Schöner Wohnen?

Es gibt so schöne Pläne. Die schwule Realität sieht oft ganz anders aus

von Uwe Bresan

Boom lautet der Titel eines aufsehenerregenden Projekts, mit dem der deutschstämmige New Yorker Architekt Matthias Hollwich vor vier Jahren zum ersten Mal an die Öffentlichkeit ging. Im Hinterland der kalifornischen Wüstenmetropole Palm Springs will Hollwich in den kommenden Jahren eine Wohnsiedlung errichten, die speziell auf die Bedürfnisse älterer Homosexueller ausgerichtet ist. Die Wahl des Ortes ist nicht ganz zufällig. Seit den 1960er-Jahren gilt die Stadt aufgrund ihres milden Klimas bei alternden Hollywood-stars als beliebtes Ruhestandsdomizil und ist mittlerweile mondäner Zweitwohnsitz vermögender Rentner aus ganz Nordamerika, die hier die Wintermonate verbringen. Von den Einheimischen werden sie scherzhaft „Winterbirds“ genannt. Unterstützt wird Hollwichs Vorhaben von einer Reihe international bekannter Architekturbüros auf beiden Seiten des Atlantiks – darunter etwa die renommierte New Yorker Architektengemeinschaft von Elizabeth Diller, Ricardo Scofidio und Charles Renfro sowie das gefeierte Berliner Architekturbüro von Jürgen Mayer H. Jedes der zehn beteiligten Planungsteams hatte die Aufgabe, neben den notwendigen Wohnbauten jeweils ein öffentlich genutztes Gebäude wie Supermarkt, Schwimmbad, Krankenhaus oder Hotel zu projektieren. Den fertigen Arbeiten, die im Einzelnen durchaus die erkennbare Handschrift des jeweiligen Entwerfers zeigen, gelingt in der Zusammenschau ein überzeugendes Gesamtbild, dessen größte Qualität es wohl ist, radikal mit allen gängigen Vorstellungen vom Wohnen im Alter zu brechen.

BOOM_HWKN_1

Gemeinschaftswohnhaus der „Boom”-Siedlung – geplant vom New Yorker Architekturbüro Hollwich Kushner

„Boom“, wie es sich Hollwich und seine Kollegen vorstellen, hat weder mit dem in Europa beliebten Modell des betreuten Wohnen zu tun, das unter dem wohlklingenden Begriff der Altersresidenz vor allem gesichtslose und entindividualisierte Funktionsbauten meint, noch mit der in Amerika verbreiteten Form der Retirement Communities, abgeschlossene Wohnsiedlungen, die stilistisch irgendwo zwischen Country House und Greek Revival liegen. „Boom“ ist bunt und vielfältig. Die Gebäude erheben sich sanft aus dem Wüstensand, schwingen sich in die Höhe und beginnen miteinander zu tanzen. So entsteht ein feines Netz aus von Palmen beschatteten, öffentlichen Plätzen, schmalen Durchgängen und Verbindungswegen sowie – davon abzweigend – halbprivaten und intimen Räumen mit Wasserflächen und Swimmingpools, die jeweils einer Wohngruppe zugeordnet sind. Spontan mag der ambitionierte Architekturzoo von „Boom“ deshalb eher an ein karibisches Ferienresort erinnern als an eine Anlage des Betreuten Wohnens. Doch der Bruch mit den Konventionen ist durchaus gewollt und vor allem der Zielgruppe geschuldet, wie Hollwich in seinen Statements zu „Boom“ immer wieder betont. Die Gay Community hätte sich schon früh von „traditionellen Lebensentwürfen“ verabschiedet und könne deshalb, so Hollwich, als „Vorreiter alternativer Wohnmodelle“ gelten. Zugleich würden homosexuelle Männer – im Unterschied zu anderen – auch im Alter einen „anspruchsvollen und aktiven Lebensstil“ bevorzugen und besäßen darüber hinaus einen „ausgeprägten Sinn für Design“. Sie würden daher die Architektur von „Boom“ als Möglichkeit eines „better way of life“ besonders schätzen. Einmal mehr beruft sich Hollwich damit auf das gängige Stereotyp, dass der homosexuelle Mann scheinbar von Natur aus über eine bedeutend höhere Affinität zu modernem Design und avantgardistischer Architektur verfügt als andere Menschen.

Glamourös, exzentrisch, wunderbar!

Wie tief verwurzelt und kaum hinterfragt diese Vorstellung in unserer Gesellschaft tatsächlich ist, zeigen Publikationen wie der Bildband „Gay Living“ aus dem Hause Callwey. Der Münchner Verlag, der sich mit seinen seichten Coffee Table Books rund um die Themen „Wohnen, Garten, Kochen & Backen“ vor allem an (Haus-)Frauen mittleren Alters zu richten scheint, beschreibt den „typisch schwulen Wohnstil“ gern als „glamourös, exzentrisch, wunderbar!“ – mit Ausrufezeichen. Das Buch selbst stellt 20 ausgesuchte Häuser und Wohnungen von mehr oder weniger prominenten Schwulen aus ganz Europa vor und „steckt voller Inspirationen“ für die vermeintlich weniger geschmackssichere, weibliche Leserschaft. Ob sich die üppig mit Vintagemöbeln und Designerstücken dekorierten Arrangements sowie deren entsprechend gekleidete Bewohner tatsächlich zur Nachahmung empfehlen, sei dahingestellt. Neben dem frischen Blumengesteck aus dem eigenen Garten und der – von Frauenzeitschriften gern empfohlenen – unkonventionellen Jahreszeitendeko dürfte „Gay Living“ auf dem heimischen Büchertischchen aber auf jeden Fall dazu geeignet sein, vor Freunden und Nachbarn offensiv Toleranz und Stilbewusstsein zu demonstrieren.

