05 Sissi

40 JAHRE FILMDOSE

Zum 1. Todestag von Walter Bockmayer

von Volker Glasow, Köln

 

Am 7. Oktober jährt sich der Tod von Walter Bockmayer zum ersten Mal. Der Regisseur und Theatermacher hatte 1974 in Köln die legendäre Filmdose gegründet. 26 Jahre alt war Bockmayer, als er auf der Zülpicher Straße an der Ecke zur Kyffhäuser Straße das Lokal „Filmdose“ eröffnete – ein Ort, der die Kultur- und die Gayszene der Stadt bündelte, Kölns Ruf als Theater-, Film- und Medienstadt stark prägte und jede Menge Stars hervorbrachte und beherbergte. 1975 sei dies gewesen, liest man immer wieder, dabei sind wir bei unseren Recherchen auf das tatsächliche Anfangsdatum gestoßen: Das war bereits im November 1974, erinnert sich Rolf Bührmann, Wallys Witwer.

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„Café Funz“ hätte Wally als Name gut gefallen, aber in den 70ern war das undenkbar. Das ging vielleicht auf der Reeperbahn, wo es die „Ritze“ gab, aber nicht in einem Kölner Wohnviertel. So kam man nach dem Kölschen Ausdruck für Vagina erst auf „Dose“, dann „Filmdose“. Hella von Sinnen (im Titelbild rechts zu sehen), Ralph Morgenstern und Dirk Bach gehören zu den Prominenten, deren Karriere dort begann

Hella von Sinnen

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„In meiner Erinnerung ist es so, dass Dada Stievermann, Dirk Bach und ich mit den Stinkmäusen unser kleines Programm gespielt haben. Das spielten wir zuerst in der Charade. Da hat Walter Bockmayer unsere Show gesehen und in die Filmdose geholt. Das war noch vor der Geierwally und wenn man heute zurückschaut, haben wir mit unserer Show die Bühne in der Filmdose etabliert. Natürlich waren wir schon vorher in der Filmdose. Dirk hat hier auch aufgelegt, denn Walter und Dirk waren die Musikkenner der Welt und haben sich auch darüber wunderbar verstanden. Die Filmdose war in Köln die ganz große Welt. Man wußte ja Walter Bockmayer ist mit Reiner Werner Fassbinder befreundet und für uns junge Künstler war es das Tor zur Welt. Egal, wenn du reinkamst, saß da Udo Kier, Elisabeth Volkmann oder Barbara Valentin am Tresen. Das war eine ganz aufregende Lokation. Die Wände waren gepflastert mit Filmplakaten.

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Als die Geierwally in der Filmdose gespielt wurde, war ich sicher 30x in der Vorstellung. Ich konnte mich gar nicht satt sehen, so geil fand ich das Stück, gespielt von Dirk Bach, Ralph Morgenstern und Samy Orfgen. Immer bei Jubiläen, also zur 50, 100, usw. habe ich Gastauftritte in der „Geierwally” gemacht.”

„Geierwally” ging auf Tournee und danach haben Ralph Morgenstern, Dada und ich unter der Regie von Bernd „Holzi” Holzmüller „Kaiserschmarrn” gemacht. Das war natürlich ein heftiges Erbe. Die letzten 14 Tage vor der Premiere machte Walter dann die Endregie. Daran erinnere ich mich unheimlich gerne, weil Walter Bockmayer ein hervorragender Regiesseur war. Er war ein unglaublicher Pointengeber, ein Beobachter, ein Wissender. Es war die einzige Regiearbeit, die ich mit Wally gemacht habe.

Es war die geilste Zeit meines Lebens anfang der 80er Jahre.

Oft wird gesagt, Wally wäre Dirks, Ralphs und mein Entdecker. Das empfinden wir drei natürlich nicht so, weil wir der Meinung sind, dass wir uns selber entdeckt haben.

Wenn ich an die Filmdose denke, erinnere ich vor allem meine Jugend. Es war die geilste Zeit meines Lebens anfang der achtziger Jahre. Die Welt stand einem offen und ich fand uns alle so toll. Wir waren so anders, wir waren so kreativ und wir waren, wenn man Dada und Samy mal ausnimmt – alle homosexuell. Wir waren wild, wir waren gut und wir waren alle talentiert. Wir waren für uns der Nabel der Welt. Das habe ich einfach genossen, dass ich dazu gehören durfte.

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Wenn ich mich an die Filmdose erinnere, fällt mir ein Zitat von Walter Bockmayer ein, welches leider unrezitabel ist. Jeder der Wally kennt, weiß wie direkt er war und zum Ordinären neigte. Aber die Persönlichkeit Walter Bockmayers ist einfach unvergeßlich – diese wunderbare Mischung aus Excentric und Energie bei einem hochsensiblen Menschen.

Habe ich die Filmdose jemals verlassen? Ich bin mit meinem Herzen immer noch da.”

