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Very British: Der begnadete Erzähler

Alan Hollinghurst ist deutschen Kritikern nicht schwierig genug

von Joachim Bartholomae

Als sein erstes Buch, „Die Schwimmbad-Bibliothek”, 1992 auf Deutsch erschien (in diesem Sommer von Albino neu aufgelegt), waren viele seiner heutigen Leser noch gar nicht im schulpflichtigen Alter. Zudem hat Hollinghurst es mit den deutschen Rezensenten nicht leicht. Als sein vierter Roman, „Die Schönheitslinie”, in England mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, war er in den großen Feuilletons hierzulande noch weitgehend unerwähnt. Als begnadeter Erzähler gilt er den deutschen Kritikern als nicht „schwierig“ genug, und außerdem sind seine Geschichten nun mal ziemlich schwul. Meine absolute Lieblingsstelle ist eine Passage von fünfzehn Seiten der „Schwimmbad-Bibliothek”, in der beschrieben wird, wie Sex mal so richtig schief geht. Diese Szene hat einen Ehrenplatz in den Charts der peinlichsten Momente der Weltliteratur verdient, aber die Rezensentin der ZEIT findet so was bestimmt nicht lustig. Geschweige denn diskussionswürdig. In dieser Hinsicht ist Deutschland leider schrecklich provinziell. Selbst in den streng katholischen Ländern Europas hat man ein entspannteres Verhältnis zu Erotik in der Literatur.

Ihn überkommt sofort die Langeweile, wenn er seine Beute erlegt hat.

Hollinghurst ist very british. Familientraditionen und Klassenunterschiede spielen in fast allen seinen Büchern eine Rolle, wobei der Erzähler den Angehörigen der alten Oberschicht stets ein wenig neidisch gegenübersteht. Hauptmerkmal von Hollinghursts Aristokraten ist ihre rätselhafte Entrücktheit. Sie leben buchstäblich in einer anderen Welt. Ich glaube, es ist seine Vorliebe für eine gewisse Art von „Flüchtigkeit“, die ihn dabei antreibt. In seinem zweiten Roman, „The Folding Star”, wird dieses Motiv am deutlichsten: Edward Manners, ein britischer Hauslehrer in Brügge, ist einerseits ständig auf der Jagd nach schönen Männern; andererseits überkommt ihn sofort die Langeweile, wenn er seine Beute erlegt hat. Luc, seine große Liebe, löst sich zudem plötzlich in Luft auf, und alles, was von ihm bleibt, ist das Foto auf einer Vermisstenanzeige.

Immer wieder schreibt Hollinghurst über die Schwierigkeit, Personen und Erinnerungen festzuhalten, die einem wichtig sind. Schon in der „Schwimmbad-Bibliothek” scheitert der Versuch, anhand von Tagebüchern eine Biografie zu schreiben. Stattdessen gerät Biograf Phil zunehmend in ein Spinnennetz von Intrigen und entfernt sich von der Wahrheit, anstatt ihr näher zu kommen.

Als Jahre später der Nationalheilige in einer Biografie als schwul bezeichnet wird, führt das zu einem mittleren Skandal.

Hollinghurst liebt das Spiel mit mysteriösen Verweisen. Auch in seinem neuen Roman steht ein geheimnisvoller Dandy im Mittelpunkt: Der Dichter Cecil Valance ist der realen Figur des Rupert Brooke nachgebildet, der der Gruppe der Bloomsbury-Dichter um Virginia Woolf angehörte. Valance wird berühmt, als Churchill eines seiner Gedichte öffentlich vorträgt, gewissermaßen als nationales Versepos über den Ersten Weltkrieg. Als Jahre später der so zum Nationalheiligen avancierte tote Dichter in einer Biografie als schwul bezeichnet wird, führt das zu einem mittleren Skandal. Allerdings führen die Recherchen für diese Biografie immer tiefer in dunkle Geheimnisse hinein, anstatt sie aufzuklären.

Sein bislang letzter Roman „Des Fremden Kind” (2012) besteht aus fünf Teilen, die den Zeitraum von einhundert Jahren überspannen, mit Stationen in den Jahren 1913, 1926, 1967, 1979 und 2008. Während der Glanz der alten Familien unaufhörlich verblasst, versucht jeder der Überlebenden oder Nachkommen, seine eigene Art von Erinnerung aufrecht zu erhalten, wobei mit Absicht oder aus Versehen immer mehr unbequeme Details verschwinden. Paradebeispiel für diese Art von Erinnerung ist ein Tonband-interview mit einem ehemaligen Bediensteten Cecils, der inzwischen alt und schwerhörig ist. Bei der Abschrift der Tonbandaufnahme bleiben die „pikanten“ Passagen regelmäßig unverständlich; der Autor überlässt es der Phantasie der Leser, diese Stellen nach Lust und Laune auszufüllen.

Dieses Porträt ist erschienen in MÄNNER 9.2012 – hier geht’s zum ABO.

Titelbild: Robert Taylor (picador.com)


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