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Deutscher Homo-Film: „You & I“

Kinostart: 17. September

Früher war die Sache einfach. In Zeiten, in denen im Mainstream homosexuelle Figuren in Film und Fernsehen bestenfalls als Witzfiguren am Rande ihren Platz fanden und im wahren Leben gerade erst Paragraph 175 abgeschafft wurde – sprich: in den Neunzigern – suchte sich das schwullesbische Kino eine Nische. Erzählt wurde von schwierigen Coming-outs, unglücklichen Liebschaften und dem mühsamen Ringen um sexuelle Identitäten. Zusammengefasst wurde all das unter dem Label „Gay Cinema“ oder „Queer Cinema“. Viel übrig ist davon heute nicht mehr: Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die Geschichten der FilmemacherInnen. Wenn es besagte Nische überhaupt noch gibt, dann ist sie kleiner denn je oder muss komplett neu interpretiert werden. Weswegen inzwischen das Label „Post-Gay Cinema“ die Runde macht und so manchem Film angeheftet wird, auf den die alten Definitionen nicht mehr passen. So wie nun zum Beispiel „You & I“ vom deutschen Regisseur Nils Bökamp.

Im VW-Bus durch die Pampa

Phillip (George Taylor, der gerade auch eine kleine Rolle in „Everest“ mit Jake Gyllenhaal und Keira Knightley hat) kann mit solchen Kategorien nicht viel anfangen. Der Brite ist schwul, ohne Wenn und Aber. Für den Sommer kommt er nach Berlin, sein guter Freund und Ex-Mitbewohner Jonas (Eric Klotzsch) holt ihn am Flughafen ab und als erstes steht ein ausgedehnter Ausflug in die Uckermark an, als Vorbereitung auf Jonas’ Fotoprojekt. Und so fahren der Homo und der Hetero gemeinsam im VW-Bus durch die Provinz, sprechen ein bisschen über Gefühle, aber nicht wirklich, baden im See (der eine nackt, der andere nicht), albern in der Natur herum und verstehen sich in wunderbarer Selbstverständlichkeit prächtig.

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Irgendwann gabeln die beiden den jungen Polen Boris (Michal Grabowski) auf, was der Stimmung erst einmal keinen Abbruch tut. Es wird weiter gebadet und getrunken, auf Nazi-Wirkungsstätten gepinkelt und – mal legal, mal illegal – in stets idyllisch gelegenen Anwesen übernachtet. Georges Schwulsein ist Boris nicht zwingend geheuer, doch echte Homophobie sieht anders aus. Der Konflikt ist keiner, den nicht ein bisschen gemeinsames Hose-Runterlassen beheben könnte. Doch nach und nach verschiebt sich die Dynamik der ungezwungenen Dreierkonstellation…

 

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Als Inspiration für „You & I“, der nach einem Arte-Dokumentarfilm und Produzententätigkeiten bei Filmen wie „Drifter“ Bökamps Spielfilmdebüt ist, dienten nach eigener Aussage die „Sommerprojekte“ des bekannten Fotografen Ryan McGinley. Das ist nicht zu übersehen: Nicht nur spielt Jonas’ Fotografie eine entscheidende Rolle in der Geschichte, der Film sieht auch aus, als könne man praktisch jede einzelne Szene als Foto in einem Bildband veröffentlichen oder in eine Berliner Galerie hängen. Man könnte sogar soweit gehen zu sagen, dass die Kameraarbeit von Alexander Fuchs – in Kombination mit der betörenden Landschaft der Uckermark – die größten Stärken von „You & I“ ist. Dass die Hauptdarsteller ebenfalls ansehnlich sind, stört dabei natürlich nicht. Wobei die drei auch schauspielerisch weitestgehend überzeugen, beeinträchtigt höchstens dadurch, dass statt eines fixen Drehbuchs vor allem Improvisation angesagt war.

Filmstart: 17. September 2015

Fotos: You and I/Edition Salzgeber

 


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