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„Das wird keine ABBA-Show”

Sven Ratzke singt David Bowie

Man könnte ganze Seiten füllen mit Lobeshymnen von New York bis Australien auf den Sänger, der nach Hedwig and the Angry Inch nun den Bowie gibt – oder auch wieder nicht, aber das erzählt er im Interview (unten) selbst. Einigen wir uns auf die simple Formel: Sven Ratzke ist eine Bombe auf der Bühne. Das wird er auch als „Starman“ beweisen. MÄNNER präsentiert seine Tour, die ihn nach Shows in Berlin und Hamburg (im Oktober) im nächsten Jahr auch nach Amsterdam und New York führt; im April macht „Starman“ in Österreich und der Schweiz Station.

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Sven, was fasziniert Dich an Bowie?
Interessant finde ich vor allem die Phase von 1971 – 80, bevor er zum Mainstream wurde. Die Rollenwechsel, die er vollzogen hat. Natürlich haben andere auch viel Unterschiedliches gemacht, aber das hatte nicht sowas Mystisches. Bowie war noch dazu eine besondere Erscheinung: hagerer Typ mit unterschiedlichfarbigen Augen. Dazu das Spiel mit den Geschlechtern und die Behauptung, von einem anderen Planeten zu kommen: Bowie ist eine Entwicklungsfigur, fast wie ein Parzifal. Irgendwann stand fest: Das muss ich machen!

Wieviel Bowie steckt in „Starman“?
Ich mache das Programm nicht für die Fans – das wird keine ABBA-Show oder sowas. Der Name Bowie taucht kein einziges Mal im Programm auf. Es geht um die Figur, die ich darstelle. Ich hab mich davor ja schon in meinem Programm mit den Diven beschäftigt und bin eingetaucht in eine erfundene Welt, wo man nicht mehr weiß: Was ist da jetzt wahr und was nicht? Der Kern jedenfalls ist wahr: die Emotion.

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Glam-Glanz im Oktober: MÄNNER-Covermann Sven Ratzke

Das klingt rätselhaft.
Gut! (lacht) Es ist alles eine Illusion, wie immer bei Popstars.  Jede Ikone ist eine Erfindung. Und diese Musik, diese Epoche ist ja auch wie ein Traum. „I’m a Rock ’n’ Roll Sandman“ ist unser erster Song: „I’m blowing Stardust in your eyes and now we are dreaming the same dream.“ Bowie kam ja als Ziggy Stardust angeblich von einem anderen Planeten. Das hat er aber nie gesagt auf der Bühne. Ich glaube, der Grund, warum das direkt so gut funktionierte, war dieses Theatralische, das gab es ja sonst gar nicht.

Wie hast Du Dich ihm genähert?
Als ich all diese Bücher gelesen und Dokus gesehen habe, wurde es irgendwann irritierend. Immer wieder kam eine neue Phase. Aber eigentlich ist er ein Puzzle, aus vielen Teilen – wie wir alle. Kein Künstler macht noch irgendwas neues. Andererseits schaffen wir ständig etwas Neues, das aus uns kommt. Ich kann diese Teile vollkommen neu zusammensetzen. In „Starman“ sieht man eine Figur, die mindestens zu 50 Prozent eine Ratzke-Figur ist.

Hast Du Bowie mal getroffen?

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Nein. Aber ich bin von ganz vielen Leuten umgeben, die ihn kennen, die mit ihm gearbeitet haben. Wir haben vorab eine CD aufgenommen mit Steve Elson, dem Saxofonisten, der jahrzehntelang mit Bowie gearbeitet hat. Ich glaube, dass ihm unsere Show gefällt. Eigentlich wollte er Musicals oder Theater machen, und jetzt hat er ja auch ein Musical geschrieben. („Lazarus“ hat am 18. November in New York Premiere, zum Cast gehört Michael C. Hall aus „Six feet under“, der Hedwig auch schon am Broadway spielte, Anm d Red.)

Du spielst die Hedwig, singst in Deiner Show „Diva Diva’s“ Songs von Dalida oder Eartha Kitt – habt Ihr ein gemeinsames Faible für Genderspielereien?
Ich glaube, dass das Bowie gar nicht so bewusst war. Er hatte zwar diese androgyne Phase. Er hat aber nicht gesagt, ich bin jetzt homo. Das war ein Rätsel, eine Provokation. Er wusste vielleicht selbst nicht, was es für einen Effekt hat, wenn er ein Kleid anhat. Das hatte in dem Moment gar nicht so unbedingt etwas mit Gender zu tun. Das haben Leute erst später so interpretiert. Das war bei mir auch immer so: Ich wollte halt etwas Glitzerndes anhaben. Warum nicht? Warum sollte ich mich nicht schminken auf der Bühne? Aber ich wollte es immer stilvoll machen. Da ist Bowie ein gutes Beispiel. Er hat das zurückhaltend gemacht.

In Australien nennt man Deine Shows „europäisches Cabaret vom Feinsten“. Hier bist Du ein „großer Kleinkünstler“. Was ist eigentlich Kleinkunst?
Eine Phase, würde ich sagen, und die ist eigentlich vorbei. Es gab Kleinkunst in einer unglaublichen Vielseitigkeit in den 80ern, mit total geilen Leuten wie Cora Frost oder der wunderbaren Georgette Dee, die ins Burgtheater gegangen ist und es salonfähig gemacht hat. Und dann kam das Fernsehen und diese Comedians kamen, und dann zerfiel der Begriff Kleinkunst so ein bisschen. Kleinkunst – das sind Persönlichkeiten, die machten, worauf sie Bock haben: Geschichten erzählen. Aber wenn ich in New York spiele, spricht man eben von Cabaret. Wobei du das nicht aufs Plakat schreiben darfst, denn sonst heißt es: „Oh my god, this is so 2011!“ Cabaret wollen die nicht mehr.

„Starman“ feiert am 13. Oktober Weltpremiere im TIPI Berlin.

Fotos: Dennis Veldman

 


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