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Arbeit statt Angst

Geschichten von Flüchtlingen in Stockholm

von Fabian Schäfer

Erst seit vier Jahren weiß Isma, wie es sich anfühlt, keine Angst haben zu müssen. Kein Verstecken mehr. Endlich kann er der Mann sein, der er ist. Er muss nicht mehr schweigen, sondern kann offen darüber reden, bisexuell zu sein. Denn 2011 kam der 31-Jährige nach Schweden, um dort Asyl zu beantragen. Der Grund: In Uganda wird er verfolgt, weil er neben Frauen auch Männer liebt. Die Gesetze seiner Heimat verbieten „Sodomie“, ihm droht dort eine langjährige Gefängnisstrafe.

Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich hier arbeiten kann, ohne Schwedisch zu sprechen.

Während Isma noch immer auf das Ergebnis seines Asylverfahrens wartet, arbeitet er im Restaurant Mälarpaviljongen. Denn anders als in Deutschland dürfen in Schweden Asylsuchende ab dem ersten Tag einer Beschäftigung nachgehen. Der Ugander ist Küchenhilfe und Kellner in einer der beliebtesten und bekanntesten Location Stockholms. „Die Atmosphäre ist super. Wir lachen den ganzen Tag und machen Witze“, sagt Isma. „Und ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich hier arbeiten kann, ohne Schwedisch zu sprechen.“

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Foto: gaylesbian.visitstockholm.com

Zu verdanken hat er seinen Job Arto Winter, der den Mälarpaviljongen zusammen mit Anders Karlsson betreibt. Arto nennt sich nicht ohne Stolz „Pionier der schwulen Stockholmer Gastronomie“: Zusammen mit Anders hat er Ende der 90er das erste LGBTI-Café in der Altstadt eröffnet. Das Chokladkoppen ist noch heute ein angesagter Treffpunkt für die Stockholmer Community. Es folgten andere Cafés, Bars und Restaurants. Eines besuchte sogar das Königspaar.

Während die Gäste einen Weißwein, Kaffee oder ein Stück American Cheesecake zu sich nehmen und die letzten Sonnenstrahlen des Sommers genießen, mitten im Grün und doch mitten in der Stadt, fällt es leicht, die Probleme der Welt zu vergessen. Zwölf Menschen haben bisher im Mälarpaviljongen gearbeitet, die wie Isma aufgrund ihrer Homo-, Bi- oder Transsexualität aus ihrer Heimat geflohen sind.

Wir wurden beobachtet und auf einmal zu Hause von der Polizei überrascht.

Was vor seiner Flucht nach Europa passierte, erzählt Isma nur leise und stockend. „Irgendwie haben sie herausgefunden, dass ich in einer Beziehung mit einem Mann bin“, sagt er. Sie, das sind die Öffentlichkeit, die Polizei, die Medien, aber auch Freunde und Familie. „Wir wurden beobachtet und auf einmal zu Hause von der Polizei überrascht.“ Dann begann die Flucht. Zu seinem Freund hat er seitdem keinen Kontakt mehr. „Ich habe gehört, er arbeitet in Kenia. Andere sagen, er lebt jetzt in Dubai. Ich weiß es nicht.“

In Uganda beteiligt sich die Boulevardpresse an der Homo-Hetze

Mit seiner Ankunft in Schweden begann das bürokratische Asylverfahren, das nach vier Jahren noch immer kein Ende gefunden hat. Das Migrationsamt hat seinen ersten Antrag abgelehnt. „Sie haben mir nicht geglaubt.“ Das war in Kalmar im Süden des Landes. In seiner Heimat hat ein Boulevardblatt in der Zwischenzeit ein Foto von ihm und seinen Namen veröffentlicht. „Darin stand, man soll sich bei der Polizei melden, wenn man weiß, wo ich bin“, flüstert Isma. Er traut sich kaum, diese Grausamkeit auszusprechen. Mit diesem Beweis in der Hand wollte er gegen die Entscheidung des Migrationsamtes klagen.

Die zweite Anhörung war im Dezember 2014. „Doch sie hatten so viele Fragen, dass die Zeit nicht gereicht hat“, erklärt der 31-Jährige, „also haben sie mir einen zweiten Termin im Januar gegeben.“ Doch da tauchte der Dolmetscher nicht auf. Beim Ersatztermin im April war der zuständige Beamte krank. Im Juli war er im Urlaub. „Ich weiß im Moment einfach nicht, wie es weitergeht.“ Die Ungewissheit bedrückt Isma. Gleichzeitig ist er froh, auf der Arbeit neue Freunde und Anschluss an die Gesellschaft gefunden zu haben.

Mitten in der Hauptstadt können sie offen schwul und stolz sein. Ich möchte sie behandeln, wie sie es verdient haben.

„Die Zeiten haben sich in den letzten 15 Jahren geändert“, sagt Arto. Immer mehr Menschen aus der ganzen Welt haben angefangen, im Mälarpaviljongen zu arbeiten. „Manche haben hier studiert, andere hatten ihren Freund in Stockholm. So wurde die Atmosphäre immer internationaler.“ Vor etwa fünf Jahren, erinnert er sich, fing dann der erste Flüchtling im Restaurant an. Probleme gab es nie: „Egal ob Christ, Muslim, Jude, egal woher – alle verstehen sich blendend.“ Dass Arto die Möglichkeit hat, den Flüchtlingen zu helfen, macht es für ihn zu einer Verpflichtung. Er will ihnen zeigen, wie schwules Leben sein kann. „Mitten in der Hauptstadt können sie offen schwul und stolz sein. Ich möchte sie behandeln, wie sie es verdient haben.“

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Denn genau das ist ein Gefühl, das auch Haris davor nicht kannte. Der 22-Jährige Mazedonier arbeitet seit Juni im Mälarpaviljongen. „Daheim hatte ich eine krasse Zeit. Es ist schwer, wenn man nicht zu sich selbst stehen kann. Ich hatte ständige Angst“, erzählt er. Seit er in Schweden lebt, postet er auch schon einmal schwulen Inhalt auf Facebook, etwa Fotos vom Europride. Welche üblen Drohungen er daraufhim bekommen statt, steht in MÄNNER 10.2015

Fotos: Fabian Schäfer


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