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Väter unter sich

Ein Gesprächsprotokoll

Daniel (39) und Gisela (41) sind junge Väter. Daniel ist Startup-Unternehmer und hat Enno (10 Monate) ganz konventionell mit seiner Freundin gezeugt. Der Sohn der Drag Queen Gisela Sommer, Yunus (5 Monate), entstand nach der Bechermethode. Klar, dass Daniel viele Fragen hatte. Ein Gesprächsprotokoll

Daniel: Gisela, Du bist jetzt auch Vater! Wie stelle ich mir das vor?

Gisela: Ein befreundetes lesbisches Paar hatte den Wunsch, eine Familie zu gründen. Ich hatte dann eine Zeitlang ein inniges Verhältnis mit einem Urinbecher. (lacht) Wir haben ein paar Versuche gebraucht, bis es zur Schwangerschaft geführt hat. Dass mich die beiden Frauen gefragt haben, war für mich eine totale Ehre.

Sie nahmen Dich damit in ihre Familie auf!

Ja, genau. Und offensichtlich hatten sie auch die Hoffnung, dass mein Genpool erträglich ist. Tatsächlich hatte ich schon seit einigen Jahren mit dem Gedanken an ein Kind gespielt. Für meine Generation von Homosexuellen ist es ja keineswegs eine Selbstverständlichkeit, Familienplanung zu machen. Wir waren in so einem Kinderwunschzentrum – da trifft man Leute, für die das kein Problem darstellt, oder andere, die finden es zwar ein bisschen schräg, aber okay. Es waren aber auch Begegnungen dabei, die man fast als Zumutung bezeichnen könnte. Und ich finde, in einer Arztpraxis kann man sich einfach mal zurückhalten. Die haben das überhaupt nicht zu bewerten.

Das geht ja gar nicht! Was haben die denn gesagt?

Ich habe ein Spermatogramm gemacht, und da war eine Arzthelferin, die so schnöde Sachen machen sollte wie Blut abnehmen. Die hat mich so von oben bis unten gemustert und den Mundwinkel hochgezogen – und meinte: Also, ein Paar sind Sie aber auch nicht. Da klang so eine leichte Verachtung mit, hatte ich den Eindruck.

Gibt es bei Eurer Dreierkonstellation ein Konfliktpotenzial? Weil die Frauen physisch auch immer beim Kind sind? 

Kann sein, ich mache mir da wenig Illusionen. Aber es ist ja so, dass sämtliche Konstellationen schwierige Phasen haben  und in die Binsen gehen können. Eine Familiengründung ist so umfassend und auf solche Langfristigkeit angelegt, dass man nicht ausschließen kann, dass es auch mal schwierig wird. Aber wir sind jetzt zum Beispiel als neue Familie aufs Land gefahren in ein kleines Häuschen. Das war phantastisch für mich. Da durfte ich zum ersten Mal längere Zeit am Stück Papa spielen. Sohn trösten, Grill anmachen, wieder Sohn trösten – das war ganz toll.

Habt Ihr vertraglich irgendwas geregelt?

Haben wir nicht. Dadurch dass wir das eine Zeitlang probiert haben, ehe es zu einer Schwangerschaft kam, hatten wir die Möglichkeit, uns weiter anzunähern und schrittweise auch mal Sachen durchzusprechen – das war dadurch ein relativ natürlicher Prozess, hatte ich den Eindruck. Da haben wir dann auch Themen angesprochen, die schwierig sind. Plus, wir sind und waren uns ja einig, wie diese Konstellation aussehen soll. Wir haben aber auch vermieden, und das fand ich sehr gut, zu konkrete Pläne wiederum zu fassen – was etwa meinen Kontakt mit dem Kind angeht. Wie ein Putzplan in der WG. Das ist für mich sowas Neuartiges – das fänd ich fatal, es zu sehr zu planen.

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Was ich bei Enno jetzt so mitkriege, wie er schon anfängt zu stehen … Das ist brutal, was jeden Tag passiert. Ich wollte keine Sekunde davon missen. Wir sind eins, und das Gefühl will ich auf keinen Fall opfern, für keinen Job. Ich will da ein Teil von sein, sodass es für mich ganz klar war, dass ich die Hälfte meiner Zeit arbeite und die andere Hälfte Enno habe – und seine Mutter soll in dieser Zeit, wenn ich ihn habe, möglichst was anderes machen. Klar, manchmal wünscht man sich, man wäre mal drei Tage weg, kann ausschlafen, ohne in der Tiefschlafphase gestört zu werden. Aber das sind nur so kurze Momente – generell würde ich von der Zeit mit Enno nichts missen wollen. Auch wenn’s mal nervt.

Verstehe ich gut. Als ich Yunus das erste Mal einen ganz Tag hatte, 10 Stunden – das war schon super, aber danach bin ich auf dem Heinweg in der S-Bahn eingeschlafen.

Ich hab immer schon Kinder geliebt und mit Kinder gekonnt und mir das je nach Beziehung und Lebenslage gut vorstellen können. Und als Enno da war, musste man nicht lange drüber nachdenken. Das ist von Natur aus in den Genen verankert, dass man es das Geilste auf der Welt findet.

Ich hatte so ein Erlebnis auch, da war ich mit der schwangeren Dame in der Sauna. Da sitzt man so nackt nebeneinander und sieht diesen großen Bauch und fasst ihn an. Solche Dinge haben es mir auch einfacher gemacht, mir das alles vorzustellen. Und dann im Krankenhaus, der Tag der Geburt: Hey, sowas hab ich noch nie erlebt! Und es ist natürlich auch ein wunderschönes Baby! Auch meine Mutter gibt schon mit Fotos von Yunus im Freundeskreis an. Und auf Nachfrage erzählt sie auch von der Bechermethode.

Der vollständige Artikel steht in MÄNNER 9.2015.

Fotos: Jörn Hartmann


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