Mads Nissen

Homosexualität im Hauptbahnhof

Bilder des World Press Photo Award in Berlin zu sehen

Es ist derzeit viel von „Willkommenskultur“ die Rede. Da passt es gut, dass die Deutsche Bahn alle Besucher der deutschen Hauptstadt seit dieser Woche am Hauptbahnhof empfängt mit einer Ausstellung der Gewinner des World Press Photo Award. Der erste Preis ging bekanntlich an ein Bild, das zwei schwule Männer in Russland zeigt, vom dänischen Fotografen Mads Nissen.

Den Preis hatte Nissen zwar schon im Februar erhalten, aber jetzt ist das Bild überlebensgroß in der Vorhalle des Hauptbahnhofs in Berlin zu sehen. Zur Eröffnung der Ausstellung kam die Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat (SPD), und hielt eine lange Rede zum Thema Homosexualität. Und das, obwohl es neben dem Russland-Bild noch viele andere Fotos gibt und entsprechend andere Themen für eine Rede gegeben hätte. Der Fokus der Senatorin auf LGBTI-Fragen war also bemerkenswert. Passt aber dazu, dass die Kulturstiftung des Bundes und der Länder 2015 auch massiv die Ausstellung „Homosexualität_en“ in Berlin unterstützt haben, fast mit ihrem gesamten Jahresetat, um ein klares politisches Zeichen zu setzen.

Die World-Press-Photo-Award-Ausstellung ist an diversen Orten weltweit zu sehen, demnächst auch an verschiedenen weiteren deutschen Bahnhöfen: z.B. Dresden Neustadt, Nürnberg, München und Erfurt.

Aber der Berliner Hauptbahnhof ist natürlich ein besonderes Schaufenster, mit dem die Deutsche Bahn AG einem Bild wie dem von Mads Nissen maximale Sichtbarkeit im öffentlichen Raum verschafft.

Es zeigt das Paar John und Alex in ihrer kleinen Wohnung in St. Petersburg. Die Aufnahme ist Teil eines größeren Projekts zu Homophobie in Russland. Weil Nissen bei den Diskussionen über Homosexualität die Liebe zu kurz kam, habe er sich eigenen Aussagen zufolge entschieden, die Intimität von Liebenden in den Vordergrund zu rücken. Es gibt aber auch deutlich verstörendere und aggressivere Bilder von Nissen. Das schockierendste zeigt Maxim Martsinkevich mit seiner neo-nationalistischen Gang in einem Screenshot, wie sie einen Mann zu einem Date gelockt haben und ihn demütigen, die Haare abrasieren, als „Schwuchtel“ beschimpfen, misshandelen – und das alles filmen, um es ins Internet zu stellen, als glorreiches Vorbild, dem andere nacheifern können.

Die Feuilletons der Hauptstadt haben von der Ausstellung in einem sogenannten Einkaufsbahnhof keine Notiz genommen, auch zur Rede von Scheeres gibt’s kein Medienecho. Trotzdem lohnt es, bei der nächsten An- und Abreise in Berlin die Augen aufzuhalten und nach dem Nissen-Bild Ausschau zu halten. Besonders für all diejenigen Touristen, die zum Folsom Festival im September nach Berlin kommen, ist es eine Erinnerung daran, was bei uns bei hellem Tag und auf offener Straße möglich ist – im Vergleich zu anderen Ländern. Die Ausstellung ist bis zum 11. September zu sehen, Folsom beginnt einen Tag später.

Mehr zum Thema: Mads Nissen und die Entstehung seines Fotos

Titelbild: Mads Nissen, World Press Photo, Kategorie „Contemporary Issues“, Dänemark, Scanpix/ Panos Pictures

 


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