kl ! NewcastleGateshead Quayside

Nicht ohne meinen Hund

Mit Traumschiff und Tier nach Newcastle

Keine Frage, es gibt kürzere Wege nach Newcastle. Mein Hund und ich wählen ganz bewusst die entschleunigte Variante. Mit dem Auto nach Amsterdam und von dort mit dem Schiff Richtung Newcastle. Eingeschifft wird im nordholländischen IJmuiden. Dort fahren wir in den gewaltigen Bauch der King Seaways – allein drei Decks sind für Motorräder, Autos und LKW reserviert. Darüber liegen die Kabinen und Freizeitangebote wie Casino, Disko und Kino – und ganz oben in der 12. Etage – liegt das Sonnendeck mit Bar. Das Traumschiff ist ein Scheiß dagegen!
Meine Kabine befindet sich auf Deck 7. Ich habe ein großes Bett, ein eigenes Bad, dazu Sofa, Fernseher und eine Minibar. Fast schade, dass ich hier nur eine Nacht bleibe. Die Minibar ist gefüllt und die Besatzung sehr reizend – auch die Kellner im Restaurant „Blue Riband“, wo ich sehr gut esse: Ganz und gar unspanische Tapas: indisches Lamm, Burger, Spare Ribs. Alles in Probierportionen und dazu ein Gläschen Chablis.

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Foto: Markus Busch

Mompa hat die Wahl zwischen Hundehotel und Auto

Nach dem Abendessen gehe ich zum ersten Mal meinen Hund besuchen. Mompa ist sehr routinierter Globetrotter. Er war schon in Paris, Warschau, Mailand – und auch in Malaga hat er seine Duftmarke hinterlassen. Dorthin sind wir geflogen, sein erstes Mal. Flugzeit: dreieinhalb Stunde. Ein Klacks! So einfach ist das nicht, wenn man nach Newscastle will. Das Schiff ist gut 17 Stunden unterwegs, und ich wollte den Hund erst daheim lassen, denn: In meine Kabine darf er nicht, sondern hat die Wahl zwischen Hundehotel – Käfige, die auch nicht kleiner sind als Flugboxen – und dem Aufenthalt im Auto. Zwischendurch hat er die Gelegenheit, aufs Hundeklo zu gehen. Ich probiere es also nach dem Abendessen aus. Ein Steward bringt uns zu einer Kiste, die mit Kies gefüllt ist. Sie steht auf einem abgesperrten Deck. Mein Hund klettert hinein, wedelt mit dem Schwanz und kommt wieder heraus. Gepinkelt hat er nicht. Ich schicke ihn wieder rein. Folgsam wie er ist, klettert er hinein und kommt wieder heraus. Nach dem fünften Versuch bringe ich ihn ins Auto zurück. Der Hund kann nicht. Oder will nicht. Oder er hat die Blase eines Blauwals und muss gar nicht.

Dafür steht hier eins der ungewöhnlichsten Konzerthäuser, das an ein gewundenes Abflussrohr erinnert, aber auch gut eine Raupe sein könnte.

Aus Newcastle stammen Mr. Bean, Sting und Mark Knopfler

Gegen halb elf am nächsten Morgen sind wir am Ziel: North Shields, ein Küstenort, den man nicht weiter erwähnen müsste, wenn nicht Neil Tennant von den Pet Shop Boys dort geboren worden wäre. Wir fahren mit dem Auto nach Newscastle. Unser Hotel, das Hilton, liegt in Gateshead – linksrheinisch, würde man in NRW sagen – auf einem Hügel direkt am Fluss und über diverse Brücken verbunden mit Newscastle. Während dort neben Mr. Bean-Darsteller Rowan Aktinson vor allem verdiente Musiker wie Sting und Mark Knopfler aufwuchsen, hat Gatehead fast ausschließlich Kicker wie Paul Gascoigne hervorgebracht, aber auch die zu Recht unbekannte Pornodarstellerin Taylor Wane („Mommy Got Boobs“ Vol. 9, 13, 14). Dafür steht hier eins der ungewöhnlichsten Konzerthäuser, das an ein gewundenes Abflussrohr erinnert, aber auch gut eine Raupe sein könnte. Geschaffen von Stararchitekt Sir Norman Foster liegt das Sage Gateshead am Ufer der Tyne, bietet neben Klassik auch Pop-Konzerte und wird im April wieder das Gateshead International Jazz Festial beherbergen. Ein paar Meter weiter befindet sich das Baltic, ein Museum für zeitgenössische Kunst, das in seinem früheren Leben eine Mühle war.

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Die Tyne Brücke bei Nacht (Foto: Mark Taylor)

Männer in Newcastle tragen Undercut und Trainingshose

Wer auf britische Lads steht, denen man die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse auf 100 Meter gegen den Wind ansieht, ist in Newcastle genau richtig. Ohne Trainingshose, bis zum Hals zugeknöpften Polohemden und einem zackigen Undercut-Haarschnitt geht hier nichts. Samstagabends herrscht in einigen Bars schon um acht ausgelassene Stimmung, denn viele Läden schließen um 2 Uhr ja schon wieder. Von den erstaunlich vielen schwulen Bars sind die meisten eher durchschnittlich bis scheußlich. Aber vielleicht muss man auch einfach mehr trinken. Bier ist ohnehin recht günstig hier – man trinkt es pintweise, was etwas über einem halben Liter entspricht. Das ortstypische, dunkle Newcastle Brown Ale etwa, das seit 2008 allerdings nicht mehr hier gebraut wird. Der Einfachheit halber ist ein Großteil der Homoläden in nur zwei Straßen hinterm Hauptbahnhof untergebracht – und mittendrin befindet sich das sensationell empfehlenswerte persische Restaurant „Taste of Persia“. Sehr lecker und dazu noch günstig. Da kann man sich stärken für die Nacht, wenn es mal etwas anderes als Fish & Chips sein soll. Und wer sich nicht lange mit Flirten und Baggern aufhalten will, vergnügt sich in einer der Saunen. Das „H2O“ etwa wirbt mit der größten Dampfsauna im Vereinigten Königreich und hat am Wochenende durchgängig geöffnet.

Die deutsche Partnerstadt ist nicht zufällig Gelsenkirchen

Zur Nordsee fährt man 20 Minuten mit der Metro, auch nach Edinburgh ist es nicht weit. Keine anderthalb Stunden mit dem Zug, ab 25 Euro pro Nase. Klar, mit London und den vielen Theatern und Museen kann Newcastle nicht mithalten. Dafür wird man aber auch nicht von Touristenmassen zerquetscht, und die Menschen hier, im Ruhrgebiet Englands (die deutsche Partnerstadt ist nicht zufällig Gelsenkirchen), sind entspannt, auf ihre englische Art reizend und total bezuckert von Mompa. Der hat auf der Rückfahrt seinen Chef noch ganz stolz gemacht und brav ins Hundeklo gepieselt – wenn auch nur drei Tropfen.

Erschienen in MÄNNER 1.2015

Fotos: DFDS Seaways


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