Wir spielen alles – außer Verstecken!

MÄNNER-Appell zum Coming-out unter Schauspielern und Schauspielerinnen

Vor einem Jahr outete sich Clemens Schick. Viele wussten es schon vorher, aber öffentlich gesagt, dass er schwul ist, hat der 43-jährige Schauspieler („Casino Royale“) erst im vergangenen Oktober in MÄNNER. Seitdem dreht er einen Film nach dem anderen, mal in Deutschland, mal in Hollywood. Die Oscarpreisträger Ben Kingsley und Anthony Hopkins gehören zu seinen Filmpartnern. Karriereknick sieht anders aus.

Keine Rollen mehr zu bekommen, nicht die guten jedenfalls, ist dennoch die Befürchtung vieler, vor allem junger Schauspieler in der Film- und Fernsehbranche. Am Theater, zumal im Bereich Musical, ist das weitgehend anders. Aber selbst dort sind Darsteller nicht gänzlich ohne Angst. Auf der Suche nach zehn Schauspielern, die sich mit Foto und ihrem Namen zeigen, haben einige abgewunken, denen es zu riskant war.

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Foto: Jeanne Degraa

Die Schauspieler, die wir im aktuellen MÄNNER-Heft vorstellen, verstecken sich nicht. Einige von ihnen sind nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Fernsehen und im Kino zu sehen – wie unser Covermann der September-Ausgabe, Constantin Lücke („Soko Stuttgart“, „Dr. Klein“). Auf die Frage, wie er es fände, wenn er eine tolle Filmrolle nicht bekäme, weil er schwul ist, sagt er: „Dann ist das eben so.“ Dass Schwulsein bei Schauspielern immer noch ein Tabu ist, sei zum Teil auch deren eigene Schuld, meint Lücke. „Wir ändern ja die Situation nicht. Wir müssten viel offensiver damit umgehen, gerade auch die prominenten.“

Um das zu unterstützen, startet MÄNNER den Appell „Wir spielen alles. Außer Verstecken“. Er richtet sich an SchauspielerInnen, offen zu ihrer Sexualität zu stehen, aber auch an Caster, Agenten, Produzenten, Regisseure und Fernsehredaktionen, Schauspieler nicht auf ihre Sexualität zu reduzieren. Es gibt namhafte Vorbilder von Schwulen und Lesben, die sich geoutet haben und weiter mit der Schauspielerei ihr Geld verdienen können.

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Foto: Mirjam Knickriem

Maren Kroymann, die nach ihrem Coming-out 1993 zunächst eine gewisse Durststrecke erlebte und seit einiger Zeit regelmäßig in großen Produktion mitspielt („Freier Fall“, „Die Friseuse“), sagte uns: „Ich glaube, bei der Überlegung, sich als Schauspieler oder Schauspielerin zu outen oder nicht, geht es weniger darum, ob man sich für oder gegen die Karriere entscheidet, sondern um die Frage: Wie lebe ich IN meiner Karriere?“, so Maren Kroymann gegenüber MÄNNER. „Mein Coming-out hat mich souveräner und freier gemacht, mutiger, auch im Künstlerischen. Das Vertuschen kostet ja auch so viel wertvolle Energie.“ Kroymann wird am 12. Oktober in Berlin mit Maneo Award für ihr herausragendes Engagement geehrt.

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Foto: Janine Guldener

 

Patrick Diemling, der seit vielen Jahren in der Reihe „Donna Leon“ den Sohn von Commissario Brunetti spielt, outete sich im Frühjahr in einem BUNTE-Interview: „Ich werde … immer wieder von Menschen auf der Straße angesprochen, die mich aus dem Fernsehen kennen. Und vielleicht ist es für diese Eltern oder Großeltern einfacher, ihren schwulen Sohn oder Enkel zu akzeptieren, wenn sie wissen, dass es noch so viele andere gibt, sogar einige bekannte Gesichter, die sie mögen.“

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„Mein eigenes Coming-out im realen Leben war vor genau 37 Jahren“, berichtet Gustav Peter Wöhler (am 24. September läuft „Das Kloster bleibt im Dorf“, ZDF), der in Hamburg als prominenter Schauspieler eine Kampagne gegen AIDS unterstützt. „Damals, 1978 , war es in der Gesellschaft noch mehr als umstritten und voller Ressentiments , ja , es war sogar strafbar , homosexuelle Handlungen zu begehen. Für mich war es aber eine Notwendigkeit, offen zu sagen: Ich bin schwul. Ich konnte wieder frei atmen und musste mich nicht mehr verstecken oder mich selbst belügen. Diese erste Zeit war schwer, auch wenn es auf der Schauspielschule und im Theater schon damals verständige Kollegen und Regisseure gab. Doch geoutet waren wir damals am Hamburger Schauspielhaus gerade mal 2!

