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Coming-out im Gottesdienst

20-Jähriger Katholik tritt aus Heimat-Gemeinde aus

Philipp Huber ist 20 Jahre alt und war, so sagt er selbst, „bis vor kurzem gläubiger Katholik“. Er besuchte regelmäßig den Gottesdienst, wo er als Lektor in seiner Heimat-Gemeinde in Wendlingen am Neckar aus der Bibel vorlas oder Fürbitten vortrug. Obwohl er im Februar in die Nähe von Göppingen gezogen war, fuhr er immer noch in das 30 Minuten entfernte Wendlingen, um seiner Arbeit als Lektor nachzugehen. Bis vor kurzem.
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Foto: privat

Am Ende eines Gottesdienstes im August stellte er sich ans Rednerpult und outete sich vor den versammelten Gemeindemitgliedern (der Gottesdienst war mittelmäßig besucht). Im nächsten Schritt prangerte er die katholische Kirche für ihren Umgang mit Homosexuellen an und gab seinen Austritt aus der Gemeinde bekannt. Die Gründe dafür sind vielfältig:  die widersprüchlichen Aussagen des Papstes, die fragwürdigen Lehren und von der Kirche eigens selbst kreierten Vorschriften für einen Gläubigen und vor allem der Umgang mit Homosexuellen innerhalb der Kirche.

Es ist allein schon schwer genug, mit seiner eigenen Sexualität klar zu kommen.

„… ich halte es für richtig, als gläubiger Christ oder ehemals gläubiger Katholik, Euch mit diesem für viele etwas unbequemen Thema zu konfrontieren. Damit Ihr Euch selbst mal ein Bild darüber macht, wie es mir in meiner Situation innerhalb der katholischen Kirche ergeht.

Mein Thema ist der Umgang der Kirche mit gläubigen Homosexuellen. Denn ja: Ich bin schwul, gläubig und jung. All das passt für viele Menschen nicht zusammen, und bevor sie über mich urteilen, möchte ich sie daran erinnern, das ich auch nur ein Mensch bin, der einen anderen Menschen lieben möchte und von diesem auch geliebt werden möchte, so wie man ist. Und das ungeachtet, ob es eine Frau oder ein Mann ist.

Es ist allein schon schwer genug, mit seiner eigenen Sexualität klar zu kommen, doch ist es noch umso schwerer das mit dem Glauben noch im Einklang zu bringen.“

Seine Rede dauerte etwa eine Viertelstunde. Währenddessen fing eine Frau an zu weinen („ich vermute, es war es aus Mitgefühl“, sagt Philipp). Eine andere verließ während der Rede die Kirche und sagte, sodass alle es hören konnten: „Es ist eine Sauerei und gehört hier nicht hin.“ Wiederum eine andere Frau zündete eine Kerze an und sprach ein kurzes Gebet. Von einem anderen, ebenfalls weiblichen Gemeindemitglied bekam er später diese Mail:
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„Für mich persönlich war es im übrigen ein sehr komisches Gefühl danach“, sagt Philipp. „Denn zum einen fühlte ich mich sehr erleichtert und zum anderen fühlte es sich an wie Hochverrat, da es etwas war was sonst niemand gemacht hätte. Denn diese Gemeinde und die katholische Kirche war für mich meine Heimat.“
Für den 20-Jährigen war sein Glaube nie von großer Bedeutung, bis auf seine Großmutter ist niemand in der Familie fromm. „Aber der Glaube gab mir sehr großen Halt in einer sehr schweren Zeit in meinem Leben. Nur wurde ich eben leider nicht vom Glauben, sondern von der Institution römisch-katholische Kirche und deren seltsame Lehren enttäuscht, vor allem im Bezug auf Homosexualität.“
Philipp ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass er seinen Glauben an Gott nicht verloren hat. Er hat sich unterdessen viele andere, offenere Glaubensgemeinschaften angeschaut, wie die Alt-katholische und die MCC-Gemeinde in Stuttgart, und auch einen evangelischen Gottesdienst hat er schon besucht. Vielleicht fühlt er sich bei der anderen großen Kirche als schwuler Mann angenommen und zu Hause.
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    Titelfoto: Shutterstock

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