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„Es geht um das Herstellen von Nähe”

Der Autor T.A. Wegberg spricht über sein neues Buch "Grenzüberschreitungen"

Der Autor T.A. Wegberg wollte eigentlich Psychiater werden, entschied sich dann aber fürs Schreiben. Sein Interesse für Normabweichungen und psychische Störungen haftet seinen Romanen jedoch an. So auch seinem Sechsten: „Grenzüberschreitungen”. Darin widmet sich Wegberg dem Thema Borderline. Wir sprachen mit ihm über Erkrankung, Freundschaft und künftige Projekte.

Ich finde es unfassbar, wie wenig man eigentlich über das Krankheitsbild Borderline weiß. Hast Du persönliche Erfahrungen mit dem Thema gemacht?

Im engeren Verwandten- und Freundeskreis durchaus. Ich habe unter anderem seit 12 Jahren eine gute Freundin, die Borderline-Patientin ist. Einiges, was im Buch beschrieben wird, habe ich also mit ihr in dieser oder einer ähnlichen Form erlebt. Ich denke, dass fast jeder einen Betroffenen kennt. Vielleicht nicht unbedingt immer mit einer fertigen Diagnose, aber es ist ja doch weiter verbreitet, als man denkt.

Cover

Der sechste Roman von T.A. Wegberg

Deine Protagonisten und auch Nebenfiguren identifizieren sich mit der Emo-Kultur – es gibt im Roman immer wieder Anleihen des Pop-Punk und der Gothic-Szene in Bezug auf Mode, Musikgeschmack, und so weiter. Ist das Zufall oder finden Borderliner vermehrt Gefallen an dieser „Szene“?

Ich würde sagen, dass ist ein Zufall. Da gibt es sicher keine wissenschaftliche Studie drüber. Es könnte natürlich einen Gewissen Zusammenhang geben. Die Farbe Schwarz drückt natürlich immer etwas aus – vielleicht auch eine gewisse Hoffungslosigkeit –, aber ich glaube nicht, dass es unter Borderlinern kein erhöhtes „Schwarz-Aufkommen“ gibt, zumindest ist mir das bei meinen Studien und Recherchen nicht begegnet.

Wie sahen Deine Recherchen denn aus?

Ganz viel Fachliteratur wälzen. Das mache ich bei all meinen Büchern, in denen es ja immer um Krisen- und Ausnahmesituationen oder psychische Erkrankungen geht. Dabei fang ich mit einer ganz gründlichen Recherche an, sprich mit psychiatrischer Fachliteratur, die ich tatsächlich unglaublich gern lese. Das ist für mich keine Überwindung, sondern so spannend wie ein Krimi. Und während ich das lese, entwickeln sich dann aufgrund der Symptome und Begleitumstände in meinem Kopf die Charaktere.

Wie zum Beispiel die Figur des bisexuellen Cosmo?!

In seinem Fall kann man gar nicht wirklich sagen, ob er bi ist. Es wird zwar immer wieder scherzhaft erwähnt, dass er nimmt, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, aber ich denke, die Beziehungen, die er knüpft, sind zum einen seine Art sich Halt und Bestätigung zu suchen, zum anderen seine Zuneigung, zu kommunizieren. Er hat ja auch ein Nähe-Distanz-Problem. Es ist für ihn kein Unterschied, ob er mit einem Menschen ins Bett geht oder sich nett unterhält. Bei Bisexualität geht es, wie der Name ja schon sagt, um Sexualität. Cosmo geht es aber eher um das Herstellen von Nähe und das Gehaltenwerden. Und dabei spielt es selbstverständlich keine Rolle, ob dies von einem Männchen oder Weibchen getan wird.

Wie weit sind Dir die Figuren auf die Nerven gegangen während des Schreibens?

Überhaupt nicht. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu den Figuren, weiß aber, dass Cosmo vielen Leser auf die Nerven geht. Johannes aber auch – seine grenzenlose Gutmütigkeit zum Beispiel und seine Unfähigkeit, eine klare Grenze zwischen ihnen zu ziehen.

Was dürfen wir in Zukunft von Dir lesen? 

In meinem kommenden Roman-Projekt geht es um das Thema Transgender, das aus der Perspektive von Kindern eines Betroffenen geschildert wird: Es geht um 15jährige Zwillinge – ein Junge, ein Mädchen –, deren Eltern geschieden sind und deren Mutter eigentlich ein Transmann ist, der sich erst in die Transition begibt, als die Kinder ein wenig älter sind. Aus Sicht des Sohnes werden dann die Situation und die Veränderung, die diese mit sich bringt, geschildert.

Wie schwierig ist es, einen Verlag für ein solches Projekt zu finden?

Gar nicht schwierig. In diesem Fall ist der Verlag, bei dem ich früher schon einmal veröffentlicht habe, direkt mit dieser Themenbitte auf mich zugekommen. Die Lektoren schauen natürlich schon, welche Themen gerade angesagt sind – Transsexualität gehört definitiv dazu.

Die Buchbesprechung steht in MÄNNER 10.2015

„Grenzüberschreitungen – Eine Geschichte über Borderline, Freundschaft und Abhängigkeit”

Titelfoto:  Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag


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