Wie so oft in solchen Gruppen ritualisieren einige übliche Verdächtige ihren Kirchenfrust oder verlieren sich im exegetischen Kleinklein. Doch hin und wieder tauchen Referenten auf, die neugierig machen – ein Blick ins Jahresprogramm macht also Sinn. Jeden ersten Mittwoch eines Monats stattfindende Vorführung eines schwulen Filmes im Filmhaus Bielefeld versuchen wir nicht zu verpassen – auch wenn es eine gewisse Vorabrecherche erfordert, herauszufinden, welcher Film gezeigt wird, weil sie sehr kurzfristig bekannt gegeben werden.

Der schwule Oberbürgermeister hisst die Regenbogenfahne

Natürlich gibt es auch einen CSD. Wozu hat man einen schwulen Oberbürgermeister, wenn nicht dafür, dass er an diesem Tag die Regebogenfahne auf der Sparrenburg hisst. Geplant werden die obligatorische Parade und ein munteres Straßenfest auf dem Siegfriedsplatz in den Räumen der AIDS-Hilfe, die ansonsten artig ihre Präventionsarbeit leistet, aber immer irgendwie überlastet wirkt. Ansonsten ist es wie allerorten schwer, die Zielgruppe vom PC wegzulocken. Wir geben trotzem nicht auf, einen Schwulen-Stammtisch „50+“ in Bielefeld zu etablieren – was nicht leicht ist, weil wir Facebook-Verweigerer sind.
Die Magnus-Party war jedenfalls diesmal ein Treffer. Immerhin!

Foto: Imago


5 Kommentare

  1. Frank Bartz van den Bosch

    Dabei ist Bielefeld noch die Königin der Provinzstädte 🙂 mit über 300.000 Einwohnern. Das Muttis war immer für uns da, in den 90’ern mit geschossenen Gardinen, dann gingen die Gardinen auf und viele Gäste waren erst zur mitternächtlichen Dunkelheit da , oft auch vor der Hechelei-Party, die HuK ist auch gut um Freundschaften zu schließen ………. Wie feiert man in kleinen Städten ? z.B. Pasewal, Prenzlau…. man setzt sich besser in den Zug nach Berlin oder damals von Bielefeld kurz in die Männer nach Hanover oder rein ins Auto nach Enschede(NL) 🙂


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