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„Community muss Flüchtlingen helfen“

Beim Bürgerdialog in NRW trugen Schwule, Lesben und Transgender Forderungen an die Bundesregierung zusammen

von Florian Sawatzki, Düsseldorf

Was muss sich in Deutschland ändern, um die Lebensqualität zu steigern? Der nordrhein-westfälische Lesben- und Schwulenverband (LSVD) lud Dienstagabend zum „Bürgerdialog“ nach Düsseldorf ein – initiiert durch die Bundesregierung -, um über diese Frage zu diskutieren und konkrete Forderungen an die Politik zu erarbeiten. Das Interesse: eher überschaubar. Rund 20 Schwule, Lesben und Transgender kamen zur Ideenwerkstatt. Was die LGBT-Community für Flüchtlinge tun kann und was sich für Regenbogenfamilien verbessern muss, waren dabei nur zwei von vielen Themen.

Bürgerdialog ohne nennenswerte Polit-Prominenz

Mit dem „Bürgerdialog“ will die Bundesregierung näher an die Bevölkerung rücken, Vorschläge einsammeln und einen Aktionsplan aufstellen. Seit April finden die Runden quer durch die Republik statt, der LSVD ist dabei nur einer von vielen Veranstaltern. Negativ-Schlagzeilen gab es bei einer Veranstaltung im Juli für Kanzlerin Angela Merkel und ihren ungelenken Umgang mit einem Flüchtlingsmädchen. In Düsseldorf fehlte ranghohe Polit-Prominenz. Dafür kamen aus Berlin Vertreter aus Wirtschafts- und Gesundheitsministerium und schrieben drei Stunden lang eifrig mit.

Ich kenne einige Schwule, die jetzt sagen: ,Da kommen lauter homophobe Araber zu uns‘.

Das derzeit dominierende Flüchtlingsthema kam auch in Düsseldorf zur Sprache. „Es muss eine getrennte Unterbringung von LGBT-Menschen in Flüchtlingsunterkünften geben, um sie vor Übergriffen zu schützen“, forderte ein Teilnehmer. Auch die Community stehe dabei in der Pflicht. „Ich kenne einige Schwule, die jetzt sagen: ,Da kommen lauter homophobe Araber zu uns‘. Aber wir müssen den Dialog suchen, auf die Menschen zugehen.“ Möglich sei das zum Beispiel in Rahmen von Integrationskursen. „Dort könnte man über verschiedene Lebensmodelle oder über Sex und Risiken wie HIV aufklären.“

Gefordert wurde unter anderem eine selbstverständliche Aufnahme von LGBTI-Menschen in Schulbüchern.

Bei der Bekämpfung von Homo- und Transphobie sahen die Teilnehmer ebenfalls großen Handlungsbedarf. Ein Verbot von Diskriminierung im Berufsleben, auch bei kirchlichen Arbeitsgebern, wurde genauso gefordert wie eine selbstverständliche Aufnahme von LGBTI-Menschen in Schulbüchern. „Wenn meine Kinder nächstes Jahr eingeschult werden, sollen sie nicht schief angeguckt werden, nur weil sie zwei Mütter haben“, sagte eine Teilnehmerin. Dafür müsse sich das gesellschaftliche Klima weiter verbessern – und die rechtlichen Bedingungen. „Bei einer Stiefkindadoption werden Lesben und Schwulen genauso viele Steine in den Weg gelegt wie bei einer tatsächlichen Adoption. Auch dann, wenn das Kind schon von Beginn an bei beiden Müttern oder Vätern aufgewachsen ist.“ Die „Ehe für alle“ sei zudem, vor allem durch die Entscheidungen in Irland und den USA, zum „westlichen Standard“ geworden. „Nur die Kanzlerin hat Bauchschmerzen. So kann man keine Politik machen und begründen“, sagte ein Teilnehmer.

Wir brauchen eine Revision des Transsexuellengesetzes, das immer noch erniedrigend ist.

Um die Gleichstellung von Transgender-Personen voranzubringen, wurde eine Entpathologisierung jener Menschen gefordert. „Transidentität ist immer noch als Krankheit registriert. Der medizinische Apparat, der sich daran anschließt, ist menschenunwürdig“, beklagte eine Teilnehmerin. „Wir brauchen eine Revision des Transsexuellengesetzes, das immer noch erniedrigend ist.“

Neben LGBT-Themen wurde unter anderem auch über nachhaltige Umweltpolitik, lebenswertere Innenstädte und mehr Chancengleichheit im Bildungsbereich diskutiert. Der Zeitplan war straff, angesichts der großen Bandbreite an Themen blieb kaum Zeit, die einzelnen Themen ausführlicher zu diskutieren. Eine stattliche Anzahl an konkreten Forderungen kam dennoch zusammen.

Abschlussbericht soll 2016 vorliegen

Diese werden, wie bei den anderen rund 150 Bürgerdialogen, zeitnah von unabhängigen Wissenschaftlern ausgewertet. Für Anfang 2016 ist ein Abschlussbericht über den Stand der Lebensqualität in Deutschland angekündigt – inklusive Aktionsplan, der konkrete Maßnahmen enthalten soll. Kritiker werfen der Regierung vor, damit lediglich Symbolpolitik zu betreiben. Nicht ohne Grund: Auch bei ähnlichen Projekten wie dem Zukunftsdialog der Kanzlerin vor drei Jahren kamen hunderte Ideen zusammen – konkret umgesetzt wurde bisher fast keine.

Infos und Ergebnisse zu den bisherigen und anstehenden Bürgerdialogen gibt es hier.

Titelbild: Shutterstock


3 Kommentare

  1. Gerd-Manfred Arndt

    Ein THINKTANK aus queeren Menschen und Refugees waere nicht schlecht – sondern sicher innovativ!
    Das uebrigens auch bei den Fluechtlingen lesbische Frauen und schwule Maenner sind , kann nicht verwundern.
    Erst recht nicht diejenigen , die Homophobie zuerst bei Muslimen verorten und Evangelikale und Katholiban vergessen – oder selbst die ultraorthodoxen Chabadleute im Judentum … ~ obwohl die mal gerade 2 bis 3 Gassen in Jerusalem bewohnen und insgesamt nicht ernst genommen werden .
    😉
    Aber es gibt ueber diese unsere drei Wuestenreligionen hinaus die menschliche Mehrheit in anderen Religionen ~ und , auch insgesamt , nicht als wichtig und lebensbestimmend genommen.
    Die Bilder und Nachrichten von mordenden Extremisten sind furchtbar und verstoerend , stehen aber nicht fuer ein Gesamtbild.
    Die ‘Schwulenberatung Berlin’ z.B.stellt wie andere Organisationen auch AnsprechpartnerInnen fuer schwul/lesbische Fluechtlinge .
    Welcome –


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