BOOM_HWKN_2

Gemeinschaftswohnhaus der Boom-Siedlung – geplant vom New Yorker Architekturbüro Hollwich Kushner mit Jogging-Strecke auf dem Dach.

Die Vorhut des Camp

Schon die US-amerikanische Schriftstellerin und Essayistin Susan Sontag sah im ausgeprägten „ästhetischen Empfinden“ der Homosexuellen den Schlüssel zu deren „gesellschaftlicher Integration“. Auch wenn sie das Stereotyp damit nicht erfunden hat, so trug Sontag mit ihrem legendären Essay „Notes on Camp“ von 1964 doch wesentlich dazu bei, das Bild vom designaffinen homosexuellen Mann gesellschaftsfähig zu machen. Für Sontag beschreibt der Begriff des Camp dabei keinen eigentlichen Stil, wie es „Gay Living“ mit der Behauptung eines „typisch schwulen Wohnstils“ versucht, sondern Camp meint im Sinne Sontags eine moderne „Erlebnisweise“, die „die von den Sinnen wahrgenommene Oberfläche auf Kosten des Inhalts betont.“ Camp, als „konsequent ästhetische Erfahrung der Welt“, ist der „Sieg des Stils über den Inhalt“. Übertreibung, Phantastik und vor allem Leidenschaftlichkeit sind die zentralen Eigenschaften des Camp. Und Sontag macht keinen Hehl daraus, welcher gesellschaftlichen Gruppierung sie diese Eigenschaften zutraut: „Jemand anders hätte Camp erfinden müssen“, so Sontag, „wenn es die Homosexuellen nicht schon mehr oder weniger getan hätten.“ Sie, die Homosexuellen, so Sonntag weiter, „bilden im großen und ganzen die Vorhut des Camp.“ Sie stellen „die dominierende schöpferische Minderheit in der zeitgenössischen urbanen Kultur dar.“ Bis heute sind Sontags steile Camp-Thesen kaum hinterfragt wurden. Ganz im Gegenteil: Seit Jahren etwa versucht der US-amerikanische Stadtsoziologe Richard Florida mit Hilfe empirischer Studien zu beweisen, dass ein Zusammenhang zwischen dem kreativen Potential einer Stadt und ihrer Homosexuellendichte besteht. Obwohl heftig umstritten, hat der so genannte „Gay-Index“ seinen Erfinder mittlerweile zu einer internationalen Berühmtheit gemacht. So ist das medial vermittelte Bild des Homosexuellen noch immer das des erfolgreichen Kreativen – sei er nun Modedesigner, Künstler, Innenarchitekt oder Ex-Fußballnationalspieler.

Missgeschicke der Möblierung

Nirgendwo lässt sich der wirkliche Wohnzustand des homosexuellen Mannes im Jahre 2014 besser analysieren als in Sozialen Netzwerken wie Gayromeo, in dem sich ein Großteil der weltweiten Gay Community versammelt. Auf den Profilbildern der Nutzer – aufgenommen zumeist in den Wohn- oder Schlafzimmern der eigenen Wohnung – offenbart sich allzu oft das ganze Ausmaß gestalterischen Unvermögens. Wohlgemerkt! Wir sprechen dabei nicht über das primär im Bildmittelpunkt stehende Objekt der Selbstdarstellung, sondern ausschließlich über die Umgebung, in dem sich dieses Selbst inszeniert. Das machen auch die Betreiber von „Lurid Digs”, was man wohl am besten mit „schrille Bude“ übersetzt. Das sechsköpfige Team – fünf Männer, eine Frau und im Hauptberuf allesamt so etwas wie Lifestyle-Blogger – besprechen auf ihrer gemeinsamen Internetseite Profilbilder u. a. aus Gayromeo. Dabei „durchkämmen“ sie die Bildhintergründe „auf der Suche nach Hinweisen und Zeichen“, so die Aussage der Macher, „die tausendmal faszinierender sind als die blanken Hintern oder angeschwollenen Genitalien“ im Vordergrund. Sie betrachten die gezeigten Innenräume „wie eine Handschrift“, die dem, der die „Missgeschicke der Möblierung“ zu deuten weiß, mehr über Abgründe und Untiefen verraten, als es die entblößten Körper im Bildmittelpunkt je tun könnten. Was „Lurid Digs“ zeigt, sind die „horrifying gay amateur interiors“, die es laut Klischee eigentlich gar nicht geben dürfte.

Der vollständige Beitrag ist 2014 in MÄNNER erschienen – hier geht’s zum ABO

Fotos: Boom/Hollwich Kushner

Galerie: www.luriddigs.com


1 Kommentar


Schreibe einen neuen Kommentar



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close