Frankfurter Buchmesse 2014 – Fotoart by Michael von Hassel

Crowdfunding gegen Buchmesse

Braucht man Verlage überhaupt noch?

Die zunehmende Digitalisierung des Büchermarktes macht sich auf der Frankfurter Messe schon länger bemerkbar. Seit drei Jahren dient eine Self Publishers Area als Treffpunkt für Schriftsteller und Künstler, die ihre Bücher auf eigene Faust veröffentlichen, über die Website/App WirSindHierInFrankfurt.de können unabhängige Autoren sich vernetzen und nicht zuletzt finanzieren einige ihre Messestände mithilfe von Crowdfunding-Kampagnen selbst. Jürgen Boos, Direktor der Buchmesse, charakterisiert die Autonomisierung als Trend „weg vom Autor als Dienstleister hin zum Autor auf Augenhöhe“. Sprich: Verlage bekommen Konkurrenz – von ihren eigenen Lieferanten. Und diese Konkurrenz wird befeuert durch die Leser, die jegliche Form von Self Publishing überhaupt erst möglich machen, indem sie die Finanzierung von Projekten durch Beteiligungen auf Online-Portalen wie Kickstarter, Indiegogo oder hierzulande Startnext sichern.

My Chacha is Gay 2014 indiegogo

Die Indiegogo-Aktion für „My Chacha is Gay“ galt neben der Buchproduktion einer Homo-Aufklärungskampagne für Pakistan. Finanzierung mit internationaler Resonanz.

Typisch schwul: Crowdfunding als Kulturförderung
In der schwulen Szene hat diese Form der Kulturförderung schon lange Konjunktur. Die Webserie „Where the Bears Are“ hat per Crowdfunding vier Staffeln zuwege gebracht, Pride-Events von London bis Riga wurden auf diese Weise realisiert, seit 2014 gibt es mit Pinkstart.me ein eigenes LGBTI-Fundraiser-Portal. Und dann ist da noch die Erfolgsgeschichte des Countrysängers Steve Grand, der 2013 durch den schwulen Lovesong „All American Boy“ erst zum Youtube-Wunder wurde und Anfang 2014 bei Kickstarter ein gleichnamiges Album mit 4.905 Unterstützern und 326.594 bereitgestellten Dollars finanzierte.

NEU STeve Grand

Das ursprüngliche Zielbudget von 81.000 Dollar war schon nach 17 Stunden erreicht. Damit gehört Grand bis heute zu den zehn meistunterstützten Kreativen in der sechsjährigen Geschichte des Portals. Und zu den schwulen Champs. Was Geldbetrag und Finanzierungstempo angeht, wurde er am 8.  Juli allerdings von Michael Stokes entthront. Der US-Fotograf brauchte beim Doppelbuchprojekt „Always Loyal“/„Exhibition“ nur 73 Minuten, um das Zielbudget von 48.250 Dollar zu erreichen. Als die Kampagne am 29. Juli endete waren 3.536 Unterstützer am Projekt beteiligt und 411.134 Dollar geflossen – eine Quote von über 800 Prozent, doppelt so hoch wie bei Steve Grand.

UnbenanntAlleingang oder Kooperation?
Aber es gibt noch einen wesentlichen Unterschied zwischen Grand und Stokes. Während ersterer die Produktion des gefundraisten Albums tatsächlich im Alleingang organisierte (und dabei sehr bald an seine Grenzen stieß), hatte letzterer die Produktion des Buchprojekts von vornherein in Kooperation mit Bruno Gmünder geplant. Stokes beschränkt sich auf die künstlerische Arbeit und die Kommunikation mit den Fans, während der Druck und Vertrieb von einem erfahrenen Verlagshaus erledigt wird. So ist der Veröffentlichungstermin im November gesichert und eine termingerechte Belieferung der Kickstarter-Unterstützer gewährleistet. Grand hingegen war mit der Produktion einer Platte, gleichzeitigen Rechenschaftsberichten und der Anfertigung von Zusatz-Goodies heillos überfordert. Verzögerungen waren die Folge. Das fertige Album kam ein Dreivierteljahr später als angekündigt. Erst kürzlich äußerte der Sänger im Interview mit dem Billboard-Magazin: „Ich habe aus der Kickstarter-Geschichte definitiv eine Menge gelernt und würde rückblickend vieles anders machen. Zum Beispiel würde ich nicht noch mal anbieten für eine Beteiligung mit 25 Dollar ein handgemaltes Porträt des Unterstützers mitzuliefern. Am Ende musste ich 200 davon malen.“
Er sagte weiter, er würde inzwischen durchaus in Betracht ziehen, sich einem Plattenlabel anzuschließen: „Es gibt eine Menge Vorteile, wenn man mit einem professionellen Unternehmen zusammenarbeitet. Das weiß ich jetzt – nachdem ich die Erfahrung hinter mir habe, wie es sich anfühlt und was man alles bedenken muss, wenn man eine Platte im Alleingang und ohne ein Label im Rücken produziert.“

 

Rege Resonanz auf ein Crowdfunding-Projekt ist meist ein Indikator für Massentauglichkeit.

Und damit zurück zur Buchmesse: Wenn man so will, steht Steve Grand für den Bereich der Self Publisher, während Michael Stokes den weitaus größeren Anteil von Urhebern repräsentiert, die zwar eigenes Fan-Marketing und Crowdfunding-Kampagnen betreiben, aber trotzdem durch etablierte Verlagshäuser vertreten werden. Schließlich ist rege Resonanz auf ein Crowdfunding-Projekt meist ein Indikator für Massentauglichkeit, die sich auf den klassischen Buchhandel übertragen lässt. Abgesehen davon können natürlich auch Projekte scheitern. Sogar bekannte Größen wie Fotograf James Bidgood und Hollywood-Zampano James Franco haben ihre Erlösziele schon verfehlt. Dennoch gründen große Unternehmen wie die Münchner Verlagsgruppe und Carlsen bereits eigene Crowdfundingportale. Verlage und Self Publisher nähern sich also an. Am Ende profitieren vor allem die Leser.

Erschienen in MÄNNER 10.2015.

Titelbild: Alexander Heimann


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