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Uruguay ist offen für alle

Das Land gehört zu den liberalsten in Südamerika

von Dirk Baumgartl

Als zweites Land Lateinamerikas öffnete Uruguay im Frühjahr 2013 die Ehe und hat sich damit einen festen Platz auf der schwulen Landkarte gesichert. Auf einer Reise entlang des Rio de la Plata kann man neben der Szene in Montevideo alte Kolonialstädte, fruchtbares Weinland, kilometerlange Strände und schroffe Küsten entdecken

Bei einem flüchtigen Blick auf Südamerika könnte man es beinahe übersehen: Uruguay, eingerahmt von den riesigen Territorien der Länder Brasilien und Argentinien,  ist der kleinste spanischsprachige Staat des Kontinents, der im vergangenen Jahr vor allem mit drei Themen für Schlagzeilen sorgte. Zum einen las man in zahlreichen Zeitungsportraits über Uruguays früheren Staatschef José Mujica, genannt El Pepe, der die präsidiale Sommerresidenz versteigern ließ, um den Erlös in den Sozialwohnungsbau zu stecken, von seinem Gehalt 90 Prozent caritativen Zwecken spendet und auf einem kleinen Bauernhof mit seiner Frau und der dreibeinigen Hündin Manuela lebt.

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Mit seiner linksliberalen Wirtschaftspolitik hielt der sonderbare Kauz das Land, das mehr Rindfleisch exportiert als das zwölfmal größere Argentinien, auf stabilem Wachstumskurs. Ende 2013 hat Uruguay zudem als erstes Land der Welt den Anbau und Verkauf von Marihuana unter staatlicher Kontrolle und in begrenztem Umfang legalisiert; der Besitz und Konsum für den Eigenbedarf waren bereits erlaubt. Und im April 2013 öffnete das uruguayische Parlament mit großer Mehrheit und Unterstützung durch Präsident Mujica (der im März 2015 zurücktrat) als zweites Land Lateinamerikas die Ehe; Lebenspartnerschaften und Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare waren bereits legal. Sogar ranghohe Bischöfe haben ihre Kirchen für homosexuelle und transsexuelle Christen geöffnet. Das Land, dessen Fläche etwa halb so groß wie Deutschland ist, aber nur gut drei Millionen Einwohner hat, gehört damit zu den liberalsten des Kontinents und wartet darauf, auch von schwulen Touristen außerhalb Südamerikas entdeckt zu werden. Die Offenheit der Bevölkerung, ein hohes Sicherheitsgefühl und ein entspanntes Reisen auf ruhigen Straßen machen es leicht, sich im Land zu bewegen.

Die Stadt Colonia del Sacramento im Westen des Landes gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe

Die meisten Einreisen verzeichnet nicht etwa der moderne Flughafen der Hauptstadt Montevideo, sondern die von der UNESCO zum Weltkulturerbe ausgezeichnete Stadt Colonia del Sacramento im Westen des Landes. Ein Besuch der 1680 von Portugiesen gegründeten Stadt ist einer der beliebtesten Tagesausflüge vom etwa eine Stunde mit der Schnellfähre entfernten Buenos Aires auf der gegenüberliegenden Seite des Rio de la Plata. Durch ein altes Stadttor gelangt man über holpriges Kopfsteinpflaster in die Altstadt, das Barrio Histórico mit seinen kleinen Häusschen im spanischen und portugiesischen Stil. Seinen wahren Zauber entfaltet die Stadt am Abend oder frühen Morgen, wenn die Tagestouristen noch nicht die engen Gassen bevölkern und man in aller Ruhe in einem der zahlreichen Restaurants ein Stück gegrilltes Rindfleisch genießt.

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Das feine Gay Resort wurde von dem spanisch-uruguayischen Pärchen Mario und Paco in Eigenregie geplant und gebaut

Hip, jung und in der Hochsaison von Weihnachten bis Ende Januar Tummelplatz des internationalen Jetsets: Die Strände von Punta del Este gelten als eine Art französische Riviera Südamerikas. Am Übergang des Rio de la Plata in den Atlantik liegen zahlreiche Sommerhäuser der Reichen und Schönen, besonders im kleinen Ort José Ignacio unweit von „Punta“ ist die Dichte spektakulärer Villen immens. In Strandclubs und -restaurants wie La Susana serviert man im stylischen Ambiente bestes Seafood bei chilliger Musik. Die besten Strandpartys gibt es am Bikini Beach in Punta del Estes trendigem Stadtteil La Barra, während sich die schwule Szene ein paar Kilometer außerhalb am Chihuahua Beach trifft. Der ruhige Strandabschnitt mit kleiner Strandbar ist Uruguays bekanntester Szenetreffpunkt und in den Sommermonaten der perfekte Ort für einen Badeurlaub. An den Wochenenden kommen neben den Urlaubern aus Punta del Este auch viele Besucher aus der etwa zwei Stunden entfernten Hauptstadt Montevideo hierher. Gleich hinter dem Strand eröffnete im Dezember 2013 zudem ein kleines aber feines Gay Resort. Die Casa Mario wurde von dem spanisch-uruguayischen Pärchen Mario und Paco komplett in Eigenregie geplant und gebaut und ist mit modern ausgestatteten Zimmern, Pool und kleiner Frühstücksterrasse ein idealer Ort für alle, die hauptsächlich den nahen Strand genießen wollen.

Offen für alle

Wer sich für Ausflüge in die Szene interessiert, sollte im Friendly Point vorbeischauen. Das kleine Büro in der Nachbarschaft des schwulen Clubs Il Tempo am Rodó Park ist Touristeninformation, Reisebüro und Redaktion der Friendly Map in einem. Dort erhält man aktuelle Informationen zu Veranstaltungen, kann aber auch Tages- und Nachttouren durch Montevideo buchen. Natürlich kann es die Szene in Sachen Vielfalt nicht mit der von Buenos Aires aufnehmen – für ein erlebnisreiches Wochenende reicht die Auswahl jedoch allemal. Ist am Freitagabend vor allem der eher alternativ daherkommende Club Il Tempo populär, geht man samstags in den sich über zwei Etagen erstreckenden Cain Dance Club – jedoch in beide nicht vor zwei Uhr morgens.  Auch die in unregelmäßigen Abständen stattfindende schwule Partyreihe Fiesta Zarp sollte man nicht verpassen. In den Bars Chains Pub und dem wirklich kleinen Small Club finden, ebenfalls zu später Stunde, regelmäßig Dragshows statt. Als abendliches Vorprogramm empfiehlt sich etwa ein Besuch im Restaurant Francis. Bei wunderbaren Fisch- und Fleischgerichten und uruguayischen Weinen lässt sich die Vielfalt des Landes hier auch kulinarisch erleben. Mit einer kleinen Regenbogenflagge auf der Website macht eines von Montevideos besten Restaurants zudem deutlich, dass homosexuelle Gäste hier mindestens genauso willkommen sind wie heterosexuelle. Für alle offen eben.

Fotos: Dirk Baumgartl


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