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Marc Almond auf Tour

Die Neuentdeckung einer britischen Pop-Fachkraft

Ich muss gleich mal zwei Geständnisse vorwegschicken. Als ich am Freitagabend zum Marc-Almond-Konzert ins SchwuZ gehe, kann ich gerade mal fünf seiner Songs aufzählen – darunter natürlich „Tainted Love“. Das Gloria-Jones-Cover, mit dem er als Sänger von Soft Cell 1981 ein Riesenhit hatte (Nr. 1 in Deutschland und England, Nr. 2 in Österreich und der Schweiz) und der mir immer schlechte Laune macht, wenn DJs ihn mir auf schwulen Party servieren, weil er so offensichtlich ist – so wie „I will survive“, „It’s raining men“ oder „YMCA”. Aber Schluss mit den Geständnissen!

Aber neben den alten Hits, zu dem auch sein Nummer-Eins-Hit mit Gene Pitney („Somethings gotten hold of my heart”) gehört, gibt es viel, viel mehr. Bis 2003 verging kein Jahr ohne Almond-Platte herausgebracht hat. Da kommt in mittlerweile 35 Jahren ordentlich was zusammen. Aber der Reihe nach.

Um 20 Uhr betritt der 58-Jährige mit seiner Band die Bühne im Berliner SchwuZ (der C-Club, wo das Konzert ursprünglich stattfinden sollte, wird noch umgebaut) – so pünktlich habe ich lange keinen Konzertbeginn erlebt. In den folgenden 100 Minuten wird er von seinen Fans gefeiert. Es ist schön, seine Stimme zu hören – sie hat sich kaum verändert. Dabei musste man nach seinem schweren Motorradunfall im Oktober 2004 fürchten, sie nie wieder zu hören. Zehn Tage lag der Sänger im Koma, auf einen Luftröhrenschnitt konnte zum Glück verzichtet werden – der hätte seine Gesangskarriere ein für alle Mal beendet. Aber er hat schon ganz andere Sachen überlebt – eine schwere Heroin-Sucht etwa und eine Verfolgungsjagd von homophoben Hooligans durch Soho, der er im letzten Moment durch die Flucht in einem Taxi entkam.

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Vielleicht erklärt das einen Teil der Lust, am Leben und auf der Bühne zu sein, die er an diesem Abend ausstrahlt. Er scheint sein Publikum genauso zu lieben, wie es ihn liebt und verehrt. Immer wieder tritt er an den Bühnenrand, winkt den Gästen zu, die hinter einer saublöden dicken Säule stehen und so nicht alles mitbekommen.

Quatsch Comedy Clubber Thomas Herrmanns und Gloria Viagra sind im Publikum, ansonsten ist die Meute auffällig heterosexuell. An der Bar raunt mir ein Mann mit getönter Sonnenbrille zu, der aussieht wie Heinz Strunk in groß: „Ich liebe diesen Mann seit über 20 Jahren“, um mir kurz danach zu versichern, er sei heterosexuell.

Nach dem Unfall war sein Stottern, das ihn in der Schule zum Gespött der anderen gemacht hatte, wieder richtig schlimm.

Marc Almond hat ein kleines Bäuchlein, das sich unter seinem schwarzen Hemd abzeichnet. Seine Haare sind pechschwarz – gefärbt. Als er nach dem Motorradunfall vor elf Jahren aus dem Koma erwachte, war er grau. Danach dauerte es zwei bis drei Jahre, bis er wieder singen und sprechen konnte. Nach dem Unfall war sein Stottern, das ihn in der Schule zum Gespött der anderen gemacht hatte, wieder richtig schlimm. Aber er kämpfte, wurde gesund, und knapp drei Jahren nach dem Unfall erschien ein neues Album „Stardom Road“, mit etlichen Coverversionen. Seine Stimme: stark, klar und schön wie zuvor.

Er singt im SchwuZ neue Songs und frühe Werke. Vom aktuellen Album „The Velvet Trail” (2015), das dann doch wieder eigenes Material bietet, obwohl Almond 2010 verkündet hatte, er werde sich auf Coverversionen beschränken, muss man sich dringend den Song „Minotaur” merken. Einmal zischt mir eine Freundin während eines älteren Songs zu, er befinde sich auf einem Album, das sie dreimal kaufen musste. Immer hätten ihre schwulen Mitbewohner gedacht, die CD gehöre ihnen, und sie beim Auszug mitgenommen.

