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Erdogan schaut einfach zu ….

Deutschlandpremiere der Doku "Trans X Istanbul"

Wenn man als Schwuler den Dokumentarfilm „Trans X Istanbul“ von Maria Binder sieht, kann einen das fürchterliche Gefühl eines Déjàvu beschleichen. Besonders, wenn man Bilder des neuen „Stonewall“-Films im Hinterkopf hat. Denn was derzeit mit Trans*-Menschen in Erdogans ‚moderner‘ Türkei geschieht, erinnert fatal daran, wie Schwule in der westlichen Welt bis in die 1970er Jahre hinein behandelt wurden und teils immer noch werden: als Freaks, die von der Polizei schikaniert und von der Mehrheitsgesellschaft ausgestoßen werden, bis zu dem Punkt, wo man ihnen Grundrechte verweigert und sie „wie Hühner“ abschlachtet. Im Fall von Erdogan und seiner applaudierend zuschauenden Partei AKP geschieht dies, weil sie wissen, dass sie damit konservativ-religiöse Wählerstimmen gewinnen können.

Poster zu Maria Binders Film "Trans X Istanbul".

Poster zu Maria Binders Film „Trans X Istanbul”.

Die Filmemacherin Maria Binder aus Bayern hat über mehrere Jahre die türkische Trans*-Aktivistin Ebru begleitet und den Alltag von Trans*-Menschen als sozialen Außenseitern in ärmlichsten Verhältnissen in Istanbul eingefangen. Was man sieht, ist schockierend: nicht so sehr die Armut, obwohl die schlimm genug ist, sondern das Verhalten von Nachbarn. Die veranstalten teils Demonstrationen vor der Haustür, um eine Trans*-Wohngemeinschaft aus dem Haus zu kriegen. Denn als „Prostituierte“ bringen sie die restlichen Bewohner angebliche in Verruf. In der aufgeheizten Stimmung geht der Mieterstreit so weit, dass eine Trans*-Frau in ihrer Wohnung vom Dach gegenüber angeschossen wird. Anschließend stellen Nachbarn Sessel vor ihre Wohnungstür und zünden sie an. Danach schneiden sie die Stromkabel durch. Und so geht das immer weiter.

Diese Aktionen – also der Versuch, Trans*-Menschen unter lauten „Allah“-Rufen aus der Nachbarschaft zu entfernen – sind Teil eines größeren Urbanisierungsplans für Istanbul. Das Ziel: Trans*-Personen aus der Innenstadt zu vertreiben und irgendwo weit abseits anzusiedeln, wo man sie nicht sieht. Die Gefahr dabei ist, wie Ebru und ihre Freundinnen wiederholt betonen, dass Trans*-Menschen außerhalb der Innenstadt noch einfacher Opfer von Hass-Verbrechen werden können.

Dass die Polizei dagegen nicht vorgeht, sieht man auch in Binders Film. Oft vergewaltigt die Polizei die Opfer anschließend noch und schickt sie hohnlachend nach Hause.

Daraus entsteht ein teuflischer Kreislauf, aus dem viele Trans*-Menschen nur mit Selbstmord entfliehen können.

Die Alternative ist oft, dass sie fast täglich auf den Straßen Istanbuls ermordet werden – und niemand hilft. Mehrere der Trans*-Frauen, die man im Film sieht, sind inzwischen tot oder sind schon während der Dreharbeiten gestorben. Einige ergreifende Beerdigungen sieht man sogar im Film.

Trans*-Aktivistin Ebru, um die der Film "Trans X Istanbul" kreist.

Trans*-Aktivistin Ebru, um die der Film „Trans X Istanbul” kreist.

Am heutigen Sonntag hatte „Trans X Istanbul“ im Berliner Maxim Gorki Theater Deutschlandpremiere, nach der Uraufführung 2014 bei einem Filmfestival in Istanbul. Er kommt jetzt allerdings nicht regulär ins Kino, sondern wird im Festival-Circuit weitergereicht. Termine in Deutschland kann man auf der Homepage zum Film finden.

