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Frisch wie mit 49B

Das Problem mit dem Älterwerden

Statt Vorbilder wie man würdevoll mit dem Altern umgeht, gibt’s überall nur arme Würstchen – und dazu noch vegane!, findet MÄNNER-Kolumnist und Kabarettist Manes Meckenstock (49 F)

Warum haben Schwule ein solches Problem mit dem Älterwerden? Ein Freund von mir, geburtenstarker Jahrgang, feierte neulich seinen runden Geburtstag. Auf die Frage, ob er ein Fest plane, bekam ich nur die schmallippige Antwort: „Ich ignoriere meinen Geburtstag: Mein eigentliches Alter ist das, was ich im Chat angebe!“ Bei Gayromeo ist er 38 – 12 Jahre jünger als in Wirklichkeit!  Ich musste unwillkürlich an die Schauspielerin Lil Dagover denken, deren wirkliches Alter (92) erst bei ihrem Tod bekannt wurde. Bis dahin hatte sie es immer ihren Bedürfnissen angepasst.

Wolfgang Joop wirkt auf Fotos von so beachtlicher Jugend, dass man sich fragt: Ist das nur gecremt oder darf es auch ein Abnäher mehr sein?

Es heißt, die zehn schönsten Jahre im Leben einer Tunte seien jene zwischen dem 29. und 30. Lebensjahr. Warum fehlt es uns an Vorbildern, dem Alter mit Würde entgegenzutreten? Alfred Biolek macht es wie Greta Garbo und findet in der Öffentlichkeit nicht mehr statt, obwohl sich keiner so eindrucksvoll räuspert wie er. Wolfgang Joop wirkt auf Fotos von so beachtlicher Jugend, dass man sich fragt: Ist das nur gecremt oder darf es auch ein Abnäher mehr sein? Und wenn schon alternde Prima Donna – warum dann nicht mit Grandezza?
Ich war im Sommer bei einem älteren Freund eingeladen. Seinen 50. hatte Gerd mit der Bemerkung gefeiert, er sei 49 B. Mittlerweile müsste er irgendwo in der Mitte des Alphabets angekommen sein – keiner traut sich mehr zu fragen. Er lud wie jedes Jahr zum Grillen in seinen Kleingarten ein. Früher warteten dort Berge von Schweinefleisch: Bauch, Kotelett, Würstchen, als wolle sich der Gastgeber ein Ferkel basteln. Nun ist Schwein nicht unbedingt meins und so brachte ich mir ein geiles Rumpsteak mit. Ich fing mir direkt eine ein: „Kannste wieder einpacken, wir sind jetzt Veganer!“ Bis vor drei Jahren waren für mich Veganer eine Spezies aus dem Raumschiff Enterprise, ähnlich wie Mister Spock. Und jetzt sind sie mitten unter uns. Und das mit größter Vehemenz!

Ich muss mich im Alter noch genug einschränken und möchte bis dahin gerne essen, worauf ich Appetit habe.

Brav ließ ich einen Vortrag über mich ergehen, als müsste ich sofort konvertieren. Die Ernährungsumstellung habe Gerd und seinem Partner so viel gebracht, dass ich das unbedingt auch probieren müsse. Man könne ja sowieso nichts mehr essen, und seit sie sich vegan ernähren, fühlen sie sich viel frischer und vor allem jünger – also wie mit 49 B.
Meine Bemerkung, dass ich mich im Alter noch genug einschränken müsse und bis dahin gerne essen möchte, worauf ich Appetit habe, wurde mit größter Missbilligung quittiert. Warum ist Ernährung heute eigentlich kein Genuss mehr, sondern politisches Bekenntnis in Lifestyle verpackt?
Als guter Gast habe ich mich gefügt: Ich probierte die vegane Grillschnecke und die Currywurst „Tofu Queen“, beide von der Konsistenz aufgeweichter Bierdeckel und diesen geschmacklich wohl auch sehr nahe. Als mir Gerd dann noch unaufgefordert einen gegrillten Maiskolben auf den Teller packte, lehnte ich ab: Der mag vielleicht ein rektales Erlebnis ermöglichen, aber zum Verzehr für mich – ungeeignet!

Erschienen in MÄNNER 10.2015.

Foto: Shutterstock


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