Im Laufe des Abends stelle ich beruhigt fest, dass ich doch noch mehr Songs von Almond kenne, aber leider werden sie nicht mehr im Radio oder in Clubs gespielt – wie das tolle „Meet me in my dreams” und der Kracher „Tears Run Rings” aus 1988, den die Berliner Zuschauer ordentlich bejubeln.

Nach eineinhalb Stunden ist das Konzert beendet, aber seine Fans holen ihn für eine Zugabe auf die Bühne zurück. Es ist jetzt Zeit für „Tainted Love”, und ich mache meinen Frieden mit dem Song. Als weitere, allerletzte Zugabe singt er noch „Jackie”, das Jacque-Brel-Cover aus dem Jahr 1991. Hier gerät er zweimal aus dem Text, singt aber souverän drüber weg. Man sieht, es ärgert ihn; er schüttelt noch im Schlussapplaus den Kopf, als könnte er es selber nicht glauben. Dabei hat es sein Publikum schon längst vergessen.

Heute Abend singt Marc Almond in Frankfurt, morgen ist er in Lausanne. Anfang Oktober spielt er in Russland.

Fotos: www.facebook.com/Martins-Lights-Limited

 


2 Kommentare

  1. sirwuffel

    Ich muss gleich mal zwei Geständnisse vorausschicken:
    Ich bin strikt hetero.
    Und ich hatte mir die Karte nur wegen dieses einen Songs gekauft. Ein Song, der für mich eine sehr persönliche Bedeutung hat. Hätte ich gewusst, dass der Gig in einem Schwulenclub statt in gewissermaßem gutbürgerlichen Ambiente des C-Clubs steigen würde… ich hätte mir das sicher noch mal überlegt. Zum Glück kam ich nicht in die Versuchung: Ich hatte die Karte schon. Und, um es mit einem geflügelten Wort zu sagen: Und das war auch gut so.

    Okay, ich kannte mehr als nur diesen einen Song. „Tainted love“ war zu der bewussten Zeit, die die meine war, ein Riesenhit, auch an „Bedsitter“ kam man auf Disco und Party seinerzeit kaum vorbei. Ich erinnere mich noch dunkel, dass Jürgen Jürgens mal in einer seiner Sendungen auf SFB2 die deutsche Übersetzung des Textes vorgetragen hat. Doch dann… dann verschwanden Soft Cell, verschwand Marc Almond von meinem musikalischen Radar.

    SchwuZ, Rollbergstraße, Berlin-Neukölln. Zu meiner allergrößten Überraschung läuft man, von der Karl-Marx-Straße aus kommend, tatsächlich bergauf. In Berlin! Ich bin verstört und entsetzt. Mindestens genauso erschüttert bin ich, als Künstler, Band und die beiden Grazien vom Background absolut pünktlich die Bühne entern. Ich hatte mir extra Zeit gelassen auf dem Weg ins verruchte Neukölln, gehört es doch heutzutage zum guten Ton, das zahlende Publikum möglichst lange vor der leeren Bühne zappeln zu lassen. Marc Almond ist da anders: sei es aus Respekt vor seinen Fans, sei es, weil er einfach nur zeitig ins Bett will. Wie dem auch sei: Ohne große Vorrede legt Marc los. Er ruft „Hello Berlin!“ ins Mikrofon, dann legen Drummer, Keyboarder und Gitarrist los: „Minotaur“, ein Stück aus seinem aktuellem Album „Velvet Trail“. Ganz unwillkürlich muss ich an den Opener der X-Tour von Kylie Minogue denken… „Speakerphone“, falls sich jemand daran erinnern sollte. Spätestens beim zweiten Song „Bad to me“, ebenfalls vom Album „Velvet Trail“, kocht der Saal. Mein persönlicher Favorit von dieser Platte, das nur so am Rande

    Der Spannungsbogen bleibt hoch, erreicht wenige Minuten später mit „Something’s gotten hold on of my heart“ einen ersten Höhepunkt. Spätestens jetzt weiß ich: es war die richtige Entscheidung, heute abend hier zu sein. Selbst wenn Marc Almond heute abend diesen einen Song nicht auf der Setlist haben sollte.

