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Westbalkan: Zeit für Veränderung

LGBTI-Menschenrechtskonferenz in Belgrad

Die Lage von Homosexuellen in Serbien ist bekanntlich: problematisch. Nicht nur, weil viele angefeindet werden und von rechtsradikalen Hooligans regelmäßig zusammengeschlagen werden, sondern auch, weil die meisten Schwulen sich aufgrund solcher Erfahrungen nicht öffentlich zu ihrer Sexualität äußern wollen. Somit fehlen LGBTI-Gruppen Menschen vor Ort, mit denen sie Sichtbarkeit für ihre Belange schaffen könnten. Ein neuer Anlauf, um an dieser Situation etwas zu ändern – auch angesichts von Flüchtlingsströmen vom Balkan in Richtung Deutschland – ist eine internationale Konferenz, die diese Woche unter dem etwas sperrigen Titel „Democracy for All: Political Participation of LGBTI Persons in the Western Balkans in Belgrad stattfindet.

Schild bei der Westbalkankonferenz 2015. (Foto: Darko Koenig)

Schild bei der Westbalkankonferenz 2015. (Foto: Darko Koenig)

Organisiert hat dieses Event die Hirschfeld-Eddy-Stiftung aus Köln, die serbische Organization for Lesbian Human Rights und das US-amerikanische Gay and Lesbian Victory Institute. Etwa 200 Menschen nehmen teil. Das Deutsche Auswärtige Amt unterstützt das Projekt, das ein Follow-up zur Veranstaltung „The Future Belongs to Us“ ist, die letzten September in Belgrad stattfand.

Schon bei der Eröffnung am Dienstag saßen hochrangige Gäste auf dem Podium, u.a. der deutsche Botschafter Axel Dittmann und ein Repräsentant der US-Botschaft in Belgrad, Gordon Duguid. Mit dabei aus Deutschland ist auch Michael Kauch (FDP), der zusammen mit Boris Milicevic von der Sozialistischen Partei Serbiens über „LGBTI Visibility“ in der Politik diskutierte. Ebenfalls vertreten: Gruppen aus Mazedonien, Montenegro, dem Kosovo und Slowenien. Themen, die gemeinsam angegangen wurden, lauten „The Power of Our Vote: Mobilizing the LGBTI Vote for the Chance“ oder „Cultivating Allies: Know Their Needs“.

Michael Kauch (4. v. l.) bei der LGBTI-Konferenz in Belgrad. (Foto: Twitter/@BrianSilva78)

Michael Kauch sagte im Gespräch zu MÄNNER: „Ich glaube, solche Konferenzen – genau wie die unlängst in Montenegro – sind wichtig für die gesamte Westbalkanregion. Serbien und Montenegro leisten großartige Arbeit was das Kreieren eines Bewusstseins für LGBTI-Fragen in der Politik angeht; sie sollten auch eine zentrale Rollen spielen, um Aktivisten zu motivieren in anderen Ländern dieser Region, gleichfalls ins politische Leben einzugreifen. Auch wenn viele Beispiele aus der Welt, die hier vorgestellt werden, nicht unbedingt auf die konkrete Situation im Westbalkan angewendet werden können, so können sie trotzdem Ideen liefern, die dann hier vor Ort weiterentwickelt werden sollten.“

Der serbische Jungaktivist Darko Koenig. (Foto: Privat)

Der serbische Jungaktivist Darko Koenig. (Foto: Privat)

An der Konferenz mit Workshops, u.a. zu „Social Media Activism“, nimmt auch der junge serbische Aktivist Darko Koenig teil, mit dem wir im Oktoberheft ein großes Interview abdrucken werden. Dort äußert er sich allerdings sehr kritisch zu der Art und Weise, wie LGBTI-Gruppierungen in Serbien sich verhalten. „Das sind einige wenige Mitglieder der Community, die sich das Recht herausnehmen zu bestimmen, wer als Aktivist gilt und wer nicht“, sagt Darko. „Das Ganze ist extrem ausgrenzend. Auf Grund meines Alters wurde ich von erfahrenen Aktivisten nie akzeptiert. Häufig hat man mich misstrauisch beäugt. Viele Leute innerhalb der Community nahmen an, ich würde LGBTI-Kultur mit Madonna verwechseln.“ Er zog daraus die Konsequenz und ging ein Jahr als freiwilliger Mitarbeiter ans Schwule Museum* Berlin, um mehr über LGBTI-Geschichte zu lernen. Jetzt ist er zurück in Belgrad, wird eine Ausstellung zu Homosexualität und Holocaust kuratieren – und testet bei der Konferenz, ob all das neu gewonnene Wissen einen Unterscheid macht in der Nicht-Willkommenskultur der etablierten LGBTI-Gruppen.

Ob solche Ausgrenzungspolitik gegenüber jungen schwulen Aktivisten Thema einer Konferenz sein wird, deren große Talkrunde „Lesbian Political Power“ ist und wo ansonsten eher Frauen- und Trans*-Themen („Trans Elected Officals: Redefining Politics“) im Zentrum stehen?

Darkos Fazit nach zweieinhalb Tagen Konferenz ist: „Ich bin ehrlich überwältigt von den vielen Ideen, die hier vorgestellt wurden, und ich bin inspiriert von den Vorträgen der Sprecher und den anschließenden Diskussionen. Wir haben Beispiele von Lobbygruppen in den USA gehört, die sich für die Eheöffnung eingesetzt hatten. Die Mittel, die sie angewandt haben, passen sicher nicht zur Situation im Westbalkan, aber sie haben hier viele Gespräche und Gedankenspiele ausgelöst. Diese Diskussionen fand ich persönlich am nützlichsten. Immerhin teilen wir ja alle eine grundsätzlich ähnliche Kultur und ähnliche Probleme. Deshalb können wir von den Erfahrungen der anderen lernen, über unsere eigene Situation besser nachdenken und gemeinsam Ideen entwickeln, um Verhaltensmuster der homophoben Mehrheitsgesellschaft zu durchbrechen. Und selbst wenn das nicht gleich klappt: die positiven Beispiele von anderswo geben uns Hoffnung!“

Eine weitere Diskussionsrunde bei der Konferenz in Belgrad. (Foto: Twitter/@BrianSilva78)

Eine weitere Diskussionsrunde bei der Konferenz in Belgrad. (Foto: Twitter/@BrianSilva78)

Das ist natürlich erfreulich. Denn Grabenkämpfe, wie sie die deutsche LGBTI-Szene derzeit zersplittern, sollten nicht auch den Balkan befallen. Denn hier wie dort ist es wichtig, gemeinsam zu kämpfen und auch gemeinsame Ziele zu verfolgen. Für Ausgrenzung und Anfeindungen sollte da kein Platz sein. Und ganz nebenbei: Wenn für jemanden die schwule Emanzipationsbewegung erst bei Madonna anfängt, dann ist das eine Generationsfrage, kein Ausschließungsgrund.

Titelbild: Polizisten in voller Kampfausrüstung beim Gay Pride 2010 in Belgrad. Foto: punghi / Shutterstock.com


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