Der Garten Eden

Inzest, Polygamie und Sexsklaven

Die Bibel kennt viele gottgefällige Beziehungsmodelle

Um noch mal auf Kim Davis zurück zu kommen, die Staatsangestellte aus Kentucky: Sie beruft sich in ihrer Weigerung, gleichgeschlechtlichen Paaren die Papiere zur Eheschließung auszustellen, bekanntlich darauf, dass sie die „christliche Ehe“ verteidigen müsse. Für sie bedeutet das die monogame Verbindung zwischen einem (!) Mann und einer (!) Frau fürs Leben. Genau wie andere Konservative weltweit, inklusive die CDU/CSU in Deutschland, behauptet Davis, dies sei das von Gott in der Bibel vorgeschriebene Modell, an dem wir uns im christlichen Abendland zu orientieren hätten. Dem hat jetzt die amerikanische Psychologin Valerie Tarico in der Zeitung „The Independent“ eine großartige Analyse entgegengehalten, die untersucht: „Wie würde die Ehe aussehen, wenn wir uns wirklich nach der Bibel richten sollten?“

Tarico weist darauf hin, dass die diversen Autoren der Bibel von vielen verschiedenen Formen sexueller Verbindungen sprechen. Und sie betonen dabei immer wieder, dass Gott die verschiedenen Formen der Vereinigung gutheißt. Gesetze oder Propheten schreiben unterschiedliche Partnerschaftsmodelle vor, Jesus befürwortet diese, und Gott segnet sie mit dem wichtigsten Zeichen überhaupt: männlichen Nachkommen, die heranwachsen zu mächtigen Patriarchen.

Während die von der Bibel abgesegnete Liste der möglichen Beziehungsmodelle die Verbindung von einem Mann und einer Frau beinhaltet, findet man dort auch Polygamie, Sexsklaven, Vergewaltigung und Inzest als Optionen. Tarico geht die Liste Punkt für Punkt durch.

Adam & Eva, in einer Darstellung von Hans Sebald Beham aus dem 16. Jahrhundert.

Der erste Mann-Frau-Problemfall der Bibel: Adam & Eva, in einer Darstellung von Hans Sebald Beham aus dem 16. Jahrhundert.

Polygamie ist im Alten Testament die Norm und wird von Jesus ohne Widerspruch akzeptiert (Matthäus 22:23-32). Die Website Biblicalpolygamy.com stellt 40 biblische Figuren vor, die mehr als eine Ehefrau hatten.

Sexsklaven: Die Bibel gibt Anweisungen, wie man sich verschiedene Sorten von Sexsklaven zulegen kann. Zum Beispiel: Wenn ein Mann ein hebräisches Mädchen kauft und sie „ihren Herrn nicht erfreut“, kann er sie nicht an einem Ausländer verkaufen. Außerdem muss er sie gehen lassen, wenn er nicht für sie sorgen kann (Exodus 21:8).

Kriegsbeute: Jungfrauen gehören ausdrücklich dazu. Im 4. Buch Moses (31:18) fordert Gottes Diener die Israeliten auf, alle ‚benutzten‘ Frauen der Midianiter zu töten, zusammen mit ihren männlichen Nachkommen, aber die Jungfrauen für sich zu behalten. Das Gesetz Moses erklärt, wie die rituelle Säuberung der gefangenen Jungfrauen ablaufen soll – vorm Sex (5. Buch Moses 21:10-14).

Die gefangenen Frauen der Midianiter: Gemälde von James Tissot. (Jüdisches Museum, New York)

Die gefangenen Frauen der Midianiter: Gemälde von James Tissot. (Jüdisches Museum, New York)

Inzest: Zwar ist Inzest in der Bibel meistens verboten, aber Gott macht Ausnahmen. Abraham und Sarah, von Gott stark favorisiert, sind Halbgeschwister. Lots Töchter machen den Vater betrunken und besteigen ihn dann. Gott belohnt dies, indem ihre männlichen Nachkommen Stammesväter großer Nationen werden (Genesis 19).

Witwe des Bruders: Wenn der Bruder kinderlos stirbt, muss der andere Bruder die Witwe schwängern. Onan wird von Gott getötet, weil er seinen Samen lieber in den Wüstensand spritzt, als seiner verwitweten Schwägerin ein Kind zu machen; daher das Wort „Onanieren“ (Genesis 38:8-10). Auch das Neue Testament belegt, dass diese Tradition weiterlebte (Matthäus 22:24-28).