    Das Bühnenbild frei vom Bombast, der heutzutage bei den großen Stadiontouren zelebriert wird. Eine erfrischend simple Leinwandshow, mehr gibt es nicht zu sehen. Nicht immer erschließt sich mir der Zusammenhang von Bild und Musik, aber das will nichts heißen. A-ha gaben mir bei ihrer angeblichen Abschiedstour vor ein paar Jahren da ganz andere Rätsel auf. Wunderbar passen allerdings Bild und Musik bei „Darker Times“ zusammen. Treibende Drums, ebenso hektisch wechselnde Bilder. Nicht immer von den schönen Seiten dieses Lebens.

    Das Konzert geht weiter, unaufhaltsam. Marc gibt sich und seinen Zuhörern nicht viel Zeit zum Verschnaufen. Immer wieder geht sein Blick zu der bewussten dicken Säule… an ihr lehnt Gloria Viagra. Angelehnt, logisch, nicht frei stehend: sonst wäre er-sie-es mitsamt Puffstelzen vermutlich umgekippt. Thomas Herrmanns hab ich nicht gesehen, Grüße an dieser Stelle, unbekannterweise.

    Die Höhepunkte reihen sich aneinander. „Tears run rings“, dann „Meet me in my dream“. Vier Takte Drums, dann lässt der Keyboarder acht Takte lang einen breiten, süsslichen Klangteppich in den Saal wabern. Schlußendlich kippt Marc Almond dann all den Schmelz, den seine zugegeben nicht mehr ganz junge Stimme noch hergibt, dazu. Ich bin und weg, ich bekomm Gänsehaut. Dieser Song geht mir ans Herz, durch Mark und Bein.

    Meet me in my dream, i can’t fall asleep without you…

    Von mir aus kann der Abend jetzt zu Ende gehen. Von mir aus sicher, allein Marc sieht das anders. Er heizt seinem Publikum ein, ist längst selbst bös ins Schwitzen gekommen. „Brilliant creatures“ hat ein paar schöne Stellen zum Mitgröhlen, und der informierte Fan kann „Bedsitter“ natürlich Wort für Wort mitsingen. Erstaunlicherweise kann ich das auch… dabei war ich nie Fan. Vermutlich hab ich den Song seinerzeit einfach nur oft genug gehört, Jürgen Jürgens sei Dank. Nach „Soul inside“ ist die Setlist durch.

    Eigentlich. Selbstredend gibt es Zugaben, selbstredend hat sich Marc die Klassiker für genau diesen Moment aufgehoben. Ich erwarte „Tainted love“, ich bekomme endlich diesen einen Song: „Say hello – wave goodbye“.

    Standing in the door of the pink flamingo…

    Der Rest verschwimmt. „Gutter hearts“, dann doch noch „Tainted love“, ohne das meist gekoppelte „Where did our love go“. Neuerlicher Abschied von der Bühne. Die Masse tobt. Das Licht geht an, die Masse tobt weiter. Marc kommt noch einmal auf die Bühne, kündigt – „Only here in Berlin“ – ein Cover von Jaques Brel an. Er verhaspelt sich ein paarmal mit seinem Text, mir ist das egal. „Thank you, Berlin!“. Das Licht geht an, endgültig dieses Mal. Danke, Marc Almond. Danke für diesen Abend.

    Ein gut aufgelegter Künstler, ein aufgeschlossenes Publikum, eine intime Location: intensiver kann ein Konzerterlebnis kaum werden. Ich hatte diesen einen Song, der mir so wichtig war und ist. Und an diesen Abend im SchwuZ werde ich mich noch lange erinnern. Und zwar mit dem allergrößten Vergnügen.

    Ach ja, eins noch: Ich bin ja bekanntermaßen strikt hetero… den Leuten, denen ich vom Konzert im SchwuZ erzählt hab, lief sicher ein wohlig-gruseliger Schauer über den Rücken. Wenigstens hab ich jetzt was zu erzählen, daheim up Dörp. Und alle Augen werden an mir hängen, wenn ich von dem Konzert im Schwulenklub berichte…


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