Zur Deutschlandpremiere war neben Regisseurin Maria Binder und Selim Çalişkan, Generalsekretärin von Amnesty International, auch Ebru eingeladen. Auf die Frage, wie sich ihrer Meinung nach die Situation in der Türkei entwickelt habe in den letzten Jahren, antwortete Ebru: „Unsere Trans*-Bewegung gibt es seit 25 Jahren. Vor Erdogan war die Situation schwierig, unter seiner Regierung wurde sie noch schlechter, und seither ist sie katastrophal. Sollte die AKP am 1. November die Wahl gewinnen, müssten eigentlich alle Trans*-Menschen aus der Türkei emigrieren. Denn so wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen.“

Zuletzt hat die türkische Trans*-Community den Schulterschluss gesucht (und gefunden) mit den Taksim-Platz-Demonstranten.

Ebru erwähnte, dass beim diesjährigen Trans*-Pride mehrere Tausend Heterosexuelle kamen, um die politische Forderungen der Trans*-Community zu unterstützen, die letztlich denen der Schwulen- und Lesbenbewegung sehr ähnlich sind sowie den Wünschen all derer, die eine neue, weltoffene, säkulare Türkei herbeiwünschen. Aber die AKP hat kein Interesse, Gesetze zu ändern, mit denen Hass-Verbrechen gegen Transsexuelle geahndet werden können, denn sie weiß, ihre Wähler wollen LGBTI-Menschen weiter als „Freaks“ ausgestoßen sehen.

Wie wichtig solche neuen Gesetze zum Schutz von sexuellen Minderheiten wären, zeigt der Film deutlich. Wie dramatisch die Lage ist, macht „Trans X Istanbul“ ebenfalls klar. Allerdings schafft es die Regisseurin nicht wirklich, die vielen verschiedenen Geschichten, die sie erzählt, in einen großen überzeugenden Bogen einzubinden. Oft plätschert der Film etwas arg vor sich hin, statt Themen dramaturgisch zu raffen und zuzuspitzen oder die Möglichkeit von Overvoice intensiver zu nutzen, um Hintergründe zu erklären. D.h. Erklärungen gibt es so gut wie keine; die Bilder müssen für sich sprechen. Das tun sie auch!

Es wäre toll, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen „Trans X Istanbul“ ins Programm nehmen würde, damit er nicht nur von wenigen Festivalbesuchern gesehen wird, sondern möglichst breite Zuschauerschichten erreicht, besonders auch türkische. Immerhin lief der Film in der Türkei an neun verschiedenen Orten und löste überall Diskussionen und Bestürzen aus über die Lage von Trans*-Menschen im Land.

Auch die oft nur angetippten Dramen innerhalb der Familie lösen Bestürzung aus. Etwa die Geschichte, wo eine bösartige Nachbarin eine Trans*-Frau erpressen will, damit sie auszieht. Sie droht, andernfalls ihre Eltern anzurufen. Was sie dann auch tut. Die Reaktionen der Tochter, die 25 Jahre erfolgreich versucht hat, ihre Trans*-Identität vor der Mutter und den Geschwistern zu verbergen, und die jedes Jahr in Männerkleidern zu den Familientreffen ging, um ihre Verwandten zu sehen, sind einer der vielen Höhepunkte des Films.

Die nächste Parlamentswahl in der Türkei ist am 1. November 2015. Dann wird man sehen, ob die AKP den Sieg davon trägt und die Lage für Ebru & Co. sich nochmals verschlimmern wird.

Oder ob es zu einer politischen Zeitenwende kommt. Damit das Morden und die Hass-Verbrechen, die Polizeiwillkür und die religiös motivierten Attacken von Nachbarn endlich gestoppt und gesetzlich verfolgt werden können. Dafür kämpft nicht nur Amnesty International, sondern dafür sollte die gesamte LGBTI-Community kämpfen, auch in Deutschland.

Titelbild: Trans* Pride in Istanbul 2015. Foto: EvrenKalinbacak/Shutterstock.com


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