Nun das hat sich alles geändert, oder? Wenn ich heute am Theater oder beim TV/Kino arbeite, treffe ich hier und da schwule Kollegen, ob geoutet oder nicht. Ich weiß nicht, wie viele Rollen ich nicht bekommen habe, weil ich schwul bin. So offen ist es mir nie gesagt worden. Zum Coming-out kann ich aber jedem nur raten, egal ob Schauspieler , Bäcker, Monteur oder Jurist“, so Wöhler. „Sie werden es schwer haben, immer noch, aber man selbst ist befreit von der Angst und dem Versteckspiel.“

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Foto: Rene Hofschneider

 

Matthias Freihof, der 1989 die Hauptrolle im einzigen Schwulen-Film der DDR „Coming-out“ spielte und mit Wöhler ab November wieder in „Der kleine König Dezember“ am Berliner Schlossparktheater zu sehen ist, kennt viele junge Kollegen, die sich nicht trauen – aus Angst, nicht mehr gebucht zu werden. Er beklagt die Einfallslosigkeit der Fernsehredakteure, die eine allzu große Macht haben, weil in Deutschland kaum noch ein Film ohne Beteiligung eines Senders gedreht wird. Natürlich wisse man nie, welche Rolle man nicht bekommen hat, weil man schwul ist, aber Freihof sagt: „Ich habe auch keinen Bock, mit solchen Leuten zu arbeiten.“ Angst, dass sich das Publikum nach dem Coming-out abwendet, müsse man jedenfalls nicht haben. „Ich habe auch nach meinem Coming-out noch viel Fanpost von Damen bekommen, die geglaubt haben, ich hätte einfach noch nicht die richtige Frau getroffen.“

Es gibt zum Beispiel homosexuelle Hautdarsteller, die wunderbare Liebhaber in heterosexuellen Beziehungen spielen.

Auf der Suche nach Erklärungen baten wir große Agenturen wie Players (Moritz Bleibtreu, Udo Kier etc.) und Schulze & Heyn FILM PR (Hanno Koffler, Florian David Fitz etc.) betreuen, um eine Stellungnahme – bekamen aber keine Antwort. Also probierten wir es bei Produktionsfirmen und Fernsehredaktionen. Die einzige Reaktion erreichte uns von Claudia Tronnier, die beim ZDF die Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ für Nachwuchsproduktionen leitet.

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Claudia Tronnier (Foto: ZDF/Rico Rossival)

„Bei uns spielt die sexuelle Ausrichtung keine Rolle bei der Besetzung, auf die wir in der Regel auch keinen Einfluss nehmen. Die Regisseure wählen ihre Darsteller selbst aus. Es gibt zum Beispiel homosexuelle Hautdarsteller, die wunderbare Liebhaber in heterosexuellen Beziehungen spielen. Das Publikum weiß meistens gar nicht, ob jemand schwul ist oder nicht, während es in der Branche oft ein offenes Geheimnis ist.“

Schwule Schauspieler = schlechte Quoten?

Tronniers klares Statement macht Hoffnung. Und was die anderen Fernsehredakteure betrifft, die, von Kreativität meist ungetrübt und aus Angst vor schlechten Quoten mit einem heteronormativen Tunnelblick am liebsten auf Nummer Sicher gehen – für die wagt eine Constantin Lücke eine amüsante Kampfansage: „Wenn sich hierzulande möglichst viele Kollegen outen würden, dann hätten die Redaktionen ein Besetzungsproblem.“

 

Zu den Erstunterzeichnern des Appells gehören außerdem:

Benjamin Hille, Anthony Curtis Kirby, Dirk Kummer, Frank C. Marx, Felix Martin, Oscar Olivo, Georg Uecker, Rosa von Praunheim, Axel E. Weidemann

Berlin, am 14. September 2015


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