 

Ralph Morgenstern

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„Die Filmdose war damals eine sogenannte IN-Kneipe. Teilhaber waren Wally, Rolf und Wilhelm „Mine” Haneklaus. Ich habe Wally durch die Filmdose als Gast kennengelernt. Ich war ja damals „Popstar und Sänger” mit GinaX und wir hatten österreichische Komponisten, mit denen sowohl Wally, als auch ich für einen Film zusammengearbeitet hatten.

und dann bin ich rausgeflogen 🙂

Später habe ich in der Filmdose gekellnert. Wir waren zuerst Freunde, bevor wir zusammen gearbeitet haben. Und Wally hat mich 1982 gefragt, ob ich im Theaterstück „Die Geierwally” mitspiele. Das Stück haben Wally, Samy und ich bearbeitet. Es kam 1984 auf die Bühne. Die Bühne war winzig, so 2×2 Meter groß. Wir haben ein viertel Jahr lang jeden Tag gespielt, dann sind wir ein Jahr auf Tournee gegangen. Dadurch wurde das Stück so bekannt, das auch das ZDF eingestiegen ist und das Stück verfilmt werden konnte. Der Film kam 1989. Es folgten die Stücke „Sissy”, „Kleopatra” und dann bin ich rausgeflogen :-). Wally und ich waren wie ein altes Ehepaar, wir haben uns zu Höchstleistingen angespornt und aufgestachelt. Die Zusammenarbeit mit Wally war sehr, sehr fruchtbar und wir haben viel Erfolg gemeinsam gehabt, das war schon toll. Ich habe in allen Beziehungen ziemlich viel von Wally gelernt. Irgendwann war die Zeit vorbei, es war einfach mal gut. Wir mussten beide was anderes machen.”

 

Marcos Schlüter

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„Die Filmdose war die Hoch-Zeit von Köln. Köln war praktisch die deutsche Kulturhauptstadt, heute sagt man Kleinkunstszene. Das war seinerzeit auch nur in Köln möglich, was Wally gemacht hat. Ohne Wally und die Filmdose, wären die Karrieren vieler Kölner Künstler sicher nicht so verlaufen. Ich erinnere mich gerne an die Zeit in der Filmdose, an die ganzen 8 Jahre, die ich da Theater gespielt haben. Es war eine sehr wichtige Zeit für mich.

Ich habe in der Filmdose meine Lehre gemacht.

Am 12.01.1994 bin ich durch ein Casting zur Filmdose gekommen für das Stück „Elvira – die Samenbankmörderin von Burg Gerolstein”. Ich habe da den Graf von Gerolstein, einen Vampir gespielt. Dort lernte ich Wally kennen und schätzen. Er ließ mir alle Freiheiten auf der Bühne, so zu spielen, wie ich möchte und mich auszuprobieren. Ich konnte dadurch, meinen Grundstein legen, von dem, was ich heute immer noch mache, bin und tue. Ich habe im Grunde in der Filmdose meine Lehre gemacht.”

 

Bernd Holzmüller

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„Ich bin während meiner Schulzeit zur Filmdose gekommen. Da liefen damals von Wally die Super-8-Filme hinten im Raum, wo dann später die Geierwally gespielt wurde. Der Eintritt war damals sogar noch frei. So bin ich hierher gekommen und hängengeblieben. Ich hab auch hinter der Theke gearbeitet und später Platten aufgelegt – also ebenso wie Dirk und Ralph. Später habe ich bei Wally Regieassistenz gemacht und habe bei allen Stücken und Filmen von Wally mitgemacht. Das letzte Stück, welches wir zusammen gemacht haben, war „Geierwally” als Film. Danach habe ich noch 2 Stücke in der Filmdose inszeniert: „Kaiserschmarrn” und „Untermieter gesucht” – beide mit Hella von Sinnen und Ralph Morgenstern.

 

Durch die Freundschaft von Wally zu Rainer Werner Fassbinder war auch die ganze Münchner Clique hier zu Gast, angefangen bei Barbara Valentin bis Elisabeth Volkmann.

Die Zeit in der Filmdose ist ein großer Abschnitt meines Lebens gewesen, das waren bestimmt 10 Jahre. Es hat mich letztendlich zum Theater, Film und Fernsehen gebracht. Die Filmdose war in ihrer Hoch-Zeit, die Kneipe an der niemand dran vorbei kam, ob schwul, lesbisch, trans, berühmt oder unbekannt, Politiker, Künstler, Student, Schüler oder die Halbwelt. Was natürlich dabei eine große Rolle spielte, war die Freundschaft von Wally zu Rainer Werner Fassbinder. Dadurch war auch die ganze Münchner Clique hier zu Gast, angefangen bei Barbara Valentin bis Elisabeth Volkmann. Das waren alles Leute, mit denen wir viel gefeiert haben und mit denen Wally auch viel gearbeitet hat. Für alle Stars, die in Köln waren, gehörte es zum guten Ton, in der Filmdose zu sein. Wally war jeden Abend da oder hat Platten aufgelegt. Da war einfach die beste Stimmung, die beste Kneipe und auch zu Karneval war es der Platz, wo man sein mußte. Wir sind jeden Tag dort gewesen und wenn geschlossen war, hatten wir als Alternative noch das Timp oder das MonteChristo.

In keiner anderen Gaststätte hat sich das ganze Kölner Kulturleben, die schwule und lesbische Szene und das normale Leben so gemischt.

Es war immer bis morgens früh auf, die Rollläden waren unten und nur am Eingang einen Spalt offen. Wer es wußte, ist immer unterm Rolladen durchgekrochen. Es ging so lange, bis es hell wurde und meist stand die Putzfrau im Raum, ehe wir nach Hause gingen.

Es war eine super Zeit mit allen Höhen und Tiefen. Es war ein Sammelbecken extremer Persönlichkeiten, wo es natürlich auch oft Krach gab. Die Filmdose war für die Kölner Kulter sehr wichtig. In keiner anderen Gaststätte hat sich das ganze Kölner Kulturleben, die schwule und lesbische Szene und das normale Leben so gemischt. In der Filmdose war es damals schon selbstverständlich, so wie es eigentlich sein sollte, dass sich Szenen aller Couleurs gemischt haben.”

Fotos: Redaktionsbüro vvg -koeln


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