Dienerin der Frau: Nach sieben kinderlosen Jahrzehnten sagt Abrahams frustrierte Ehefrau Sarah zu ihrem Mann: „Gehe und schlafe mit meiner Sklavin; vielleicht kann ich durch sie eine Familie gründen.“ Ihre Sklavin Hagar wird schwanger. Zwei Generationen später schicken die schwesterlichen Ehefrauen von Jakob ihm ebenfalls ihre Sklavinnen, die sich darin überbieten, Söhne zu produzieren (Genesis 30:1-22).

Andere Sklaven: Ein Mann soll keinen Sex mit einer Sklavin haben, wenn sie einem anderen Mann angehört. Aber: Falls er es doch tut, soll sie geschlagen werden, und er muss ein Schaf opfern (3. Buch Moses 19:20-22).

Vergewaltigungsopfer: Ein hebräisches Mädchen, das vergewaltigt wurde, kann für 50 Schekel an ihren Vergewaltiger verkauft werden, ungefähr 600 Euro (5. Buch Moses 22:28-29). Er muss sie dann bei sich behalten, weil sie „unterworfen“ wurde.

Man beachte: Die Einwilligung der Frau beim Sex ist in der Bibel absolut überflüssig, angefangen von dem Moment, wo Eva aus Adams Rippe geformt wurde.

Falls jemand einwenden sollte, das Alte Testament zähle nicht für moderne Bibel-Fanatiker, dann sollte man sich daran erinnern, schreibt Tarico, dass keine einzige dieser Verhaltensnormen oder Regeln im Neuen Testament widerrufen oder von Jesus verdammt wurde; ganz im Gegenteil.

Eine sehr queere Gruppe von Männer: Jesus und seine schlafenden Apostel, Hortus Deliciarum.

Eine sehr queere Gruppe von Männern: Jesus und seine schlafenden Apostel, Hortus Deliciarum.

Jahrhundertelang haben die Anführer der Christenheit gestritten, wie mit Konkubinen und Polygamie umzugehen sei, oder mit Sexsklaven. Die sogenannte „Kernfamilie“, die von heutigen christlichen Fundamentalisten in Amerika, Deutschland und anderswo so gepriesen wird, entwickelte sich erst viel später aus dem Zusammenspiel von Christentum und europäischen Kulturen, besonders den monogamen Traditionen Roms.

Während sich die Menschheit und ihre Moralvorstellungen weiterentwickelt haben, hat sich auch die Einstellung zu erzwungenem Sex und Ehe entwickelt – die Gewalt und der Zwang wurden mit der Zeit immer weniger akzeptiert. Die Ehe wurde zu einer Verbindung aus Liebe, die frei eingegangen wird. Tarico schreibt: „Gleichgeschlechtliche Ehen gehören zu diesen ständigen Veränderungen; der Widerstand von sogenannten Konservativen hat wenig mit biblischer Monogamie zu tun. Viele derjenigen, die sich als Bibeltreue bezeichnen, sind einfach immun gegen Wandel. Es geht ihnen nicht um die Bibel, sondern den Status quo. Sie wollen an einer archaischen Hierarchie festhalten, die eine Mehrheitsgesellschaft priviligiert und einen heterosexuellen Mann an der Spitze bevorzugt behandelt.“

Laut Tarico wird die Freiheit zu heiraten, wen man will, sich weiter ausweiten, genau wie andere Rechte, die mit Sexualität, Reproduktion und Familienkonstellationen zu tun haben.

Da helfen auch die wütenden Proteste in Kentucky vorm Gefängnis nichts, in dem Davis hinter Gittern sitzt. Auch angebliche Bibel-Anhänger müssen akzeptieren, dass die Ehe-für-alle die neue Normalität ist. Vielleicht merken sie irgendwann sogar, dass die gleichgeschlechtliche Ehe von Anfang an Gottes Wille war?

Tel Aviv 2015: Gay Pride  im Land der Bibel. (Foto: Privat)

Gay Pride im Land der Bibel 2015. (Foto: Privat)

Titelbild: Peter Paul Rubens, “Der Garten Eden”, 1615, Mauritshuis/Den Haag.


2 Kommentare

  1. Roland Ibanez

    Es ist wie immer: Religiöse Menschen wollen allen anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben.
    Diesen Leuten muss man ganz klar sagen: Eure Bibel interessiert uns nicht. An die Regel da drin dürft ihr euch selber gerne halten, so lange ihr gegen keine Gesetze verstoßt. Aber lasst die anderen Menschen bitte in Ruhe!
    Ich jedenfalls sch… auf Regeln aus der Bibel oder von sonst irgend einer Religion.


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