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„Amazon zu boykottieren wäre tödlich”

Der Querverlag wird 20 - trotz Schickanen des Quasi-Monopolisten

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels warnt schon länger davor, dass die wachsende Marktdominanz von Amazon „in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht eine Gefahr für den Buchmarkt“ darstellt. Im letzten Jahr wurde bekannt, dass der Quasi-Monopolist von Verlagen verlangt, ihm deutliche höhere Rabatte beim Verkauf von Büchern einzuräumen. Außerdem sollen sie eine absurde Jahresgebühr zahlen – schlicht dafür, dass Amazon an ihren Büchern verdient. Wer nicht spurt, wird unter Druck gesetzt. Das musste auch Jim Baker vor Jahren erfahren. Er ist Geschäftsführer des Berliner Querverlags, der gerade sein 20. Jubiläum feiert. Dort sind unter anderem die Romane von Stephan Niederwieser und Jan Stressenreuter erschienen 

Amazon ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, seine Ziele zu erreichen. Du kennst das aus eigener Erfahrung?
Vor sieben oder acht Jahren hat Amazon begonnen, Direktverträge mit Verlagen abzuschließen. Sie sollten Amazon-„Advantage“-Kunden werden und höhere Rabatte gewähren, mehr als die üblichen 40 bis 45 %. Im Buchhandel gibt es den so genannten „Sammelrevers“, der die Preisbindung und Rabattierung zwischen Verlag, Grossisten und Handel regelt. Demnach darf ich also Amazon nicht mehr Rabatt einräumen als den Grossisten. Darum habe ich immer wieder abgelehnt. Dann fing die Schikane an: Unsere Titel wurden bei Amazon ohne Cover aufgeführt. Auf der Seite erschien die Meldung „Titel ist innerhalb von 2-3 Wochen lieferbar“, dabei wären sie innerhalb von 2-3 Tagen erhältlich gewesen. Oder ein Titel, den wir seit Jahren im Programm hatten, wurde plötzlich „als nicht lieferbar“ gelistet.

Habt Ihr versucht, mit Amazon zu reden?
Man kommt da in der Regel nicht an einen Menschen heran. Vor sechs Jahren auf der Leipziger Buchmesse habe ich mich tatsächlich mal mit einer Frau von Amazon getroffen. Sie wollte mich überreden, zu unterschreiben und ihnen 55 % Rabatt zu gewähren. „Sie haben keine Wahl“, sagte sie, „wenn Sie mit uns Geschäfte machen wollen.“ Alle Verleger machen das, einige sogar noch mit schlimmeren Rabatten. Bei E-Books passiert jetzt genau das Gleiche. Da Amazon am Preis nicht drehen kann, müssen sie es bei den Rabatten machen. Dabei ist niemand in diesem Geschäft wegen des Geldes, das man mit Büchern verdienen kann. Auch Amazon nicht. Es geht ihnen um Marktanteile.

Ihr habt letztendlich dem Druck nachgegeben.
Wir haben im Verlag beschlossen, zu unterschreiben. Das war auch das letzte Mal, dass ich jemanden von denen gesehen habe. Wir haben als Verlag einen Online-Zugang bekommen. Damit wir die Titel bei Amazon selber pflegen können, Seitenzahl eingeben, ISB-Nummer etc.  Das heißt: Ich gewähre ihnen einen größeren Rabatt und nehme denen auch noch die Arbeit ab. Aber es ist einfach so: Du kannst ohne Amazon keine Geschäfte machen als Geschäftsmann.

Bei Spontankäufen, beim Herumschmökern im Laden, kann Amazon natürlich nicht mithalten.

Wie viele Bücher verkauft Ihr anteilig über Amazon?
2013 haben wir 33 % des Umsatzes mit Amazon gemacht. Bei E-Books sind es gut 80 %. Es wäre also tödlich, Amazon zu boykottieren.

Warum habt Ihr keinen eigenen Online-Shop?
Direkt selber Bücher zu verkaufen haben wir lieber dem Buchhandel überlassen. Außerdem: Was die Auslieferung im Direktgeschäft angeht: Portofrei kann ich nicht liefern, so wie Amazon. Wir wollten immer über den Handel verkaufen. Aber dort wurde der Absatz immer schwächer, je stärker Amazon wurde.

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Jim Baker (Foto: Rolf Klaiber)

Also hat niemand eine Chance gegen Amazon?
Diogenes aus der Schweiz hat es vor ein paar Jahren versucht, ohne Amazon auszukommen. Aber nach eineinhalb Jahren mussten sie einsehen, dass es ein Fehler war, und jetzt verkaufen sie ihre Titel wieder dort.

Hat die Zusammenarbeit mit Amazon wenigstens auch Vorteile?
Um fair zu sein: Ja. Amazon bietet auch Chancen. Wir haben als kleiner Verlag ähnliche Chancen wie die großen Verlage. Das ist in Ketten wie Hugendubel oder Thalia ganz anders. Die meisten Buchhändler haben ja nicht mal eine Warengruppe für lesbisch-schwule Literatur. Je spezifischer das Genre oder die Nische, Vampire oder Sci-Fi oder eben auch schwul-lesbische Literatur, umso besser erreicht man bei Amazon seine Leser.

Nicht nur die Verlage leiden unter Amazon, auch die Buchläden.
Die amerikanische Kette „Borders“ haben sie kleingekriegt. Im Mai hat  der älteste schwule Buchladen der USA geschlossen, „Giovanni‘s Room“ in Philadelphia – da habe ich früher mal gearbeitet. Die Konkurrenz von Amazon ist einfach zu stark. Man weiß, dass 85 % ihrer Kunden schon genau wissen, was sie wollen. Aber bei Spontankäufen, beim Herumschmökern im Laden, kann Amazon natürlich nicht mithalten – hier liegt eine Chance. Außerdem kann ein Kunde im Laden ein Buch bis 16 Uhr bestellen, und es ist am nächsten Tag in 95 % der Fälle schon da. So schnell ist Amazon nicht.

Das Interiew ist erschienen in MÄNNER 7.2014


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